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Bild aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".
Bild aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".(Foto: Minhoi Loanic)

Ein Besessener: "Kinski hat nie gehorcht"

Klaus Kinski spaltet bis heute. Das wird sich auch nicht mit dem Prachtband "Kinski - Vermächtnis" ändern, der zum 20. Todestag des Schauspielers erscheint. Der Band gibt mit Texten, Entwürfen und privaten Fotos einen tiefen Einblick in das Leben Kinskis. Herausgegeben wird das Buch von Nachlassverwalter Peter Geyer und OA Krimmel. Für Geyer war Kinski im besten Sinne besessen: gründlich, zielorientiert, ergebnisorientiert. Und er war seiner Zeit weit voraus, wie Geyer im Gespräch mit n-tv.de erklärt. "Kinski ist ein Quantensprung in der Personality-PR", so Geyer. Kritik habe er aber nicht vertragen. Darum habe Kinski "nie gehorcht".

n-tv.de: Gab es einen Unterschied zwischen dem privaten und dem öffentlichen Kinski?

Klaus Kinski in einer Szene des Films "Cobra Verde" von 1987. Regier führte Werner Herzog.
Klaus Kinski in einer Szene des Films "Cobra Verde" von 1987. Regier führte Werner Herzog.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Peter Geyer: Nein, gerade nicht. Die Frage geht ja dahin, dass er einerseits so sanft gewesen sein soll und andererseits so ein Vandale, aber das muss kein Widerspruch sein. Wenn man sich etwa das Bühnenprogramm "Jesus Christus Erlöser" von 1971 anschaut, dann sieht man ja gerade seine Sensibilität. Denn diese ist mitunter gerade die Grundlage, dass Leute auch mal explodieren. Wenn man nicht sensibel ist, würde man das nicht tun. Die Sensibilität, die Verletzbarkeit, bringt Kinski ja erst dazu, dafür zu sorgen, dass er nicht fremdbestimmt ist, dass er selbstbestimmt bleibt. Das sieht man an den Talkshows, das sieht man an "Jesus Christus Erlöser": Sobald jemand versucht, ihn zu kritisieren oder in Frage zu stellen, kann er nicht anders. Das war auch bei den Dreharbeiten zu drittklassigen Filmen so: Kinski hat gesagt, was er dreht, und nicht der Regisseur.

Ist das eine Art Selbstschutz?

Das kann ich nicht beurteilen, das müsste man einen Psychologen fragen. Ich glaube, jede Form der Sensibilität, die ein bisschen aus den Fugen gerät, würde wahrscheinlich Selbstschutz sein. Es ist im Zweifelsfall als Selbstschutz beabsichtigt. Wenn jemand nicht kritisiert werden will und deshalb anderen ins Wort fällt, ist davon auszugehen, dass da etwas geschützt werden soll.

In einem Essay schreiben Sie von einem "bedingungslosen Streben nach Selbstbestimmung" bei Kinski. Kann man sagen, wo das herkam? Nimmt er damit den Individualismus der 68er vorweg?

Kinski 1976 mit seinem erst drei Tage alten Sohn Nikolai in der Pariser Wohnung in der Rue Aubriot. (Bild aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".)
Kinski 1976 mit seinem erst drei Tage alten Sohn Nikolai in der Pariser Wohnung in der Rue Aubriot. (Bild aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".)(Foto: Minhoi Loanic)

Nein, ich glaube, das hat einen ganz anderen Ursprung. In Verbindung mit Kinski wird zu recht immer das Wort "besessen" gebraucht. Da würde auch niemand widersprechen. Der Mann war besessen von den Dingen, die er getan hat. Wenn man das Wort analysiert, hat es aber auch positive Begleitumstände, die immer auf der Strecke bleiben: gründlich, zielorientiert, ergebnisorientiert. Das ist eine Kunst, die die 68er gerade verkommen ließen. Die 68er haben hinter die Gründlichkeit ihrer Eltern ein Spießbürger-Ausrufezeichen gesetzt. Eine gewisse Nachhaltigkeit fanden die langweilig und überholt. Die heutige Zeit ist durch diese Ungründlichkeit geprägt und es wird täglich schlimmer.

Und Kinski war das Gegenmodell?

Kinski hat sich seine Selbstbestimmung in den Bühnenprogrammen der 50er Jahre erwirkt. Seine größten Erfolge hatte Kinski mit Rezitationen, weil er dort allein auf der Bühne stand und selbst Regie führte. Dort war er Herr im Ring, konnte sich auch aussuchen, welches Programm er macht. Manche Dinge wurden ja erst durch ihn bekannt, etwa die Dichtung der afrikanischen Völker. Er hat sich dabei sehr genau und gründlich überlegt, was zu ihm passt, und das durchgezogen. Das wollte er dann auch bei Dreharbeiten machen. Aber gute Filme werden von guten Regisseuren gemacht, nicht von guten Schauspielern.

Deshalb hat er Großproduktionen gemieden und in unzähligen B-Filmen mitgespielt?

Zeichnung von Kinski zu der von ihm geplanten Bühnenfassung von "Raskolnikow". (Abbildung aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".)
Zeichnung von Kinski zu der von ihm geplanten Bühnenfassung von "Raskolnikow". (Abbildung aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".)(Foto: The Estate of Klaus Kinski)

Es ging gar nicht um Großproduktionen. Er hat gute Regisseure gemieden. In den 60er Jahren hat er den ganzen großen Regisseuren abgesagt, weil er Angst vor ihnen hatte. In Frankreich machte er dann ein Jahrzehnt lang Filme mit Kommunisten, Quereinsteigern und Anfängern. Die konnten zwar durch den großen Schauspieler ihre Finanzierung sichern, hatten aber gar keine Chance, ihm zu widersprechen. Kinski hat nie gehorcht. Er hat immer sein Ding durchgezogen und gesagt, wie er es will.

