Wirtschaft

Müllers Arroganz schadet Volkswagen VW-Kulturwandel ist ein Lippenbekenntnis

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Müller versteht eigenen Angaben zufolge weder, worin das "ethische Problem" bei den Abgasmanipulationen liegt, noch das Umweltbewusstsein seiner Kunden.

(Foto: dpa)

Matthias Müller übernimmt mitten in der Diesel-Krise einen strauchelnden Konzern. Er hat seitdem einige Fortschritte erzielt. Doch seine Arroganz gegenüber Öffentlichkeit und Kunden lässt daran zweifeln, dass diese nachhaltig sind.

Matthias Müller kann mehr als ein Jahr, nachdem er den Chefposten beim damals kriselnden Volkswagen-Konzern übernahm, einige beachtliche Erfolge vorweisen. Doch nun begeht er zum wiederholten Mal einen kapitalen Fehler, der daran zweifeln lässt, ob er und die Führungsmannschaft in Wolfsburg verstanden haben, worin eine ihrer größten Herausforderung liegt: Vertrauen zurückzugewinnen – das der Öffentlichkeit und vor allem das der Kunden.

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Auf deren Forderung, in Deutschland genauso entschädigt zu werden wie in den USA, reagiert Müller mit blankem Unverständnis. Seine Begründung ist krude: Er stellt einen absurden Zusammenhang her zwischen Kritik mancher Deutscher am Freihandelsabkommen TTIP und den Entschädigungsforderungen der VW-Dieselkunden. Zudem behauptet er, dass den Kunden kein Schaden entstanden sei. Vor allem durch eine Minderung des Wiederverkaufswertes der Autos könnte der sich aber sehr wohl noch ergeben. Nebenbei wirft er noch den Käufern der eigenen Benzin- und Dieselwagen ein "paradoxes" Verhalten vor, weil sie nicht bei den Elektromodellen zugegriffen haben. Ganz habe er dieses Verhalten nicht verstanden. Schlimmer kann sich ein Konzernchef in der Öffentlichkeit kaum entblößen.

Der Ton, in dem Müller jede Verantwortung für die Probleme des Konzerns abwälzt, irritiert - vor allem, da es nicht die erste derartige Entgleisung dieser Art ist. Anfang des Jahres löste er Empörung durch ein rechthaberisches Interview in den USA aus, in dem er behauptete, die Abgasmanipulation sei nur ein "technisches Problem" und VW habe nicht betrogen, sondern nur "das amerikanische Gesetz falsch interpretiert". Er könne nicht verstehen, warum von einem "ethischen Problem" gesprochen werde. Das Schlimme daran: Müller schien überhaupt nicht zu verstehen, warum er solche Empörung auslöste.

Reformen bleiben Stückwerk

In den vergangenen Wochen handelte sich VW in Deutschland Kritik selbst von wichtigen Unterstützern wie der niedersächsischen Landesregierung ein, als der Konzern behauptete, mit seiner Schummelsoftware in Europa überhaupt nicht gegen Gesetze verstoßen zu haben. Dass Müller nun noch einmal nachlegt, legt nahe, dass es sich nicht um einzelne Kommunikationspannen handelt, sondern um eine tief verankerte Arroganz. Sie droht, Aufsichtsbehörden, Politik und Kunden gegen den Konzern aufzubringen.

Die Äußerungen lassen zudem an der Nachhaltigkeit der bisherigen Fortschritte zweifeln, die Müller als VW-Chef vorzuweisen hat: Im Diesel-Skandal hat VW inzwischen in den USA weitgehende außergerichtliche Einigungen erzielt und das finanzielle Risiko damit begrenzt. Mit neuen Modellen macht sich der Autobauer daran, sich auf dem wichtigen US-Markt neu aufzustellen. Vor allem aber wird der Riesen-Konzern neu strukturiert und die Marke VW – vorsichtig – auf Effizienz getrimmt.

Das sind kleine, für eines der an der Beschäftigtenzahl gemessen größten und komplexesten Unternehmen der Welt aber beachtliche Schritte. Doch eines kommt offenbar überhaupt nicht voran: der so oft versprochene "Kulturwandel", zumindest nicht bei Müller selbst. Ohne den aber lässt sich kein Vertrauen zurückgewinnen, und alle Reformschritte bleiben nur unvollendetes Stückwerk.

Quelle: n-tv.de

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