Leben

Aus der Schmoll-Ecke Anna, sing mir das Lied vom Tod 

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Putin und Netrebko nach der Verleihung der Auszeichnung "Volkskünstlerin Russlands" im Februar 2008.

(Foto: AP)

Plötzlich entdecken alle, dass Künstler wie Netrebko und Ex-Politiker wie Gazprom-Gerd sehr nah am russischen Zaren waren. Was macht man nun mit diesen Leuten? Unser Kolumnist hat eine Idee, die er mit dem Warnhinweis versieht, dass es sich um ein Hirngespinst handelt.

Da ich - die Angabe lässt sich nicht unabhängig überprüfen, aber glauben Sie es mir einfach - ein tadelloser Sehr-Gutmensch bin, mache ich mir natürlich Gedanken, was ich als Normalsterblicher tun kann gegen diesen mörderischen Irrsinn, den der Moskauer Größenwahn in die Welt gebracht hat. Ich bin ratlos. Für meine Wohnung habe ich schon vor Jahren Hausverbot für alle Diktatoren verhängt. In meinen Saustall lasse ich kein Schwein. Mit anderen Worten: Ich bekenne mich zu meiner Ohnmacht.

Ich denke darüber nach, welches Ausmaß an Sarkasmus und Zynismus in Zeiten, in denen vom Roten Stern mehr Gefahr ausgeht als vom Genderstern, gestattet ist. Darf ich Karl Lauterbach als Kriegsverlierer bezeichnen, weil seine TV-Auftritte radikal abgenommen haben und ihn niemand fragt, ob er den Ukrainern in den U-Bahnschächten rät, (Gas-)Masken zu tragen? Nein, das darf ich nicht, das geht zu weit.

Also worüber schreibe ich dann? Vielleicht über das neue Wir-Gefühl, das nun vor allem die erzeugen wollen, die Zar Wladimir den Schreckhaften jahrelang die Treue hielten und ihr individuelles Versagen durch Kollektivierung verschwinden lassen möchten. "Wir haben uns alle getäuscht", sagen jetzt alle, die sich gerne täuschen ließen, weil ihnen Geld von Zar Wladimir dem Schreckhaften nicht genug stank.

Auftragsmorde, Opposition plattmachen, Hetze, Krim-Annexion, Wahlbeeinflussung im Westen, Unterstützung von Ländern wie Syrien und Venezuela, Kriege - woher sollten das Borussia Dortmund und die Universität Göttingen wissen, die sich nun von Gazprom-Gerd trennen oder dem Schurken die Ehrendoktorwürde aberkennen wollen? Die "Welt" schrieb im Januar 2021 über die "Fake-Umweltstiftung" von Pipeline-Manu: "Sie macht sich damit zur Helfershelferin russischer Einflussnahme." Das hat die SPD ignoriert, um die Harmonie zwischen Gazprom-Gerd und Pipeline-Manu nicht zu gefährden. Im September war ja Landtagswahl in Meck-Pomm.

"Komplett isoliert"

Aber nun hat sich Pipeline-Manu geschwind zu den Getäuschten gesellt und die SPD Gazprom-Gerd "komplett isoliert". Ganz schnell geht so was heutzutage. Auch der Oberbürgermeister von München, ebenfalls ein Sozi, hat gerade rechtzeitig gerafft, dass das bei ihm ortsansässige Orchester seit Jahren einen Chefdirigenten beschäftigt, der Homosexuelle doof, die Heimholung der Krim ins Zarenreich im Jahre 2013 prima findet und 2016 ein Konzert vor den antiken Ruinen im syrischen Palmyra gab. Eine bizarre Veranstaltung, die Zar Wladimir der Schreckhafte - aus Sicherheitsgründen nur per Video zugeschaltet - als "wunderbare humanitäre Aktion" bezeichnete. Der Mann hat ein Bild von Humanismus, das ins 19. Jahrhundert passt.

Aber da die Münchner Philharmoniker derlei Positionierungen bisher als "Privatmeinung" bezeichneten, hat das der Oberbürgermeister erst jetzt mitbekommen. Der Dirigent ist Waleri Gergijew, tatsächlich ein begnadeter Musiker. Ezra Pound war allerdings ebenfalls ein genialer Künstler. Na gut, der ist schon tot. Das Fass will ich nicht aufmachen. Anna Netrebko lebt noch. Nur singt sie gerade nicht, jedenfalls nicht öffentlich. Die gute Mamutschka hat "nach reiflicher Überlegung" entschieden, sich "bis auf Weiteres aus dem Konzertleben zurückzuziehen".

