Wirtschaft

Vier von fünf ICEs sind kaputt So schlimm ist das Chaos bei der Bahn

6129156_lay.jpg

Die Bahn hofft auf mindestens fünf Milliarden Euro zusätzlich vom Bund.

picture-alliance / dpa/dpaweb

Stundenlange Verspätungen, marode Züge, Mitarbeitermangel: Laut internen Konzernunterlagen ist der Sanierungsstau beim Staatskonzern verheerend. Bahn-Chef Lutz braucht dringend eine Milliarden-Spritze des Bundes.

Pünktlich zur Aufsichtsratsitzung belegen interne Dokumente, was jeder Bahn-Fahrer schon ahnte: Die Deutsche Bahn ist nicht nur eine Servicewüste, sie rangiert sich auch wegen mangelnder Investitionen zunehmend ins Aus. Pleiten, Pech und Pannen sind an der Tagesordnung.

Trotz aller Anstrengungen, bei Instandhaltung und Reparaturen Gas zu geben, ist laut den Unterlagen, die der ARD nun vorliegen, nur noch jeder fünfte ICE voll funktionsfähig. Die Züge kommen zu spät in die Werkstätten. Und es bleibt offenbar nur noch Zeit für absolut sicherheitsrelevante Reparaturen.

Seit 2016 soll die Zahl der Züge, die mit Mängeln aus der Werkshalle fahren, um 17 Prozent gestiegen sein. Die Schadensfälle nehmen demnach also schneller zu, als sie behoben werden können. Die Bahn will die Zahlen zwar nicht kommentieren, relativiert sie aber. Die Kriterien bei der Einstufung der Fahrzeuge als fehlerfrei oder nicht fehlerfrei seien bei der Bahn sehr streng, sagte ein Sprecher.

Kaputte Züge sind jedoch nicht das einzige Problem, das die Kontrolleure der Bahn in diesen Tagen umtreibt. Dem Unternehmen mangelt es laut den Angaben auch an 5800 Mitarbeitern in "betriebskritischen Bereichen". Dazu zählen Lokführer, Instandhaltungskräfte und IT-Spezialisten. Nachts gibt es angeblich niemanden mehr, der die Züge auf den Bahnhöfen drehen könnte. Dadurch kommt es zu den bei Bahn-Fahrern mittlerweile bekannten chaotischen Zuständen durch "umgekehrte Wagenreihungen". Unter dem fehlenden Personal und verschlissenem Material leidet die Pünktlichkeit. Die Bahn hinkt weit hinter ihren Zielen für dieses Jahr gesteckten Zielen hinterher.

Scheuer: "Es ist genug Geld im System"

Die internen Unterlagen zeichnen ein verheerendes Bild. Nach den ARD-Recherchen beläuft sich der Investitionsrückstau im Bestandsnetz auf rund 32 Milliarden Euro. Abhilfe ist derzeit nicht in Sicht. Ohne eine gehörige Finanzspritze steht Lutz auf verlorenem Posten.  

Eine 200-seitige "Agenda für eine bessere Bahn" soll dem Wunsch nach mehr Zuschüssen deshalb Nachdruck verleihen. Laut den Plänen des Bahnchefs braucht der Konzern bis 2022 weitere 4,95 Milliarden Euro für nennenswerte qualitative Verbesserungen. Es könnten allerdings auch mehr sein. Spekuliert wurde bereits über bis zu sieben Milliarden Euro, die die Bahn braucht.

Unbegründet sind die Hoffnungen auf eine Finanzspritze des Bundes zwar nicht. Scheuer hatte im Sommer höhere Zuweisungen in Aussicht gestellt, um seinen Teil zu Stärkung der Schiene beizutragen. Union und SPD hatten im Koalitionsvertrag auch das Ziel formuliert, im Fernverkehr die Fahrgastzahl bis 2030 zu verdoppeln. Ob es dafür aber tatsächlich zusätzliche Milliardengelder geben wird, ist deshalb längst noch nicht ausgemacht.

Im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung wollte Scheuer nicht über Finanzen sprechen. "Erst werden wir Ziele und Maßnahmen formulieren, dann reden wir übers Geld." Aus seiner Sicht ist "genug Geld im System". 41 Prozent der Bundesmittel für den Verkehr flössen in den Bahnsektor. Im Verhältnis zur Verkehrsleistung sei das überdurchschnittlich viel.

Bahn-Chef Lutz ist mittlerweile zurückgerudert. Die knapp fünf Milliarden Euro, die diskutiert werden, werde die Bahn selber aufbringen, hieß es zuletzt. Wie, ließ er offen. Der Druck auf die Bahn wächst. Scheuer erwartet bereits im ersten Halbjahr 2019 erkennbare Fortschritte bei Sanierung und Pünktlichkeit. Auch im Schienengüterverkehr müsse es besser laufen, sagte der Minister diese Woche: "Ich verstehe nicht, dass wir in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten an manchen Stellen so viel Defizit einfahren."

Mehr als vage Versprechen hatte Bahnchef Lutz, der seit April 2010 Vorstandsmitglied und seit März 2017 Konzernchef ist, bislang jedoch nicht zu bieten. Im Sommer schrieb er einen Brandbrief an seine Führungskräfte: Das Management müsse "zusammenrücken und den Systemverbund Bahn wieder auf Kurs bringen", lautete sein etwas müder Appell.

Die Quittung für jahrelange Misswirtschaft

Der Zug für die Bahn droht abzufahren. Der Konzern macht immer noch zu wenig Gewinn. Zu lange war der Konzern ohne wirkliche Konkurrenz, dann wurde zu stark gespart. Lutz hat ein schweres Erbe von seinen Vorgängern angetreten. Die Schuldenobergrenze von 20,4 Milliarden Euro, die der Bundestag festgelegt hat, ist erreicht. Der Betriebsrat verlangte am Donnerstag, die derzeitige "Ausgabensperre" zum Jahresende aufzuheben.

Derweil häufen sich die Probleme. Der Güterverkehr ist in einem desaströsen Zustand. Der angestrebte Turnaround ist missglückt. Die Lkw-Maut wurde gesenkt, die Spritpreise purzelten. Die Margen sind deshalb geschrumpft. Und der Betriebsrat moniert, dass der kräftige Tritt auf die Kostenbremse nicht nur Zügen und Netz schaden, sondern auch zu hohe Belastungen für die Mitarbeiter führen.

Neben Altlasten drücken inzwischen neue Probleme auf die Bilanz, wie der von den USA angezettelte Handelsstreit. Die international operierende Logistiktochter Schenker, die Marktführer im Schiffsverkehr China-USA ist, ist doppelt so groß wie der gesamte Personenverkehr der Bahn. Ein Handelskrieg ist das, was die Bahn am wenigsten gebrauchen kann.

Dass es Bahn-Chef Lutz gelingt, das Ruder rumreißen kann, sieht nicht nur der Fahrgastverband skeptisch. Die Bahn kämpfe an zu vielen Fronten. Auch Lutz' Vorgänger Rüdiger Grube wollte bei den Kunden mit mehr Pünktlichkeit, mehr Service und mehr Qualität aufwarten. Das Vorhaben ist Zukunftsmusik geblieben.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema