Wirtschaft

Namibia statt Russland Deutschland ringt nach Wasserstoff

25182347.jpg

Trotz idealer Bedingungen für erneuerbare Energieerzeugung, wird Namibia bislang vor allem aus südafrikanischen Kohlekraftwerken mit Strom versorgt.

(Foto: picture alliance)

So richtig rund läuft es bei der Energiewende in Deutschland derzeit nicht. Doch schon bald soll alles besser werden. Die Bundesregierung hat dabei zwei Hoffnungsträger: grünen Wasserstoff und das sonnige Afrika.

Im Kampf für den Klimaschutz ist Wladimir Putin unfreiwillig ein Verbündeter. Denn neben den Folgen des Klimawandels führt auch Russlands Präsident der deutschen Politik und Industrie eindrucksvoll vor Augen, dass Deutschland sich nicht schnell genug von fossiler Energie lösen kann.

Bis 2045 will Deutschland klimaneutral werden. Um die dafür notwendige Transformation der Wirtschaft zu stemmen, setzt Deutschland auf sogenannten grünen Wasserstoff. Doch Deutschland hat viel zu wenig Wind und viel zu wenig Sonne, um den geplanten Bedarf alleine zu decken. Ein Teil der benötigten Energie kann zwar in Deutschland gewonnen werden, der Großteil aber muss aus dem Ausland kommen. Afrika soll als Lieferant dabei eine große Rolle spielen, um schmutzige Energieträger wie Öl, Gas und Kohle durch saubere Energie zu ersetzen.

Großes Potenzial sieht die Bundesregierung in Namibia. Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck ist mit Vertretern deutscher Unternehmen in die Hauptstadt Windhoek gereist, um eine engere Zusammenarbeit auch bei Wasserstoff auf den Weg zu bringen. Das Land bietet ideale Bedingungen.

Mittelfristig soll in Deutschland nur Wasserstoff verwendet werden, der durch Wind- oder Sonnenenergie produziert wurde. Das Prinzip: Mit der sogenannten Elektrolyse wird unter Einsatz von grünem Strom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Grüner, also ohne CO2-Ausstoß hergestellter Wasserstoff soll zunächst vor allem in energieintensiven Industrieprozessen zum Einsatz kommen, die nicht auf grünen Strom umgestellt werden können. Das ist etwa in der Stahl- und Chemiebranche der Fall.

Gesucht: Sonne, Wind und viel Platz

Lieferanten sollen Länder sein, die über viel Wind oder Sonne und damit über ausreichend Potenzial für günstigen Strom aus erneuerbaren Energien verfügen. Außerhalb Europas sind das südlich gelegene, sonnenreiche Länder - wie etwa Namibia. In dem Land können Windräder und Photovoltaik-Anlagen wegen der geografischen Lage viel effektiver eingesetzt werden als in Deutschland. Außerdem ist das Land bei 2,6 Millionen Einwohnern mehr als doppelt so groß wie Deutschland und hat riesige Flächen, die für die Gewinnung von erneuerbarer Energie genutzt werden können. Die Küstenlage ermöglicht, den Wasserstoff - wenn er mit Stickstoff zu Ammoniak verbunden ist - mit dem Schiff nach Europa zu bringen. Attraktiv ist Namibia auch, weil es im Gegensatz zu vielen anderen Energielieferanten eine stabile Demokratie hat.

Die namibische Regierung hat ehrgeizige Pläne. Bisher kauft das Land einen Großteil seiner Energie in Südafrika, wo sie aus Steinkohle gewonnen wird. Nun soll das Land mithilfe von Sonnenenergie bis 2030 den eigenen Energiebedarf vollständig selbst produzieren. Überdies sollen auch synthetische Kraftstoffe exportiert werden. Namibia will zu einem kostengünstigen Lieferanten werden - und einer der Kunden soll Deutschland sein.

