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Sonntag, 30. April 2017

Gebrauchsanweisung für den Wald: Wohlleben teilt sein Waldwissen

Von Wilhelmine Bach

Die Deutschen lieben ihren Wald, aber verstehen ihn nicht. Dem hilft Peter Wohlleben in seinem neuen Buch ab - und erklärt außerdem, warum man von wilden Beeren lieber die Finger lässt und wer eigentlich vom Rotkäppchentrauma profitiert.

An Peter Wohlleben kommt derzeit niemand vorbei. Der Förster aus der Eifel hat einen regelrechten Waldboom ausgelöst. Denn inzwischen widmet er sich nicht mehr nur der Verwaltung seines heimischen Reviers, sondern teilt sein Wissen aus über 30 Jahren Berufserfahrung sowohl mit Besuchern als auch mit zahllosen Lesern und ist damit sehr erfolgreich.

Wohlleben hat die Deutschen mit seiner Begeisterung angesteckt.
Wohlleben hat die Deutschen mit seiner Begeisterung angesteckt.(Foto: picture alliance / dpa)

In "Das geheime Leben der Bäume", eine Liebeserklärung an sein berufliches Zuhause, erklärt er den waldverrückten Deutschen ganz einfach, wie Fotosynthese funktioniert und dass die stummen Riesen echte Quasselstrippen sind. Es folgte "Das Seelenleben der Tiere", in dem der erklärte Jagdgegner einen energischen Appell zum empathischen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen formulierte. Dabei verbindet er stets eigene Beobachtung mit aktuellen Forschungsergebnissen.

Nun also die "Gebrauchsanweisung für den Wald". Entstanden ist sie aus geführten Wanderungen, bei denen Wohlleben sein enormes Wissen über den Wald und seine Bewohner weitergibt. Da aber nicht jeder Interessierte in die Eiffel fahren kann, gibt es die praktischen Tipps, wie man sich effizient gegen Ungeziefer zur Wehr setzt, einen wirklich gemütlichen Schlafplatz baut, seinen Kindern den Wald zeigt oder sich darin orientiert, ganz praktisch für zu Hause.

Missverstandene Artenvielfalt

Doch jenseits der stimmungsvollen Anekdoten, von Vogelgesängen bis zum Toilettengang im Wald, entfaltet das Buch seine wahre Stärke. Denn Wohlleben ist nicht nur passionierter Förster, sondern auch ein aufgeklärter Naturschützer. Er ist jemand, der die Dinge zu Ende denkt und so dauert es nicht lange und er räumt mit dem Mythos der deutschen Waldsehnsucht auf, die so liebevoll gehegt wird.

Und dann wird es spannend. Denn das Märchen von der Ruhe und Einsamkeit, die wir im Wald suchen, hat einen entscheidenden Haken. Der Mensch ist ein Steppentier, entwickelt und angepasst für die Jagd in übersichtlichen Gebieten, wo große Gruppen leicht miteinander kommunizieren können. Im Wald dagegen können wir nicht überleben.

Das ist auch der Grund, weshalb wir das ehemals wichtigste Ökosystem unserer Klimazone an den Rand des Aussterbens gebracht haben. Die übersichtliche Plantagenlandschaft ist für uns einfach günstiger. Stück für Stück dekonstruiert Wohlleben jedes Klischee, das den Wald betrifft. Dass in einer Fichtenmonokultur nicht unbedingt Artenvielfalt herrscht, ist schon lange bekannt. Dass auch "dort, wo nur Laubbäume stehen nicht unbedingt die Natur zu Hause ist", eher weniger. Oder dass ironischerweise ausgerechnet der Abbau von Steinkohle dem Wald die Möglichkeit gegeben hat, sich zu erholen.

Waidmannsheil mit schwarzen Schatten

Das Hörbuch ist bei Osterwold-Audio erschienen und dauert 422 Minuten.
Das Hörbuch ist bei Osterwold-Audio erschienen und dauert 422 Minuten.

