Wirtschaft

Das Geschäft mit dem Impfstoff Was darf eine Corona-Spritze kosten?

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Wissenschaftler in aller Welt forschen auf Hochtouren nach einem Impfstoff gegen die Corona-Pandemie.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Countdown läuft. Mehrere Pharmafirmen sind bei der Entwicklung eines Impfstoffs auf der Zielgeraden. An der Börse werden sie für ihre millionenschweren Deals mit Staaten bereits gefeiert. Macht die Branche mit der Corona-Spritze am Ende den großen Reibach?

Die Aufmerksamkeit ist den Impfstoffentwicklern in Zeiten der Pandemie auf jeden Fall gewiss. Die Großen der Branche, AstrazZeneca, Johnson & Johnson oder Pfizer, waren schon vorher bekannt. Curevac, Biontech oder Moderna - die kleinen Player unter den Hoffnungsträgern - sind inzwischen aber auch keine Unbekannten mehr. Angesichts von 36 Millionen Covid-19-Infizierten weltweit und mehr als einer Million Toten wird überall Dampf gemacht.

Mittlerweile sind es fast 200 Unternehmen, die an einem Corona-Impfstoff arbeiten. Eine ganze Reihe davon sind Aktiengesellschaften, deren Papiere an der Börse gehandelt werden. Anleger, die zeitig auf den Zug aufgesprungen sind, freuen sich über ein lukratives Investment. Nur ein Beispiel: Das Tübinger Unternehmen Curevac ist im August mit einem Ausgabekurs von 16 Dollar an die US-Techbörse Nasdaq gegangen. Inzwischen kostet die Aktie über 40 Dollar.

Nicht nur Investoren profitieren vom Corona-Hype. Die jungen Unternehmen aus der Biotechbranche haben endlich die Aufmerksamkeit und die finanziellen Mittel für ihre Studien, von denen sie lange Zeit nur träumen konnten. Angesichts der Pandemie werden sie großzügig mit Steuergeldern unterstützt. Bei Curevac ist sogar die Bundesregierung mit 17 Prozent eingestiegen. Bei einem Umsatz von weniger als 20 Millionen Euro im vergangenen Jahr ist das Unternehmen heute rund acht Milliarden Euro wert. Aufgrund der gestiegenen Börsenbewertung und des großen Investoreninteresses kann Curevac nun sehr leicht Gelder heben und zum Beispiel mit einer Kapitalerhöhung auch noch weitere Mittel eintreiben.

Es sind Entwicklungen mit Siebenmeilenstiefeln. Das Besondere dabei: Bei diesem Rennen haben selbst kleine Unternehmen die Chance, die Welt als Absatzmarkt zu erobern. Entsprechend groß sind die Hoffnungen, dass für den- oder diejenigen Hersteller, die den Durchbruch schaffen, auch die Kassen klingeln werden.

Biontech
Biontech 75,90

Ob der Traum vom Corona-Geldregen realistisch ist? Bei der Preisgestaltung für den Impfstoff überwiegt auffallend die Zurückhaltung. So hat das US-Unternehmen Johnson & Johnson bereits angekündigt, sein Vakzin zum Selbstkostenpreis verkaufen und keinen Profit machen zu wollen. Abgegeben werden soll das Präparat - wenn es denn überhaupt erst einmal marktreif ist - für zehn Dollar die Dosis. Das ist nach jetzigem Stand weniger, als andere Impfstoffhersteller als Preis aufrufen. Aber auch teurer als das Präparat zum Beispiel von Astrazeneca. Der britische Pharmakonzern will nur 2,50 Euro pro Dosis nehmen.

"Vom Sündenbock zum Heilsbringer"

CureVac
CureVac 43,00

Auch wenn der Preis schwankt, ist wohl sicher: "Die namhaften Impfstoffhersteller werden keine hohen Preise aufrufen", wie der Molekularbiologe und Fondsmanager von Medical Strategy, Mario Linimeier, sagt. Der soziale Druck sei zu hoch. "Ich glaube nicht, dass irgendeine Geschäftsführung so leichtfertig ist, sich mit dem Impfstoff zu bereichern. Die Firmenchefs können sich sonst nicht mehr auf die Straße trauen." Der Generaldirektor des Internationalen Pharmaverbands IFPMA (International Federation of Pharmaceutical Manufacturers & Association), Thomas Cueni, hatte bereits im Mai Verzicht propagiert: Es gehe darum, einen bezahlbaren Impfstoff zu liefern - nicht nur in den reichen Industriestaaten, sondern auch in den Entwicklungsländern.

