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"Freunde hinter Stacheldraht": das Cover zur Single.
"Freunde hinter Stacheldraht": das Cover zur Single.(Foto: MfS-Ausstellung)

"Hertha und Union - eine Nation": Als die Fans über die Stasi siegten

Von René Wiese

Hertha gegen Union, West gegen Ost - wenn sich die beiden Berliner Zweitligaklubs zum Derby treffen, liegt Spannung in der Luft. Für viele Fußballfans beider Vereine gibt es nichts Wichtigeres, als den Stadtrivalen zu besiegen. Dabei waren die Anhänger einst befreundet. Und auch die Stasi konnte dieser Verbundenheit wenig anhaben.

Wenn es heute Abend in der 2. Fußball-Bundesliga zwischen dem 1.FC Union Berlin und Hertha BSC nach 2010 erneut um die "Berliner Stadtmeisterschaft" geht, erreicht das Derby-Fieber seinen Höhepunkt. Beide Vereine pflegen eine gesunde Konkurrenz, die Spannungen vor und nach dem Spiel sind greifbar. Wer jedoch auf die Zeit vor dem Mauerfall 1989 zurückblickt, dem zeigt sich ein außergewöhnliches historisches Phänomen, das mit dem Derby-Einmaleins einfach nicht zusammen passen will. Was heute kaum noch einer weiß: Die Fans aus Ost- und West-Berlin verband eine Freundschaft über Mauer und Stacheldraht hinweg - die der Stasi ein Dorn im Auge war.

Begeben wir uns zurück in das Jahr 1983. An einem herbstlichen Samstagabend herrschte in der Berliner Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) rege Betriebsamkeit. Während zwischen Ostsee und Thüringer Wald die halbe DDR wie an jedem Samstagabend bei Bier und Salzgebäck das Aktuelle Sportstudio des Zweiten Deutschen (West-)Fernsehens verfolgte, wurde in der Ost-Berliner Normannenstraße ein politischer Affront detailliert von der Stasi protokolliert. Unter den Zuschauern im Mainzer Fernsehstudio fiel ein Gast besonders auf. In öffentlichkeitswirksamer Weise überreichte ein Rentner aus der DDR dem Sportmoderator ein Bierglas des 1. FC Union Berlin und trug vor einem Millionenpublikum seine Verbundenheit zu Hertha BSC vor: "Der 1. FC Union und Hertha BSC sind die beiden richtigen Berliner Klubs". Mit diesem Satz sprach der sogenannte "Union-Vater" das aus, was seit Jahren im geteilten Berlin gepflegt wurde: eine Ost-West-Fanfreundschaft über die Mauer hinweg. Schon lange versuchte das MfS dieser Ost-West-Fraternisierung zwischen Anhängern des 1. FC Union Berlin und Hertha BSC "erkennungsdienstlich" auf den Grund zu kommen. Man hoffte seit langem zu den Rädelsführern vorzustoßen, weshalb auch sogleich der "Union-Vater" in ein engmaschiges Netz der Beobachtung aufgenommen wurde.

"Freunde hinter Stacheldraht"

Nur mühsam fand die DDR mit Hilfe des Ministeriums für Staatssicherheit Erklärungen für das Berliner Phänomen. Beide Fußball-Teams der geteilten Stadt hatten in der Öffentlichkeit ein ähnliches Image: der Ost-Berliner 1. FC Union konnte bei den meisten Fußballanhängern in Ost-Berlin als Underdog viele Sympathiepunkte sammeln. Als Reflex auf das Dauermeisterabonnement des BFC Dynamo lautete deshalb ein Schlachtruf der Union-Fans: "Es gibt nur zwei Meister an der Spree, Union und Hertha BSC!" Die Hertha besaß in den Augen der Ost-Berliner ein ähnliches Underdog-Image wie Union. Diese Parallelen ließen sich in der Vereinsgeschichte von Hertha BSC insofern finden, da der Verein durch Skandale, Abstiege und Benachteiligungen aufgrund der Insellage im Kalten Krieg ebenfalls keine überragenden sportlichen Erfolge erzielt hatte.