Warum ist er vielen nur als "Irrer vom Dienst" in Erinnerung?

Kinski hat bevorzugt den vermeintlichen Irren oder Randständigen gespielt. Er hat sich solche Rollen bewusst ausgesucht, mitunter für sich selbst geschrieben. Ihm war klar, je exponierter die Rolle, desto leichter konnte er sich in den Vordergrund spielen und auffallen. Er konnte sich also auch nicht darüber beschweren, dass ihm dieses Klischee angehängt wurde, auch wenn er das in seinen letzten Jahren gerne tat.

Mit dem Regisseur Werner Herzog hat Kinski fünf Filme gedreht, darunter "Aguirre, der Zorn Gottes", "Fitzcarraldo" und "Cobra Verde". Was ist das Besondere an diesen Werken?

Die Filme von Werner Herzog folgen einem anderen System. Da ist ein vernünftiger Regisseur, der was kann, der aber Kinski trotzdem zu hundert Prozent gehorcht. Für Kinski war es ein absoluter Glücksfall, dass Herzog in seinen Dokumentarfilmen gerne inszeniert und seine Spielfilme eher dokumentarisch betreibt. Der Schauspieler Peter Berling, der auch bei "Aguirre" mitspielt, hat das mal so beschrieben: "Filmen mit Herzog bedeutet, er setzt eine Gruppe von Menschen einer Gefahr aus und filmt live mit."

Kinski mit Sohn Nikolai im Jahr 1977. (Bild aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".)
Kinski mit Sohn Nikolai im Jahr 1977. (Bild aus dem Band "Kinski - Vermächtnis".)(Foto: Minhoi Loanic)

Er hat also Kinski bei den Dreharbeiten freie Hand gegeben?

Es ging gar nicht anders. Herzogs behauptete "Zähmung der Bestie" ist einfach nur lächerlich.

2008 haben Sie den Berliner Auftritt von "Jesus Christus Erlöser" in einer Dokumentation rekonstruiert. Sie haben damals betont, dass Kinski mit diesem Programm seiner Zeit weit voraus war. Wie meinen Sie das?

Die Idee für diesen Bühnenauftritt wurde ja bereits 1961 im "Spiegel" thematisiert. Das ist eigentlich ein roter Faden, der sich durch viele Projekte von Kinski zieht. Er war mit vielen Ideen seiner Zeit voraus. Oft hat er es dann Jahrzehnte später geschafft, sie doch noch umzusetzen. Teilweise wurden sie dabei angepasst, wie etwa das Filmprojekt "Paganini", das er schon 1960 angekündigt und 1987 erst gedreht  hat.

In "Vermächtnis" wird auch gezeigt, dass Kinski in Sachen Eigen-PR ein Vorreiter war.

Nach dem Krieg hat das in dieser Form keiner gemacht. Er hat massenweise Fotos von sich aufgekauft, einen Pressespiegel erzeugt und an Journalisten geschickt. Kinski hat in drei Jahren 32 Sprechplatten aufgenommen. Aber nicht nur das: Auf keiner dieser Platten findet sich die Silbe "Klaus". Das ist massiv seiner Zeit voraus. Als 30-jähriger Platten unter dem Titel "Kinski spricht" zu verkaufen, ist ein Quantensprung in der Personality-PR.

Gab es dafür Vorbilder, etwa in Hollywood?

"Kinski - Vermächtnis" ist bei edel erschienen, umfasst 400 Seiten und präsentiert Texte, Entwürfe, Zeichnungen und 500 Fotos.
"Kinski - Vermächtnis" ist bei edel erschienen, umfasst 400 Seiten und präsentiert Texte, Entwürfe, Zeichnungen und 500 Fotos.

Nein, die kamen alle erst später. Der Hype um Beatles und Rolling Stones war vielleicht fast zeitgleich. Aber Marlon Brando zum Beispiel hatte sich noch nicht als "Der Wilde" stilisiert, als Kinski bereits seine PR organsierte. Kinski hat das nicht kopiert, das kam alles von ihm. Damit hat er dann auch die Grundlage für andere gelegt.

Ist Kinski heute noch unverstanden?

Das Lustige am Kinski-Mythos ist ja, dass man heute noch der Welt erklären muss, dass es auch im Berlin der Nachkriegszeit keine Wanzen gab, die so groß wie Schildkröten waren. In jeder Kinski-Biographie findet sich die Vermutung, dass er aus armen Verhältnissen stammen könnte. Dass Kinski etwa Fische oder Leichen waschen musste, um seine Familie zu ernähren, ist völliger Quatsch. Ich fand es immer erstaunlich, dass diese Sachen geglaubt wurden. Dabei ist Kinskis Autobiografie nur ein interessanter und gut gemachter Roman am Beispiel einer lebenden Person. Und die Leute sind ihm immer auf den Leim gegangen. Ob das vielleicht auch mit der Gründlichkeit zusammenhängt, die wir alle verlernt haben?

"Kinski - Vermächtnis" direkt im n-tv Shop bestellen.

Mit Peter Geyer sprach Markus Lippold

Quelle: n-tv.de

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