Wirtschaft

Habeck in der Lausitz Was wird aus dem Kohlerevier nach der Kohle?

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Die Auszubildenden der LEAG wollen von Wirtschaftsminister Habeck die Bekenntnis, den Kohleausstieg nicht auf 2030 vorzuziehen.

Die Auszubildenden der LEAG wollen von Wirtschaftsminister Habeck die Bekenntnis, den Kohleausstieg nicht auf 2030 vorzuziehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kaum eine andere Region steht so symbolisch für den Kraftakt, den die Energiewende mit sich bringt. Doch in dem Kohleausstieg und dem Abschied von der fossilen Energie liegt auch ein Neuanfang, sagt Wirtschaftsminister Habeck bei seiner Reise in die Grenzregion zwischen Brandenburg und Sachsen.

Als Robert Habeck an den Kraftwerken der Lausitz Energie Verwaltungs GmbH (LEAG) aussteigt, erwarten ihn Warnwesten und Protestschilder. "Wir sind die nächste Generation" heißt es auf einem großen grünen Banner - das Wort "Letzte" haben sie demonstrativ durchgestrichen. Die Auszubildenden der LEAG warten auf dem Gelände des Industriewerks Schwarze Pumpe auf den Wirtschaftsminister und haben einen symbolischen Vertrag für ihn zum Unterschreiben.

Punkt 1 des Vertrages, der mit "Verlässliche Energiepolitik statt arbeitsplatzzerstörender Parteipolitik" betitelt ist: "Der gesamtgesellschaftliche Konsens zum Kohleausstieg wird nicht infrage gestellt!" Das sei ausdrücklich nicht das Ziel des Besuchs beim größten ostdeutschen Energieversorger, heißt es im Bundesministerium für Wirtschaft und Klima. Die Auszubildenden scheinen davon allerdings wenig überzeugt - zu oft hat Habeck von einem vorgezogenen Kohleausstieg bis 2030 gesprochen. Die Forderung der Azubis verdeutlicht: Für viele Menschen kommt der Kohleausstieg einer unsicheren Existenz gleich. Die Schätzungen variieren, aber Jens Krause von der Industriehandelskammer in Cottbus geht davon aus, dass mit dem Kohleausstieg rund 16.000 Arbeitsplätze verloren gehen.

Hinter dem Klimaminister und den Auszubildenden mischt sich der mächtige Rauch der vier Kohlekraftwerke in die Wolken. Heute geht es nicht um Ausstiege, sondern um Neuanfänge. Denn hier, an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen, prallt Neues auf Altes. Zukunft trifft auf Vergangenheit. Kaum eine andere Region steht so symbolisch für die Anstrengungen, die die Energiewende mit sich bringt. Die Kohle hat eine lange Tradition in dieser Region, hier im tiefen Osten. Der Abschied von ihr wird schmerzhaft sein. Er bietet aber auch viele Chancen für einen Neuanfang, lautet die eindeutige Botschaft des Wirtschaftsministers.

Pilotprojekt Wasserstoff

Während auf der einen Seite des Industriewerks Schwarze Pumpe die Kohlemeiler wieder hochgefahren werden, wird ein paar Kilometer weiter an der Hoffnung der deutschen Energiewende gearbeitet: Ab 2025 soll in diesem Industriepark grüner Wasserstoff produziert werden.

An einem kleinen Modell des Industrieparks zeigt der Geschäftsführer der Referenzanlage, Ben Schüppel, wie das Pilotprojekt funktionieren wird. Habeck ist höchst interessiert. Grüner Wasserstoff soll mit Energie aus Windparks und Solaranlagen hergestellt werden. An der Anlage wird es auch eine Tankstelle für den Wasserstoff geben. Eine Nachfrage von Habeck: Was ist, wenn es eine Windflaute gibt? Ein Teil des Wasserstoffs werde rückverstromt für Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, antwortet Schüppel.

Das Ganze muss aber gebaut werden. Wenn alles gut geht, wird der Industriepark 2025 in Betrieb gehen. Damit das auch passiert, reist Habeck mit schwerem Gepäck an: einem Förderscheck über 28,5 Millionen Euro.

Aber dieses Pilotprojekt ist genau das - ein erster Versuch, eine Wasserstoffanlage in Deutschland in Betrieb zu nehmen. Es fehlt an Wasserstoffleitungen und Fachkräften. Vor allem aber fehlen erneuerbare Energien. Um das Ziel der Bundesregierung zu erreichen, bis 2030 80 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, müssen ab 2026 jährlich 22 Gigawatt Solarenergie zugebaut werden. Das entspricht einer Verdreifachung des derzeitigen Ausbaus.

Frühzeitiger Kohleausstieg

Die LEAG will bis 2030 sieben Gigawatt Leistung aus Wind- und Sonnenenergie beisteuern. Das wäre gerade einmal ein Gigawatt pro Jahr. Bis 2040 wären nach aktuellen Prognosen insgesamt 14 Gigawatt möglich, wie ein Unternehmenssprecher ntv.de sagt. Das Unternehmen wäre auch bereit, bis 2030 eine Milliarde Euro pro Jahr in die grüne Transformation zu investieren.

Zu einem vorzeitigen Kohleausstieg ist der ostdeutsche Energiekonzern jedoch nicht bereit. Das macht der LEAG-Chef noch einmal deutlich: "Erst Ausbau, dann Ausstieg. Dazu stehen wir", sagt Thorsten Kramer beim gemeinsamen Pressestatement mit Habeck. "Wir haben ein gemeinsames Ziel: Den Umbau hin zu erneuerbaren Energien bei gleichzeitiger Versorgungssicherheit."

Die Energiewende stehe bereits in den Startlöchern, auch bei der LEAG, sagt Eddy Menzel ntv.de. Der 26-Jährige hat erst vor einem Monat seine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik bei der LEAG abgeschlossen. Um seine Zukunft macht er sich keine Sorgen. Schließlich, so sagt er, könne er mit seiner Ausbildung auch Photovoltaikanlagen bedienen. Trotzdem: "Wir brauchen mehr Zeit für die Umstellung."

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Ob die Zeit reichen wird, ist die große Frage in der Lausitz. Denn selbst wenn die Bundesregierung an dem Kohleausstieg 2038 festhält, wird der Markt dies höchstwahrscheinlich nicht tun. Experten gehen davon aus, dass die Kohle wegen der hohen CO2-Preise von alleine bis 2030 aus dem Strommix verschwinden wird.

Gemeinsam mit seiner Kollegin versucht Menzel, den Wirtschaftsminister zur Unterzeichnung des symbolischen Vertrages zu bewegen. Sie unternehmen einen letzten Versuch und bieten an, den letzten Punkt zu streichen: "Aktuelle Gewinne sollen jetzt verpflichtend in unsere Zukunftstechnologien investiert und nicht abgeschöpft werden!" Aber es hilft nichts. Der Wirtschaftsminister lehnt das Angebot ab. Denn Verträge stünden am Ende eines Prozesses. "Wir stehen hier noch am Anfang", sagt der Wirtschaftsminister.

Quelle: ntv.de

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