Vorher hat sie noch fix erklärt, dass es ganz böse ist, "irgendeine öffentliche Person" - sie meinte Gergijew - "zu zwingen, ihre politischen Ansichten öffentlich zu machen und ihr Vaterland zu beschimpfen". Aus "Das wird man doch noch sagen dürfen" wird nun "Das wird man doch nicht mehr sagen müssen". Sich selbst erklärte Netrebko zur "unpolitischen Person". Deshalb hat sie auch vergangenes Jahr ihren 50. Geburtstag ganz unpolitisch im Kreml gefeiert und vor ein paar Jahren an der Seite eines Donezker Separatistenführers die "neurussische" Fahne gewedelt - ganz unpolitisch, versteht sich.

Gergijew dirigiert, Netrebko singt

Was können Gergijew und Netrebko nun tun? Ich habe eine Idee, die ich mit dem Warnhinweis versehe, dass es sich um ein Hirngespinst handelt. Nach dem russischen Pyrrhussieg im zweiten großen Vaterländischen Krieg gegen das Brudervolk der Ukraine findet eine Gala auf dem Maidan in Kiew statt, deren Ablauf ich hier gerne skizziere. Zar Wladimir der Schreckhafte wird per Video zugeschaltet - wegen Attentats- und Corona-Gefahr ist er nicht vor Ort. Er sitzt an einem Tisch, der von Kiew nach Moskau reicht. Organisiert hat das Ganze der Semperopernball in Dresden, der sich auf Russland spezialisiert hat.

Zunächst liest Gérard Depardieu aus "Spezialoperation und Frieden" von Leo Tolstoi vor. Dann folgt ein Wettbewerb über die schönste Fantasieuniform des Abends, den El Presidente aus Venezuela knapp vor Baschar al-Assad gewinnt. Der belarussische Despot ärgert sich, nur Bronze errungen zu haben. Gazprom-Gerd, Ehrengast aus Deutschland, schmunzelt. Pipeline-Manu war eingeladen, hat aber "aus Protest" abgesagt, was die SPD gut findet. Es war erwogen worden, Wagners "Götterdämmerung" zu spielen. Doch als der Zensor die Zeile "Fort, treuloser Bruder, du Mörder" im Text der Oper liest, wird die Idee als unpassend verworfen.

Ein verkappter Gegner von Zar Wladimir dem Schreckhaften hat sich einen Scherz erlaubt und klandestin ein staatsfernes Werk ins Programm geschmuggelt: Schostakowitschs "Die Nase". Gergijew dirigiert, Netrebko singt - und zwar alle Rollen. Schostakowitsch, einst Opfer des Stalinismus, was aber übersehen wurde, hat die Oper nach Gogols gleichnamiger Erzählung komponiert. Sie ist ein Mix aus Komödie und Trauerspiel. Ein braver Beamter verliert eines Tages seine Nase, die sich daraufhin im höheren Dienst von St. Petersburg selbstständig und sozusagen Karriere macht. Der Nasenlose muss lernen, wie schwierig es ist, ein anständiger Mensch zu bleiben, wenn man anders ist als die anderen.

Gemeint ist: Wer hat die Nase vorn, wobei es besser lauten müsste: Wer hat den Längsten? Zar Wladimir der Schreckhafte fasst sich an die Nase und schaut besorgt nach unten, ob er mithalten kann. Er ist froh, weit weg vom Geschehen zu sitzen. Er denkt: Anna, sing mir das Lied vom Tod. Doch dann versteht der Herrscher die Botschaft der Oper. Ihm bleibt das Lachen im Halse stecken. Der Potentat erstickt daran und fällt tot vom Stuhl, ein letztes Mal seinen Lieblingstisch berührend. Gergijew und Netrebko verbeugen sich. Gazprom-Gerd findet es lustig und klatscht als Einziger. Der Vorhang fällt. Die Ukrainer feiern.

Quelle: ntv.de

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