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Seit seiner Zeit bei Atletico Madrid, wo er vom Talent zum Topstürmer reifte, heißt Fernando Torres „El Nino“. In London ist dem Kind der Killerinstinkt vor dem Tor abhanden gekommen.
Seit seiner Zeit bei Atletico Madrid, wo er vom Talent zum Topstürmer reifte, heißt Fernando Torres „El Nino“. In London ist dem Kind der Killerinstinkt vor dem Tor abhanden gekommen.(Foto: REUTERS)

59 Millionen Euro, null Tore: Torres kämpft um seinen Ruf

von Christoph Wolf

Der FC Chelsea tritt heute bei Manchester United zum Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League an. Stürmerstar Fernando Torres droht dann ein Platz auf der Bank. Denn der Spanier, der Chelsea irrwitzige 59 Millionen Euro gekostet hat, ist zwar fit. Aber er trifft nicht. Gar nicht.

Es hätte alles anders kommen können. Die zweite Minute im Premier-League-Spiel zwischen dem FC Chelsea und dem FC Liverpool läuft, Fernando Torres hat den Ball. Der spanische Stürmer ist für die Liverpool-Fans eine Ikone. 65 Treffer in 101 Ligapartien machen aus Spielern Helden. Nun, an diesem 6. Februar 2011, stürmt Torres schon wieder Richtung Tor. Doch es ist das falsche Tor, das falsche Trikot – und der Ball ist nicht drin.

An der altehrwürdigen Anfield Road ging ein Trikot des abgewanderten Publikumslieblings Fernando Torres in Flammen auf.
An der altehrwürdigen Anfield Road ging ein Trikot des abgewanderten Publikumslieblings Fernando Torres in Flammen auf.(Foto: REUTERS)

Sieben Tage zuvor hat in Liverpool ein Torres-Trikot gebrannt. Der Verein hatte soeben den Verkauf seines Stürmerstars an den FC Chelsea bestätigt, der in dem Spanier das entscheidende Puzzleteil auf dem Weg zum Champions-League-Sieg sah. Die Liverpool-Fans reagierten, wie Fans reagieren, vermeintlicher Verrat ist unverzeihlich. Auch 59 Millionen Euro Ablöse, die umgehend in Luis Suarez (27 Mio.) und Andy Carroll (40 Mio.) reinvestiert wurden, waren kein Trost. Liverpools 1:0-Sieg beim Torres-Debüt für den FC Chelsea schon, auch weil er für die Fans der Reds rückblickend immer schöner wird: Denn diese zweite Minute, diese vergebene Chance, ist der Beginn einer Durststrecke, die an Torres' Ruf als Weltklassestürmer nagt.

Salz in offene Wunden

"Es ist mein Traum, die Champions League zu gewinnen und ich bin sicher, dass ich das mit Chelsea kann", hatte der im Februar erwartungsfroh gesäuselt und an die Chelsea-Fans hinterhergeschickt: "Ich will viele Tore für euch schießen und die Zeit hier genießen."

Zwei Monate später ist aus dem Traum ein Trauma geworden. Die Worte, die im Februar noch Salz in die Wunden des Liverpool-Anhangs waren, schmerzen inzwischen den Fans der "Blues". Wenn der FC Chelsea heute ab 20.45 Uhr (im n-tv.de Liveticker) bei Manchester United zum Viertelfinal-Rückspiel in der Champions League antritt und Fernando Torres mitspielen darf, geht er in sein elftes Pflichtspiel für die Londoner. Doch wer die Website hastorresscoredforchelsea.com besucht, wird noch immer von einem großen schwarzen "No" begrüßt.

Innenpfosten, Glanzparade, Schwalbe

650 Minuten torlos: 59-Millionen-Mann Fernando Torres wartet noch immer auf sein Premierentor für Chelsea.
650 Minuten torlos: 59-Millionen-Mann Fernando Torres wartet noch immer auf sein Premierentor für Chelsea.(Foto: AP)

Nach 650 torlosen Minuten lässt sich nicht mehr sagen, wer das Premierentor des Spaniers sehnlicher erwartet: der torlose Torres - oder sein Verein, der in Manchester um seine letzte Titelchance und den Job von Coach Carlo Ancelotti kämpft. "Wir spielen darum, unsere Saison zu retten", hat Mittelfeldspieler Yossi Benayoun vor der Partie gesagt und damit nicht übertrieben.

Im Hinspiel stand Torres kurz davor, seinen Fluch zu brechen. Einen Ball spitzelte er an den Innenpfosten, einen anderen parierte ManU-Keeper Edwin van der Sar mit einer Weltklasseparade. Am Ende sah Torres Gelb für eine Schwalbe. ManU gewann durch ein Tor von Wayne Rooney mit 1:0. Im Rückspiel ist das Team von Sir Alex Ferguson nun Favorit im eigenen Stadion.

Glückloses Mysterium

Im Old Trafford allerdings hat Torres eines seiner besten Spiele in England gemacht. Als der FC Liverpool im März 2009 die Festung des Erzrivalen mit 4:1 stürmte, war Torres in Bestform und neben Steven Gerrard der überragende Spieler auf dem Platz. Doch die nur scheinbar phlegmatische Art des stillen Spaniers, sein geduldiges Lauern auf minimale Fehler der gegnerischen Abwehr, die sein Spiel charakterisiert, wird ihm in London inzwischen als Lustlosigkeit ausgelegt.

Glanzparade statt Debüttor: Edwin van der Sar fischte einen tollen Torres-Kopfball grandios aus dem Winkel.
Glanzparade statt Debüttor: Edwin van der Sar fischte einen tollen Torres-Kopfball grandios aus dem Winkel.(Foto: REUTERS)

Dass er nicht länger der Fixpunkt im Angriff ist wie in Liverpool, sondern nur ein weiterer Star neben Didier Drogba und Nicolas Anelka, sollte Torres motivieren. Stattdessen tritt er oft auf wie ein müder Mutloser: Er lauert nicht, sondern wartet. Er sprintet wenig, sondern trabt lieber. Er lässt die Schultern hängen. Und er trifft nicht mehr. Mit 27 Jahren wirkt Torres wie einer, der seine besten Jahre schon hinter sich hat. Er ist bisher vermutlich der beste Flop der Fußballgeschichte. Auch für Trainer Carlo Ancelotti ist sein glückloser Weltklassestürmer ein Mysterium. Gegen Außenseiter Wigan Athletic schickte er Chelseas Rekordeinkauf am Wochenende nur noch als Joker auf den Rasen. Torres kam in der 59. Minute und traf wieder nicht. Aber er bereitete das Siegtor vor, mit einem Foul gegen Wigans Torhüter. Vielleicht kommt doch noch alles anders.

Manchester United - FC Chelsea, 20.45 Uhr

Manchester: van der Sar - Rafael da Silva, R. Ferdinand, Vidic, Evra - Valencia, Carrick, J.-S. Park, Giggs - Rooney, Hernandez. Trainer: Ferguson
Chelsea: P. Cech - Bosingwa, Ivanovic, Terry, A. Cole - Ramires, Essien, Lampard, Malouda - Anelka, Drogba. Trainer: Ancelotti
Schiedsrichter: Benquerenca (Portugal)

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Quelle: n-tv.de

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