Leben

"Dann mache ich es eben selbst" Wolffsohn schreibt für Kinder über Hitler

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Behütete Kindheit in Bamberg, bis Hitler an die Macht kam: Thea Saalheimer (l) und ihre Schwestern um 1930.

(Foto: privat)

Nicht alle Kinder haben einen Großvater, der ihnen mal schnell ein Buch schreibt. Die fünf Enkel des Historikers Michael Wolffsohn haben das Glück. Und nicht nur das: Auf die existenzielle Frage, wie die eigenen Vorfahren dem Holocaust entkommen sind, kriegen sie eine Antwort: Es war Glück im Unglück.

Wie alle großen und glücklichen Familien haben die Wolffsohns eine eigene Zeitrechnung. Sie zählen die Jahre vor Hitler und nach Hitler. Im Jahr zwei nach Hitler wird Michael Wolffsohn in Tel Aviv, Israel geboren. Sein Umfeld ist deutsch, seine Eltern und Großeltern stammen aus dem Berliner und Bamberger Bildungs- und Großbürgertum. Sie haben Nazi-Deutschland rechtzeitig verlassen und nur durch die Flucht das große Morden überlebt. Zwar mussten sie alles zurücklassen, doch ihre Klugheit, ihre Lebensfreude und ihr Leben nahmen sie mit ins gelobte Land. "Wir waren Glückskinder - trotz allem", heißt deshalb das jüngste historische Werk von Michael Wolffsohn, das sich - eine Premiere - an junge Leser richtet.

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Hat die Corona-Krise genutzt, um eine Erzählstimme für Kinder zu finden: Der Historiker Michael Wolffsohn.

(Foto: imago/Uwe Steinert)

Anders als man vielleicht vermuten könnte, steht im Familienleben der Wolffsohns der Mord an sechs Millionen Juden nicht auf der Tagesordnung. "Als unsere Kinder klein waren, wollten wir sie schützen. Das ist bis zu einem gewissen Alter notwendig", erzählt Michael Wolffsohn ntv.de. Auch stellten seine drei Kinder viele Fragen nicht - wohl weil sie den Alltag mit den Eltern einfach hinnahmen. Doch die Fragen, die schweren und bohrenden, kommen jetzt von den Enkeln. Wer war dieser Adolf Hitler? Und warum wollte er, dass alle Juden verschwinden?, fragte der damals siebenjährige Noah seinen Großvater.

Der machte sich auf die Suche nach passender Lektüre. Doch er konnte nichts Kindgerechtes finden. Judith Kerrs "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"? Eher für Jugendliche geeignet. "Das Tagebuch der Anne Frank"? Auch nicht gerade ein Kinderbuch. "Dann mache ich eben selbst eins", sagte sich Wolffsohn. "Eine Herausforderung, von der ich nicht wusste, ob ich sie auch meistern kann." Denn es war ein "Drahtseilakt", den der Autor so beschreibt: "Ich will nichts verniedlichen. Und zugleich will ich die Kinder nicht lebensabweisend und menschenfeindlich programmieren." Das heißt: Die ganze Wahrheit schreiben, doch entsetzliche Details wie Gaskammer, Selektion und Exekution bleiben außen vor. In der Familiengeschichte der Wolffsohns sind die Aussparungen vertretbar, eben weil ihnen die Flucht glückte. Doch das Glück der Eltern und Großeltern erscheint in dem Buch nie ohne düstere Grundierung. "In Tel Aviv schien für uns die Sonne, während Millionen vergast wurden." Für Wolffsohn gehört beides zum Seinsprinzip und er denkt: "Das können Kinder aushalten."

Corona-Krise: Kinder und Enkel dürfen nicht mehr kommen

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Wie alle großen und glücklichen Familien hat die Corona-Krise auch die Wolffsohns zeitweise getrennt. In den Jahren 75 und 76 nach Hitler fesselten Lockdown Nummer eins und Nummer zwei mitsamt der bayerischen Ausgangssperre den sonst vielbeschäftigten und umtriebigen Historiker und Publizisten mehr als sonst an sein Münchner Arbeitszimmer. Dort hatte er dann genug Zeit und Ruhe, um schreibend eine Erzählerstimme zu entfalten, die zu Kindern spricht, die nicht mehr zu Besuch kommen dürfen.

"Von einer unheilbaren Krankheit schienen damals die meisten Deutschen befallen zu sein. Hitler begann 1939 einen Riesenkrieg, einen Krieg, der fast überall auf der Welt tobte. Es war der Zweite Weltkrieg. An dessen Ende, 1945, war die Erde verbrannt, Dörfer und Städte zerstört, unendlich viele Juden, viele Deutsche und noch mehr Nichtdeutsche waren tot. Nun brüllte niemand mehr in Deutschland "Sieg Heil, mein Führer!". Der Führer hatte die Welt, die Juden und auch die Deutschen in die Katastrophe geführt. Und deshalb sagen wir heute: "Nie wieder! Nie wieder Hitler! Nie wieder Nazis!"

Die kleine Thea und die Rohrstock-Nonne

Mit Liebe zum Detail erzählt Wolffsohn von der Bamberger Kindheit seiner Mutter Thea, geborene Saalheimer. Davon, wie eine Nonne, die sonst den Rohrstock schwang, den jüdischen Mädchen dringend dazu riet, Deutschland zu verlassen. Er erzählt von der Flucht nach Israel, dem Heimweh, der Sonne Tel Avivs und der Rückkehr nach Deutschland. Auf seiner ersten Fahrt durch das zerbombte Berlin hört der Sechsjährige aus dem Mund seiner Großmutter zum ersten Mal den Namen Hitler. Das Thema hat ihn sein Leben lang nicht mehr losgelassen.

Die Familie kehrte 1954 nach Deutschland zurück, da war Michael Wolffsohn sieben Jahre alt. Er lehrte als Professor für Neuere Geschichte an Bundeswehruniversität München und hat über 30 Bücher verfasst. Der Verlag empfiehlt die Jugendbuchversion seiner 400 Seiten starken Familienchronik "Deutschjüdische Glückskinder" für Leser ab 11. Wolffsohn selbst ist da forscher und meint, aufgeschlossene Kinder könnten das Buch schon ab sechs oder sieben verstehen. Mit seinen Enkeln hat er in einer Vorlese-Stunde die Probe aufs Exempel gemacht.

Dass die Geschichte vom deutschen Sündenfall am Ende nicht in der Schublade der Zeitenferne verschwindet, auch davor schützt die Rückverwandlung von Historie in Familiengeschichte. Wolffsohn schließt mit einem Erlebnis seiner Enkelin Anna auf dem Schulhof einer gutbürgerlichen katholischen Grundschule mitten in Berlin. "Alle Juden stinken", sagt ihr Mitschüler. Die Lehrerin greift es auf, die Klasse stellt sich auf die Seite Annas und der minderjährige Judenfeind ist zum Schweigen gebracht. Wolffsohn, der Skeptiker endet mit zwei Fragen und einer Ansprache an seine Leser: "War das Glück? Bleibt das Glück? Das hängt von DIR ab."

Quelle: ntv.de

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