Gesamtdeutsches Fanutensil: "Gemeinsam sind wir ewig stark."
Gesamtdeutsches Fanutensil: "Gemeinsam sind wir ewig stark."(Foto: MfS-Ausstellung)

Obwohl die Pflege einer Fanfreundschaft in der geteilten Stadt Berlin praktisch unmöglich schien, waren die Fans über Jahre hinweg kreativ, um im wahrsten Sinne des Wortes Doppelpässe über die Mauer zu spielen. Unüberhörbar war dabei die eigenwillige Sprechchor-Kultur in den Stadien, die als Zeichen für die gegenseitige Sympathie stand. Bei Heimspielen von Hertha BSC erklang beispielsweise regelmäßig in der Fankurve des West-Berliner Olympiastadions "Und wir halten zusammen wie der Wind und das Meer – die blau-weiße Hertha und der FC Union – Union, Union, eisern Union!" Die Ost-Berliner "Erwiderung" darauf war das Intonieren des Sprechchores "Ha-Ho-He, Hertha BSC" An der Alten Försterei in der Wuhlheide. Zum musikalischen Höhepunkt der Fanfreundschaft außerhalb der Fußball-Stadien muss jedoch ein eigenwilliges Fanprojekt des umstrittenen Hertha-Fans Pepe Mager gezählt werden. Ende der 1980er Jahre brachte er eine selbst produzierte Single-Schallplatte mit dem Titel "Freunde hinter Stacheldraht" heraus. Auf dieser den Fans des 1. FC Union gewidmeten Platte sang Mager mit fester Stimme ein Hertha-Lied und auf der B-Seite ertönte der Union-Schlager "Samstag in der alten Försterei" von Achim Menzel.

MfS-Arbeitsgruppe "Rowdyhafter Fußballanhang"

Da die Hertha-Fans den direkten Weg nach Ost-Berlin An die Alte Försterei zu Union-Heimspielen gehen konnten, war ein Zusammentreffen der sympathisierenden Fangruppen jederzeit möglich. Brisanter als ihr Besuch waren jedoch die Mitbringsel aus West-Berlin. Aufnäher mit Bekundungen wie "Wir halten zusammen, uns kann nichts trennen, keine Mauer und kein Stacheldraht!" oder Schals und Mützen, mit dem Slogan "Hertha und Union - eine Nation" gingen nur verdeckt von Hand zu Hand. Dieser politisch brisante Markt gesamtdeutscher Fanutensilien und die im Schutze der Fankurve zur Schau gestellte Verbrüderung waren dem MfS längst ein Dorn im Auge. Bis dahin war es der Stasi lediglich beim Intertoto-Cup-Spiel der Herthaner bei Slovan Bratislava 1977 und in Dresden 1978 gelungen, mehrere Union-Anhänger auszumachen, die Kleidungsstücke, Aufnäher und Fahnen von Hertha BSC trugen und Sprechchöre für die West-Berliner Mannschaft anstimmten. Die Union-Fans hatten das Schlupfloch von internationalen Begegnungen im Ostblock oder der Sportkalender-Spiele in der DDR geschickt genutzt, um der Mannschaft und den Fans von Hertha BSC näher zu kommen. Trotz der ersten "erkennungsdienstlichen" Erfolge des MfS im Union-Anhang, konnte das MfS das einigende Band des Fußballs nicht zerschlagen. Die Verbundenheit der beiden Fangruppen nahm weiterhin nicht ab.

Die Staatssicherheit hat's aufgeschrieben.
Die Staatssicherheit hat's aufgeschrieben.(Foto: MfS-Ausstellung)

Mit der Aussicht tiefer in die Szene einzudringen, wurde Anfang der 1980er Jahre eine MfS-Arbeitsgruppe "Rowdyhafter Fußballanhang" in der Berliner MfS-Verwaltung eingerichtet, deren Teilaufgabe darin bestand, die "Einflussmöglichkeiten des Hertha BSC e.V. (WB) im Anhang des 1. FC Union zurückzudrängen". Mit der Annahme, dass die westdeutschen Bundesligavereine gezielt Fankontakte lenkten, initiierten und unterstützten, wurde eine Informationsmaschinerie in Gang gesetzt, deren Ziel es war die ideologisch verfemten Fanclubs westlichen Vorbilds zu zerschlagen und den Fußballenthusiasmus in geordnete und kontrollierbare Bahnen hinüber zu führen. Ein 20-köpfiges IM-Netz wurde eigens über die Fanszene des 1. FC Union ausgelegt. Insgesamt konnten 2500 "negativ auffällige" Fans des 1. FC Union personell erfasst werden. Darunter fielen auch jene Union-Anhänger, welche Fanfreundschaften zur West-Berliner Hertha pflegten. Mit diesem Kontroll-Apparat schlug die Stasi als "Schild und Schwert der Partei" nun gezielt zu.