Natürlich bleibt auch das Streitthema Wolfansiedlung nicht unberührt. Wohllebens Ansicht nach wird die angebliche Gefahr, die von den großen Räubern ausgeht, eher dazu genutzt, um den teuren Sport der Trophäenjagd zu erhalten. Das hinterlässt einen ebenso unangenehmen Geschmack wie die Erkenntnis, dass die angeblich jahrhundertealte Waidmannstradition vorrangig aus dem Dritten Reich stammt.

Da das viele Wild, das sich durch Anfüttern und fehlende Feinde unkontrolliert vermehrt, dem Wald sehr schadet, könnten die scheuen Raubtiere das Ökosystem wieder stabilisieren. Doch das "Rotkäppchentrauma", wie es der Autor nennt, sitzt tief und wird immer wieder verwendet, um die Rückkehr der Wölfe, die unsere Hilfe dazu im Übrigen gar nicht benötigen, zu verhindern.

Dabei zeigt Wohlleben nur selten mit dem Finger auf die Naturschützer. Er spricht viel mehr von "tiefer Naturliebe auf Abwegen". Wir lieben den Wald, weil er die letzte Erinnerung an die ursprüngliche natürliche Landschaft der Buchenurwälder ist. Wir verstehen ihn aber oft nicht und bemühen uns zum Beispiel verzweifelt um den Schutz des Auerhahns, einer Art, deren Auftauchen in unseren Breiten überhaupt nur durch die Versteppung möglich gemacht wurde. Bevor wir uns um den Schutzes der tropischen Regenwälder kümmern, sollten wir zuerst einmal die Wiederherstellung unserer eigenen Urwälder in Angriff nehmen, so Wohlleben.

Rückkehr der Waldbestattung

Doch Wohlleben sieht auch eine Zukunft für den Wald, zum Beispiel im Rahmen der immer beliebter werdenen Waldbestattungen in naturnahen Ruheforsten. Denn obwohl auf einen typischen Friedhofsservice mit Grabpflege und Blumenschmuck verzichtet werden muss, profitieren von der Bestattung an Bäumen letztendlich alle Seiten. Außerdem mangelt es kaum an Möglichkeiten, mit der eigenen Trauer kreativ umzugehen, wie die anrührende Geschichte des Witwers zeigt, der das Grab seiner Frau mit schmelzenden Eisherzen schmückte, um das Verbot von Grabschmuck zu umgehen.

Mittlerweile ist fast die Hälfte der deutschen Waldfläche in der Hand von Privatpersonen. Jede einzelne von ihnen könne ein Zeichen setzen gegen Monokulturen, Totholzbeseitigung und Bodenverdichtung, so der leidenschaftliche Förster. Wem das zu viel Arbeit ist, dem schlägt Wohlleben vor, statt das Brennholz im Baumarkt zu holen, mehrere Schüttmeter Holz zu kaufen und mit Freunden und Familie gemeinsam zu verarbeiten. Das wärmt bekanntlich doppelt.

Dem Schauspieler und Hörbuchsprecher Stephan Schad gelingt es, mit seiner an den Löwenzahn-Moderator Peter Lustig erinnernden Stimme die nüchterne Erzählweise Wohllebens mit Klang zu füllen und die leise Ironie seiner Ausführungen zu vermitteln. Denn obwohl Wohlleben meist sachlich und schonungslos vom Fressen und Gefressenwerden berichtet, schwingt immer eine tiefe Liebe zum Wald mit und diese legt auch der Sprecher in den Text.

Das Buch ist eine Einladung, sich hineinzuträumen in eine Welt, in der der Mensch sich den Wald noch nicht untertan gemacht hat. "Dort, wo sie jetzt gerade dieses Buch lesen", schreibt Wohlleben, "stand aller Wahrscheinlichkeit nach einmal ein Baum." Dass er das so bestimmt sagen kann, hat einen Grund. Bevor der Mensch das Mosaik aus Steppen und Baumplantagen anlegte, gab es in Mitteleuropa kaum eine baumlose Stelle. Und das ist wirklich eine beeindruckende Vorstellung.

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Quelle: n-tv.de