Leben

In Vino Verena Die miese Normalität häuslicher Gewalt

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Häusliche Gewalt hat viele Formen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Durch die Corona-Pandemie sind die Vorfälle von häuslicher Gewalt massiv angestiegen. Viele Delikte aber bleiben im Dunkeln. Unserer Kolumnistin selbst war lange nicht klar, wie viele Formen von häuslicher Gewalt es gibt. Und, dass man dringend mehr darüber sprechen muss.

Da hingen sie nun, die neuen Vorhänge, die Großmutter mir genäht hatte. Knallig orange waren sie und glänzend wie Seide. Unter dem Gardinenkasten hingen zusätzlich überdimensionale Wasserfall-Volants. Ich fand die satte Farbe eine verdammt gute Idee, denn so hatte die oft graue Welt vor meinen Fenstern einen schönen Rahmen. Ich wohnte in einem kleinen Zimmer mit großer Schrankwand in einem Plattenbau. Die Schrankwand glänzte so sehr, dass man sich darin spiegeln konnte, und war leberwurstfarben.

Es war die Zeit, in der meine Mutter oft mit meinem Vater schimpfte, weil der wieder zuviel getrunken hatte. Und mein Vater wiederum schimpfte mit meiner Mutter, weil die ständig seinen Schnaps versteckte. Meine Eltern arbeiteten hart, wir waren, wie Vater es nannte, eine Malocher-Familie.

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, an dem nach langem Warten endlich die Schrankwand fürs Wohnzimmer geliefert wurde und daran, wie stolz meine Mutter war, als sie das Bowle-Set der Urgroßmutter reinstellte und hübsch arrangierte und mein Vater den Stecker vom Radio verlegte, das nun auch endlich seinen Platz hatte. Dass Vater trank, war vollkommen normal für uns. Meistens hatte er gute Laune, wenn er besoffen war, manchmal nicht. Dieses gesellschaftlich anerkannte Saufen, das war eben so. Und bis heute hat sich kaum etwas daran geändert.

Andere Familien und große Sonnenbrillen

Eines Nachmittags, mein Vater war noch ein Jahr und vier Monate von dem Entzug und den Anonymen Alkoholikern entfernt, da wurde er so wild, dass er seinen Teller Linsen nahm, die Mutter zu Mittag gekocht hatte und ihn mitten in die Schrankwand warf. Es spritzte, schepperte und klirrte furchtbar laut und ich verkrümelte mich auf der Stelle in mein Zimmer, wo ich mich jedes Mal, wenn die Eltern wieder stritten, der Länge nach genau zwischen Tür und Schrankwand legte.

Ich war 10 Jahre alt und mein Körper passte exakt dazwischen. Ich fand das unheimlich genial, denn nun musste Vater immer vor der Tür brüllen. Die Zimmertüren hatten keine Schlüssel. Wir wollten so vermeiden, dass irgendwo nochmal plötzlich eine ganze Türzarge rausbricht, die Vater dann am nächsten Tag wieder reparieren musste und dabei mit den Tränen rang.

Häusliche Gewalt: Ich habe lange überlegt, ob ich über dieses so sensible, so persönliche Thema überhaupt schreiben soll. Zugegeben, auch aus Angst, jemand könnte meinen Vater als Schläger oder Tyrannen verurteilen. Denn er war zwar Täter, aber auch Opfer zugleich. Vater ist an seiner Alkoholsucht buchstäblich ersoffen.

Kürzlich habe ich bei Netflix die Serie "Maid" gesehen. Es ist die Geschichte einer Putzfrau, und ich schaute sie eigentlich wegen Mutter, die einst ebenfalls Putzfrau war. Früher schämte ich mich manchmal dafür, aber bald schon hätte ich nicht stolzer auf sie sein können. Denn sie erzählte immer die coolsten Geschichten. Mindestens so gut wie Vaters - wenn er nüchtern war.

Und während ich diese Serie schaute, in der es ebenfalls um häusliche Gewalt ging, spürte ich, wie etwas in mir aufbrach. Etwas, das immer dagewesen ist, worüber ich aber nie gesprochen habe, weil es eben für mich "normal" war. Was immer dieses Wort bedeutet. Ich hatte keinen Vergleich, was normal und eben nicht normal war. Die Väter von Freundinnen soffen auch, sogar die Mütter. Und manchmal hat man irgendwo im Aufgang ebenfalls Schreie gehört oder Frau L. im Supermarkt mit einer großen Sonnenbrille auf der Nase gesehen. Aus erwachsener Sicht weiß ich natürlich, dass das, was ich als Kind erlebt habe, häusliche Gewalt und eben nicht "normal" war.