Lautstarker Protest gegen Mauerbau und deutsche Teilung

Als Erfolg konnte das MfS nun für sich verbuchen, dass ein Flügel der Union-Fanklubs, die einen "Zentralen Fanclub Hertha BSC" gründen wollten, zerschlagen wurde. Doch unterschätzte das MfS den informellen und eigenwillig-autonomen Charakter der Fanklubs und ihre Kontakte zur Fanszene im Westen gewaltig. Zwar erreichte das MfS, dass aus der Liste der Union-Fanklubs alle Hertha-affinen Benennungen, wie beispielsweise Union-Fanclub "Hertha 92" getilgt wurden, doch blieb das deutsch-deutsche Interesse der Fans weiter bestehen. Der direkte Draht nach West-Berlin war nämlich nur kurzzeitig gestört. Bereits 1988 musste das MfS hilflos zur Kenntnis nehmen, dass Union-Fanklubs über den postalischen Weg weiterhin Kontakte pflegten.

Die Fanfreundschaft zwischen Hertha und Union schaffte es 1986 sogar bis ins SED-Politbüro. Vorausgegangen war eine Schlagzeile in der West-Berliner Presse, die auf eine heimliche Weihnachtsfeier zwischen Herthanern aus Ost und West und Sympathisanten von Union in Ost-Berlin Bezug nahm. Der für Sport zuständige ZK-Sekretär Egon Krenz bat seinen für Sport zuständigen ZK-Abteilungsleiter, Rudi Hellmann um Auskunft zu diesem Fall. Krenz vermutete wohl eine Verletzung der Abgrenzungspraxis im deutsch-deutschen Sport durch die Klubleitung des 1. FC Union Berlin. Hellmann entlastete die FC-Verantwortlichen von Union mit einer kurzen Hausmitteilung an Krenz, die über den inoffiziellen Charakter der Veranstaltung berichtete.

"Laut Information des Genossen Karl Zimmermann hat es eine Weihnachtsfeier zwischen den Vertretern des 1. FC Union und von Hertha BSC (West-Berlin) nicht gegeben. Durch die ständigen Organe wurde mitgeteilt, dass am 15.12.1985 in Pankow ein Treffen von besuchsweise in Berlin weilende West-Berliner, die sich als Mitglieder und Anhänger von Hertha BSC ausgegeben haben, mit angeblichen Mitgliedern des 1. FC Union stattgefunden hat. An diesem Treffen haben in Wirklichkeit weder Spieler noch andere Vertreter des 1. FC Union teilgenommen, sondern lediglich Anhänger des 1. FC Union. Nähere Angaben zu diesem Personenkreis liegen uns nicht vor."

Allerdings machte wenig später in West-Berlin die Schlagzeile von der Verhaftung und strafrechtlichen Verurteilung des Wirtes dieser heimlichen Weihnachtsfeier die Runde, der als Union-Fan und Hertha-Sympathisant seinen Veranstaltungssaal in der Kneipe zur Verfügung gestellt hatte. Die SED-Diktatur reagierte hier mit aller Härte. Ein ähnliches Schicksal ereilte auch dem "Union-Vater". Der mit Hertha sympathisierende Union-Fan aus dem Aktuellen Sportstudio wurde von der Stasi fortan derart unter Druck gesetzt, dass er zum "hartnäckigen Übersiedlungssuchenden" wurde und in die Bundesrepublik abgeschoben werden konnte.

Trotz dieser repressiven Beispiele war bis zum Fall der Mauer die Sympathie auf den Zuschauerrängen zwischen beiden Fanlagern nicht mehr wegzudenken. Die Sprechgesänge in den Fankurven des Olympiastadions und An der Alten Försterei blieben ein lautstarker Protest gegen Mauerbau und deutsche Teilung. Eine Verbundenheit, die heute so gar nicht mehr zu diesem Berliner Derby passt.

Quelle: n-tv.de

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