Wirtschaft

Stromnetz am Limit Rechenzentren würgen Londoner Wohnungsbau ab

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Große Rechenzentren bringen die Stromleitungen im Westen Londons zum Glühen. Für den Wohnungsbau bleibt da erst mal nichts übrig.

(Foto: picture alliance / empics)

London steckt in einer tiefen Immobilienkrise und will zügig neuen Wohnraum schaffen. Wichtige Bauprojekte liegen vorerst jedoch auf Eis. Die Kapazitäten des Stromnetzes sind erschöpft. Die Stromfresser sind keine Unbekannten. Ihr Energiehunger bereitet auch in anderen Ländern Sorgen.

Sie sind Fluch und Segen zugleich: große Rechenzentren, die an manchen Orten wie Pilze aus dem Boden schießen. Einerseits konnten nur dank ihrer geballten Power in der Corona-Krise überhaupt Heerscharen von Beschäftigten im Homeoffice arbeiten. Andererseits bringen sie aber auch einige Probleme mit sich. Vor allem sind sie horrende Stromfresser. Und je mehr geklickt, gepostet und gezoomt wird, desto mehr gibt es von ihnen. Ihre Energiebilanz ist fatal.

London bekommt die Folgen des Booms dieser Stromschlucker derzeit ausgerechnet im sensiblen Wohnungsmarkt zu spüren. Die britische Metropole steckt in einer tiefen Immobilienkrise. Große Bauprojekte - vor allem im Westen Londons - sollten eigentlich Abhilfe schaffen. Das war der Plan. Jetzt stocken diese Vorhaben. Schuld sind riesige Rechenzentren, die sich vermehrt genau in dieser Region angesiedelt haben.

Laut "Financial Times" (FT) teilte die Verwaltungsbehörde Greater London Authority (GLA) den Wohnungsbauträgern in West-London jüngst mit, dass die Kapazitäten des Stromnetzes schlicht erschöpft seien, und der Netzausbau mehr als zehn Jahre dauern könnte. Einen Baustopp für neue Projekte bis 2035 schloss die Behörde nicht aus.

Betroffen sind Projekte in den Bezirken Hillingdon, Ealing und Hounslow, die zusammen elf Prozent des Londoner Wohnraums ausmachen. Wie viele Bauvorhaben bisher abgelehnt wurden, ist nicht bekannt. Aber für 25 könnte es möglicherweise das Aus bedeuten, wie ein Sprecher des Verbands Home Builders Federation schätzte. "Unser Verständnis ist, dass sie einfach nicht bauen können."

Industrie 4.0, Video-Streaming und Homeoffice – weltweit arbeiten Server am Anschlag. Das Problem: Ausgerechnet in und um West-London herum, entlang der Autobahn M4, wo Glasfaserkabel mit großen Kapazitäten Richtung Atlantik und Nordamerika liegen, befindet sich ein wichtiger Technologieknotenpunkt. In den vergangenen Jahren haben sich hier internationale Konzerne wie Microsoft, Oracle, Amazon, HP, Sony, Dell und Huawei niedergelassen.

Digitalisierungs-Boom ohne Grenzen

Laut dem Betreiber Digital Realty (der auch über ein Rechenzentrum am Flughafen Heathrow verfügt) werden bis zu 3 Prozent des weltweit verbrauchten Stroms für die Stromversorgung von Rechenzentren verwendet. Das sind mehr als 416 Terawatt und damit mehr als ein Land wie Großbritannien verbraucht. Laut Branchenverband Bitcom haben Rechenzentren in Deutschland 2020 allein insgesamt 16 Milliarden Kilowattstunden geschluckt - deutlich mehr als eine Stadt wie Berlin an Strom verbraucht. Der Bedarf an Rechenleistung ist in den vergangenen zehn Jahren um 60 Prozent gestiegen.

London ist mit seinem Stromproblem nicht allein. In Irland und den Niederlanden, aber auch jenseits des Atlantiks sorgten der Tech-Boom und glühende Leitungen bereits für schlechte Stimmung. Der Inselstaat Irland zählte vor zwei Jahren 70 Rechenzentren und ist heute der am schnellsten wachsende Rechenzentrumsmarkt Europas. Der irische staatliche Netzbetreiber Eirgrid schätzt, dass Rechenzentren bis 2029 fast 30 Prozent der jährlichen Stromversorgung Irlands verbrauchen werden. Ende letzten Jahres mündete die Situation in Protesten, mit Forderungen nach einem Stopp von Rechenzentren, aus Angst vor Stromausfällen.

Im März stoppte der niederländische Senat den Bebauungsplan für ein Meta-Rechenzentrum, bis sichergestellt ist, dass der Antrag der Facebook-Mutter nicht im Widerspruch zum öffentlichen Interesse steht. Proteste gab es auch schon in den US-Bundesstaaten Virginia und Arizona, wegen der Menge an Energie und Wasser, die dort ansässige Rechenzentren verbrauchen. Das energieintensive Schürfen von Kryptowährungen brachte das texanische Stromnetz zum Glühen, vor allem bei hohen Temperaturen.

Es muss mehr Energie gespart werden

Bis es besser wird, wird es nach Expertenmeinung erst mal schlimmer werden, denn auf absehbare Zeit wird der Strombedarf für Rechenzentren weiter wachsen. Zwar versuchen alle Rechenzentren Energie zu sparen, gleichzeitig wird der totale Verbrauch aber weiter ansteigen, da immer mehr Speicher- und Rechendienste in die Cloud ausgelagert werden. Auch Bemühungen, Netto-Null-Emissionen durch alternative Energiequellen zu erreichen, braucht seine Zeit.

Ob und wie sich die Situation bis 2035 verbessert, ist offen. Der Klimawandel und die zunehmende Hitze machen den Tech-Boom zunächst einmal noch herausfordernder. Erst jüngst legten Temperaturen von über 40 Grad in London die Server von Oracle und Google lahm. Mehr Kühlung bedeutet noch mal mehr Stromverbrauch. Wichtig ist, dass die Energiebilanz sich schnell verbessert.

Die britischen Energieversorger SSEN und National Grid wollen ihre Netze aufrüsten, um der höheren Stromnachfrage gerecht zu werden, aber diese Arbeit könnte noch Jahre dauern. Anfang Juli kündigte Großbritannien an, 62 Milliarden Euro in den Ausbau des Stromnetzes zu investieren. Hauptzweck ist, für neue Windparks gerüstet zu sein. Die britische Regierung will bis 2030 die Stromerzeugung durch Offshore-Windanlagen von derzeit 10 Gigawatt auf 50 Gigawatt ausbauen.

Die britischen Versorger können zurzeit nur andere Optionen prüfen: Beispielsweise den Verbrauchern Anreize geben, ihren Stromverbrauch zu drosseln. Oder empfehlen, Tageszeiten mit niedriger Auslastung im Netz zu nutzen. Auch die Anzahl möglicher Anschlüsse soll überprüft werden, ebenso wie die Bedürfnisse der einzelnen Kunden. Ob das reicht, um die Großbauprojekte, die jetzt auf Eis liegen, zu retten, ist fraglich.

Quelle: ntv.de

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