Moderna Inc.
Moderna Inc. 61,99

Die IFPMA vertritt vor allem die großen Unternehmen, nicht die vielen kleinen Biotechfirmen. Deshalb drängt sich auch ein anderer Beweggrund für diese Zurückhaltung auf: "Die Pharmaindustrie ist wegen angeblich zu hoher Medikamentenpreise häufig in der Schusslinie gewesen", sagt Linimeier. "Mit dem Corona-Impfstoff können die Konzerne sich jetzt perfekt reinwaschen, gewissermaßen vom Sündenbock zum Heilsbringer werden."

Kleinere Biotechfirmen können bei dieser aggressiven Preisgestaltung nicht mithalten. Die großen Wettbewerber haben andere Produkte am Markt, können damit die Kosten für die Impfstoffentwicklung querfinanzieren. Kleine Biotechfirmen haben diese Möglichkeit nicht. Sie sind darauf angewiesen, dass Geld in die Kasse kommt. Aus diesem Grund hat Curevac es auch abgelehnt, den Impfstoff zum Selbstkostenpreis anzubieten. Genauso wie das Mainzer Unternehmen Biontech, das bei der Impfstoffentwicklung mit dem US-Konzern Pfizer zusammenarbeitet. Letztere wollen für die ersten 100 Millionen Einheiten 19,50 Dollar pro Dosis. Mehr verlangt nach jetzigem Stand nur das US-Unternehmen Moderna: Hier werden je nach Vertrag 37 Dollar fällig.

Im "Tal des Todes"

Klinische Studien sind teuer. Für kleinere Unternehmen ist das eine besonders große Herausforderung. Bis der erste Nachweis der Funktionsweise eines neuen Medikaments erbracht wird, muss das "Tal des Todes" durchschritten werden, heißt es in der Branche. Wenig überraschend scheitern viele Startups genau in dieser Phase.

Aber selbst wenn das Tal des Todes durchschritten ist und es mit dem Impfstoff klappt, folgt bis zur breiten Markteinführung noch ein langer Weg. "Gehen wir von optimistischen Szenarien aus, dass es Ende des Jahres eine Notfallzulassung gibt, dann folgt die breite Zulassung vermutlich erst Ende 2021", prognostiziert Linimeier. Laut der ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts braucht Deutschland allein 160 Millionen Impfdosen - für jeden Menschen voraussichtlich zwei Spritzen. Bis es so viel Impfstoff gibt, kann es dauern. Die Kommission geht in der Anfangsphase lediglich von fünf Millionen Einheiten aus. Das heißt, es würden Monate vergehen, bis alle Bürger geimpft sein würden.

Auch in dieser Zeit sind Rückschläge nicht ausgeschlossen. "Sanofi hat vor einigen Jahren einen Impfstoff gegen Dengue-Fieber vermarktet. Hier hat sich herausgestellt, dass der Impfstoff in einigen Fällen gar keine Schutzwirkung hat, sondern die Erkrankung vielmehr verschlimmert, weil sich statt neutralisierender immunverstärkende Antikörper bildeten. Die Infektion wurde dadurch verstärkt", gibt Linimeier zu bedenken. Das Phänomen sei in der Impfstoffherstellung bekannt.

Mehr Risiken als Chancen

Auch die jungen Biotech-Firmen, die auf den großen Wurf mit ihrer neuen mRNA-Technologie hoffen, sind nicht gegen Rückschläge gefeit. "Sollte es gelingen, so einen Corona-Impfstoff auf den Markt zu bringen, ist es ein Durchbruch für die gesamte Technologie-Plattform", so der Experte. Denn es würde die Erfolgschancen für andere mRNA-Präparate in der Pipeline erhöhen. Doch auch hier kann es zu Rückschlägen im Sinne von ungewollten Immunabwehrreaktionen kommen. "Selbst wenn das Risiko an Nebenwirkungen klein ist, wenn man das in Perspektive setzt zu der Menge an Menschen, die mit einem Covid-19-Vakzin geimpft werden. Selbst bei einem hypothetischen Risiko von 1:10.000 wären sehr viele Menschen betroffen. Deshalb muss man sich sehr sicher sein", warnt der Molekularbiologe und Fondsmanager.

Richtig ist: Curevac und Biontech haben durch die Pandemie einen unerwarteten Schub erhalten. Der hat aber auch seine Kehrseite: Eine Analyse des Börsenwerts der wichtigsten Covid-19-Akteure hat ergeben, "dass die Marktkapitalisierung um mehr als 115 Milliarden US-Dollar gestiegen ist", sagt Linimeier. Wenn man das in Perspektive setze zum Umsatz- oder Gewinnpotenzial des Impfstoffs, gebe es "eine gewisse Diskrepanz bei der Bewertung". Auch die Führungskräfte von Moderna sehen diese offenbar kritisch. Einige von ihnen haben wohl Kasse gemacht und Anteile verkauft, bevor der Impfstoff überhaupt die Zulassung erreicht hat.

Quelle: ntv.de