Deutschland hat als Teil seiner Nationalen Wasserstoffstrategie Partnerschaften mit mehreren Ländern geschlossen - neben Namibia sind das die Demokratische Republik Kongo, Südafrika, Angola und Marokko. Der Plan: In Afrika entsteht eine innovative, begehrte, kostengünstige und umweltfreundliche Lösung, die den stetig wachsenden Energiebedarf der Welt deckt - und dabei die Klimakrise mildert.

Gigantisches Projekt für kleine Volkswirtschaft

Doch auf dem Weg dahin gibt es Hindernisse. Für die Elektrolyse zur Herstellung von grünem Wasserstoff wird nicht nur Wind- oder Sonnenenergie benötigt, sondern auch viel Wasser. Das kann Süßwasser aus Flüssen, Seen oder Grundwasser sein - oder Salzwasser aus dem Meer, wie im staubtrockenen Namibia, wobei energieintensive Entsalzungsanlagen eingesetzt werden müssen. Die Gefahr ist, dass die Produktion von grünem Wasserstoff negative Folge für die Wasserversorgung vor Ort und für maritime Ökosysteme hat.

Weitere Schwierigkeiten: Um die Projekte umzusetzen, müssen erstmal die Voraussetzungen geschaffen werden. Die Regierungen müssen die erforderliche logistische Infrastruktur errichten und ein Versorgungsnetzwerk ausbauen, um den Wasserstoff zu den Kunden zu transportieren. Private Investoren - etwa aus Deutschland - müssen an Bord geholt, deren Investitionen müssen abgesichert werden. Eine große Baustelle sind fehlende Fachkräfte. Benötigt werden Ingenieure, die die Systeme installieren, überwachen, betreiben und warten.

In Namibia ist man optimistisch, dass das gelingen wird. Die Regierung hat ein auf rund 9,4-Milliarden-Euro geschätztes Projekt für grünen Wasserstoff auf den Weg gebracht. Für das Land ist das eine gigantisches Summe. Zur Einordnung: Die Wirtschaftsleistung von Namibia wird in diesem Jahr geschätzt bei gerade einmal 12 Milliarden Euro liegen.

Neue Abhängigkeiten vermeiden

Bei der Ausschreibung hat sich die deutsche Enertrag mit einem südafrikanischen Partner durchgesetzt. Derzeit werden die Vereinbarungen finalisiert, Vertragsverhandlungen geführt und Partner gesucht. 2027 soll die Produktion starten.

Das Vorhaben ist anspruchsvoll. Von der Küste wird durch eine mit Ökostrom angetriebene Entsalzungsanlage Wasser durch eine Pipeline zur Elektrolyse-Anlage in der Wüste transportiert, wo dann mithilfe von Sonnenenergie Wasserstoff von Sauerstoff getrennt wird. Der Wasserstoff fließt dann in die andere Richtung zurück an die Küste. Dort wird er mit Stickstoff zu Ammoniak verbunden, um auch per Schiff transportfähig zu werden.

Nicht nur Wasserstoff, auch Ammoniak ist in Deutschland heiß begehrt. Er ist einer der wichtigsten Grundstoffe für die chemische Industrie, etwa bei der Herstellung von Düngemitteln. Außerdem kann Ammoniak verbrannt werden, um daraus Energie zu gewinnen. Eine weitere Möglichkeit ist, Ammoniak in Brennstoffzellen zu nutzen. Der Stickstoff kann auch wieder abgetrennt werden, sodass erneut Wasserstoff entsteht.

Das Bundeswirtschaftsministerium will, dass bis 2030 mindestens zehn Länder grünen Wasserstoff nach Deutschland liefern, um künftige Abhängigkeiten zu vermeiden. Auch aus Ländern, aus denen Deutschland derzeit Öl und Gas erhält, soll grüner Wasserstoff importiert werden. Putins Russland allerdings dürfte nicht dazu zählen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen