Wirtschaft

Corona-Krise, made in luxury So schaffte Daimler die Trendwende

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Der Stern gewinnt wieder an Glanz. Auch langfristig?

(Foto: picture alliance / dpa)

Unter Dieter Zetsche wird Daimler zum automobilen Tausendsassa. Doch die Corona-Krise trifft den Konzern hart, brockt ihm Milliardenverluste ein. Zetsche-Nachfolger Källenius ist gefordert. Und er liefert - zumindest kurzfristig.

Ola Källenius hat im Mai 2019 den Daimler-Chefsessel von Dieter Zetsche übernommen. Damals war die Daimler-Welt, so schien es, noch in Ordnung, denn wachstums- und ertragsstarke Jahre prägten die Bilanz seit der globalen Finanzkrise 2009. Zetsche hat auch deshalb viel Renommee erworben und wurde, wenn auch nicht unumstritten, zum Oberkontrolleur seines Nachfolgers als Aufsichtsratsvorsitzender ab 2021 gekürt. Eine effiziente Kontrolle bereits vor dem Amtswechsel wäre aber auch nicht schlecht gewesen. Denn Källenius hat viele verdeckte Konzern-Baustellen sowohl auf der operativen Kosten- und Ertragsseite wie auch bei der grundlegenden Unternehmensstrategie von seinem Vorgänger geerbt.

Inspiration und Transformation waren angesagt. Zum Vorschein kam das, als die Coronavirus-Pandemie den Autokonzern im ersten Halbjahr 2020 völlig ungewohnt tief in die Verlustzone brachte. Der Sanierungsdruck stieg, aber auch die Bereitschaft dazu. Källenius zog die Notbremse - bereits im dritten Quartal fuhr der Konzern wieder Gewinne ein. Das wirft Fragen auf: Kehren neue Besen tatsächlich gut? Hat Källenius bereits nach so kurzer Zeit nachhaltig die Trendwende geschafft?

Zwei Großbaustellen

Fakt ist: Seit der 51 Jahre alte Schwede - ein Daimler-Hausgewächs - das Ruder übernommen hat, ist beim schwäbisch-behäbigen Nobelhersteller alles in Bewegung geraten. Im Stuttgarter Konzern stehen alle Zeichen auf Umbruch: bei den Wirtschaftszahlen, in der Produktportfolio- und Vertriebspolitik, in der Produktionstechnik, bei der Kapazitäts- und Personalplanung, vor allem aber bei den hohen Sach- und Personalkosten sowie - am wichtigsten - in der langfristigen strategischen Ausrichtung des gesamten Konzerns.

Alles in allem recht anspruchsvoll: Zum einen stand Daimler schon vor Corona unter starkem Ertragsdruck - einmal Folge hoher Strafzahlungen wegen des Dieselskandals, vor allem aber bedingt durch hohe cash-lose Vorlaufinvestitionen zum Ersatz der fossilen Verbrennungsmotoren durch neu zu entwickelnde Elektroantriebe. Zudem fand Källenius bei Dienstantritt zwei Zetsche-spezifische Großbaustellen vor, die er, als vormaliger Vertriebs- und Entwicklungsvorstand mit den Problemen bestens vertraut, unverzüglich angehen musste - die eine im "Sprint", die andere im "Dauerlauf".

Im Sprint-Modus war "Sparen" angesagt: Sämtliche Kosten waren in der Wachstumsära Zetsches aus dem Ruder gelaufen. Durch die Absatzzahlen in China verwöhnt, war Sparen für viele im Konzern offenbar ein Fremdwort geworden. Vehement forderte Källenius: "Wir brauchen einen Kulturwandel."

Und der begann dann auch. Die erste Sparrakete wurde bereits im Dezember 2019 - also schon vor Corona - gezündet. Sie war der Verbesserung der Rentabilität gewidmet. Mit dem Betriebsrat wurden umfangreiche Maßnahmen zur Personalkostensenkung und zum sozialverträglichen Abbau von Arbeitsplätzen beschlossen. Die Konzernstruktur sollte verschlankt, Effizienz und Flexibilität gesteigert werden. Hauptzielsetzung war eine schnelle und nachhaltige Anhebung der Rendite, die 2019 auf 2,5 Prozent abgesackt war, auf das frühere Niveau von etwa 8,5 Prozent.

Und dann kam Corona

Der Corona-Ausbruch machte allen Plänen zur Ergebnisverbesserung einen Strich durch die Rechnung. Daimler rauschte im ersten Halbjahr tief in die roten Zahlen - ebenso wie BMW und Audi -, die Umsatzrendite rutschte auf minus 1,6 Prozent ab, im zweiten Quartal lag der veröffentlichte Verlust bei rund zwei Milliarden Euro.

Als Folge musste der Sparkurs nochmals deutlich verschärft werden, die Kosten, neben den Sach- insbesondere die Personalkosten noch viel stärker sinken als ursprünglich geplant. Vordringlich galt es, weitere Verluste zu verhindern und den Konzern schnellstmöglich in die Gewinnzone zurückzuführen, denn die Großaktionäre erwarteten das. Erinnerungen an den ehemaligen Vorstand Wolfgang Bernhard wurden wach. Er hatte vor seiner Entlassung seinem damaligen Chef Jürgen Schrempp mit auf den Weg gegeben: "Stop bleeding!"

Und Källenius stoppte das Ausbluten - was ihn physisch und ersichtlich sehr in Anspruch nahm. Er verordnete drastische kurzfristige Kostensenkungen in allen Ressorts, vor allem bei den Sach-, Personal- und stark aufgeblähten Investitionsausgaben für Forschung und Entwicklung. Die F&E-Quote war von 6,0 im Jahr 2016 auf 9,3 im ersten Halbjahr 2020 gestiegen.

Zweite Sparrunde, erste Erfolge

Die zweite Sparrakete ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten: Ende Juli 2020 einigten sich Vorstand und Gesamtbetriebsrat auf Eckpunkte zur "Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit". Das bedeutete etwa eine befristete Reduzierung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich sowie den Entfall der Ergebnisbeteiligung für das Geschäftsjahr 2020 für alle Beschäftigten. Ein weiterer Personalabbau wurde vereinbart, Zahlen aber nicht genannt.

Der Spar-Crash-Kurs war erfolgreich, der Umschwung in den Geschäftszahlen vom zweiten zum dritten Quartal erheblich: Daimler konnte alle Finanzkennzahlen des verlustreichen ersten Halbjahres, teilweise sogar des vergleichbaren Vorjahresquartals, deutlich übertreffen. Unter Vorstandschef Källenius verzeichneten die Stuttgarter nicht nur einen deutlichen Gewinnsprung, sondern auch den höchsten Barmittelzufluss im operativen Geschäft. Der globale Absatz lag mit rund 614.000 Pkw erstmals wieder höher als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum (plus 3,9 Prozent). Allein in China stiegen die Verkäufe um fast ein Viertel.

Das Personal wurde global betrachtet um zwei Prozent auf 291.000 Mitarbeiter abgebaut. Die Sachinvestitionen um 33 Prozent reduziert, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 15 Prozent gekürzt. Die Finanzlage hat sich dadurch deutlich verbessert: Das Konzernergebnis übertraf den Vorjahreswert um fast ein Fünftel. Der Cashflow hat sich gegenüber dem Vorjahr mit plus 82 Prozent fast verdoppelt. Das operative Ergebnis (Ebit) legte um 14 Prozent zu. Die Gewinnprognose für 2020 wurde angehoben. Kurzfristig kam also Freude auf.

Und ab auf die Langstrecke

Die zweite Baustelle von Källenius, die strategischen Schwachstellen, waren im Sprint nicht zu beheben. Dazu war langer Atem notwendig. Schwerpunkte hier sind etwa die Korrektur der Zetsche-Expansions- und Volumenstrategie um (fast) jeden Preis, also die Straffung des Modellprogramms und der Abbau von Kapazitäten. Källenius' Philosophie: Mehr Klasse statt Masse.

Zetsche wollte Daimler aber auch zum umfassenden Mobilitätskonzern umbauen - in allen möglichen Schattierungen: gekauft, geleast, gemietet, ge-shared, Assistenzsysteme beim Fahren, autonom. Die Folge: Es kostete richtig Geld, brachte aber keins! Källenius' Credo ist dagegen: "Wir glauben, dass 'Modern Luxury' eine Zukunft haben wird."

Ohne Zweifel ist Källenius dabei, den behäbigen Daimler-Konzern wieder in die Erfolgsspur zu lenken. Aber eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer. Ein Anfang ist gemacht, auch wenn vieles von der finanziellen Besserung dem Absatzmarkt China und den harten internen Sparanstrengungen mit Einmal-Charakter geschuldet ist. Kenner der Materie wissen, dass das noch nicht das Ergebnis des eingeforderten "Kulturwandels" sein kann. Nichts ist in großen Industrieunternehmen schwieriger als das. Källenius selbst sagt offen, dass es dazu einen "Marathonlauf" braucht: "Kurze Sprints reichen nicht aus."

Quelle: ntv.de