Die Idee mit der Wäscheleine

In jener Zeit aber, quasi bis in die Gegenwart hinein, erachtete ich es als nicht sonderlich schlimm, wenn der Jähzorn in unseren vier Wänden regierte. Schließlich, so hatte ich es mir immer schön geredet, flog ja nur Geschirr herum und Türen brachen aus ihren Rahmen. Mutter musste nie eine Sonnenbrille aufsetzen. Es waren die anderen Familien, bei denen es schlimm war. Bei uns war alles doch ziemlich okay, so meine Denke.

Und nach der Schreierei lagen sie sich wieder in den Armen und weinten und Mutter schmierte Vater ein Brot. Einmal, mein Vater kam vom Skat sternhagelvoll nach Hause, klingelte es an unserer Tür. Die Nachbarn beschwerten sich wegen Ruhestörung. Mein Vater wurde fuchsteufelswild und polterte nun noch mehr herum. Mutter fürchtete, dass gleich die Polizei käme.

Es würde Gerede und Getuschel geben, und man würde sich über unsere Familie nur noch mehr das Maul zerfetzen, als man es ohnehin schon tat. Also schnappte Mutter sich die Wäscheleine und wir hievten Vater ins Schlafzimmer, wo wir ihn gemeinsam ans Bett fesselten. Ich erinnerte mich wieder, dass wir sogar überlegten, ihn zu knebeln und dass wir, mitten, als wir laut darüber nachdachten, plötzlich lachen mussten, weil wir uns wie Verbrecher fühlten. Und wir lachten lieber, damit wir nicht heulten.

Ich schaute also diese Serie, in der die Protagonistin Alex mit ihrer Tochter nach einem Vorfall häuslicher Gewalt in ein Frauenhaus flieht. Eine der ersten Szenen war, wie der Vater ihres Kindes, ebenfalls Alkoholiker, eine Flasche gegen die Wand wirft. Und ganz ehrlich: Ich dachte, während ich diese Szene sah und es gleichzeitig in mir aufbrach, allen Ernstes: was? Das war schon alles? Da müssten wir ja dreimal im Monat im Frauenhaus gelandet sein! Aber das gab es nicht. Und wenn, dann wussten wir nichts davon. Und es wurde auch nicht darüber geredet. Wie auch heute noch häusliche Gewalt sehr oft verharmlost und verschwiegen wird. Weil Menschen sich schämen. Oder die Vorfälle vergessen, um sich mit diesem Thema nicht selbst zu konfrontieren.

Der Dreck kaputter Träume

Nach dem Entzug meines Vaters folgte ein Leben als trockener Alkoholiker. Er leistete zeitlebens Abbitte und war am Ende derjenige, der sich die Vergangenheit am wenigsten verziehen hatte. Häusliche Gewalt hat viele Formen, aber mir ist erst jetzt richtig klar geworden, dass dazu nicht nur Schläge gehören. Oft wird häusliche Gewalt sogar nicht einmal als solche wahrgenommen, frei nach dem Motto: passiert in den besten Familien. Kommt schon mal vor. Wird schon wieder.

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Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) schreibt auf seiner Seite: "Körperliche Gewalt ist nur eine Facette eines komplexen Verhaltensmusters (…) Betroffene sind häufig auch psychischer Gewalt wie Demütigungen, Drohungen, Beleidigungen, Einschüchterungen, sozialer Isolation oder wirtschaftlichem Druck durch den Täter oder die Täterin ausgesetzt. (…) Kinder, die im Haushalt leben, sind ebenfalls direkt betroffen, da sie häufig (…) Zeugen der Gewalt werden."

Und so lag ich als Kind oft zwischen Tür und Schrank, während draußen die halbe Küche zerlegt wurde. Und während ich - dort auf dem Boden liegend - wartete, bis der Sturm verflog, schaute ich immer aus einem Fenster mit orangefarbenen Vorhängen in eine Welt, in der es Eltern gab, die nicht schrien, Teller mit Eintopf nicht in Schrankwänden landeten und wo hinter frisch gestrichenen Raufasertapeten nicht der Dreck kaputter Träume klebte.

Quelle: ntv.de

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