Kino

Das Gegenteil von Kalifornien Mit dem Rollbrett über den Alex

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Auf dem Alexanderplatz waren die exotischen Rollbrettfahrer die Stars.

(Foto: Wildfremd Productions)

Man nehme den Unterbau eines Rollschuhs und montiere ihn an ein Brett. Dann ist man zwar noch nicht in Kalifornien, aber man erkämpft sich ein Stück Freiheit. "This ain't California" begibt sich auf die Spuren einer Ost-Berliner Skateboard-Clique und zeigt, wie bunt die DDR mitunter war.

Es gibt einen schönen Satz in "This ain't California". Sinngemäß besagt er, dass man Kindern nur ein Brett und ein paar Rollen in die Hand drücken müsse und sie von ganz allein darauf kommen würden, sich daraus ein Skateboard zu bauen. Das sei nichts typisch Amerikanisches, sondern überall so. "This ain't California" von Regisseur Marten Persiel will zeigen, dass dies auch in der DDR so war. Und die DDR war schließlich so etwas wie das Gegenteil von Kalifornien.

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Denis steht im Mittelpunkt des Films, sein richtiger Name wird nicht genannt.

(Foto: This ain't California)

Dass es in der DDR Bretter mit Rollen unten dran gab, ist also wenig überraschend. Interessanter ist dann schon, dass es etwa in Berlin eine kleine Szene gab, die sich an den Skateboard-Tricks des Westens orientierte, die sich die Szenekleidung nachschneiderte (oder die drei berühmten Streifen mit dem Filzstift nachmalte) und die auf dem Alexanderplatz, dem Zentrum Ost-Berlins, das Publikum erstaunte und begeisterte. "This ain't California" begibt sich auf die Spur dieser Berliner Jugendlichen.

Im Mittelpunkt steht dabei das Leben von Denis. Dessen Tod als Bundeswehrsoldat in Afghanistan steht am Beginn des Films. Seine Freunde aus früheren Tagen haben ihn da schon längst aus den Augen verloren. Die Beerdigung ist für sie Anlass, noch einmal zusammen zu kommen und auf die 80er Jahre zurückzublicken. Aus den verschiedenen Erzählungen, Anekdoten und Geschichten, die sie sich am Lagerfeuer erzählen, ergibt sich ein Mosaik über das Leben von Denis, aber auch über die Ost-Berliner Skateboard-Szene und über die DDR dieser Zeit.

Ein schaler Beigeschmack bleibt

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Das Leben in der DDR war bunter, als es die Schwarz-Weiß-Fotos zeigen.

(Foto: Harald Schmitt)

Mit alten Super-8-Aufnahmen, Fotos und Ausschnitten aus damaligen Fernsehdokumentationen und Nachrichtensendungen fängt der Film die Atmosphäre dieser Zeit ein. Hinzu kommen die - stellenweise arg gestellt wirkenden - Gespräche am Lagerfeuer. Doch es gibt natürlich auch Ereignisse, von denen keine Filme oder Fotos existieren. Einerseits setzt Regisseur Persiel dabei auf sehr schöne Animationen, die sich klar vom historischen Archivmaterial abheben.

Andererseits jedoch wurden auch Szenen mit einem Schauspieler nachgedreht. Und hier hat der Film ein großes Problem, denn als er auf der diesjährigen Berlinale seine Premiere feierte - und schnell zum Geheimtipp avancierte - war nicht klar, dass Teile des Films nachgestellt waren. "This ain't California" galt als reine Dokumentation. Besonders störend ist dabei, dass die nachgestellten Szenen auf Super-8-Aussehen getrimmt wurden. So entsteht der Eindruck, dass vorgegaukelt werden sollte, es handle sich um historisches Material.

Die Macher des Films betonen, dass ihr Werk eine dokumentarische Erzählung sei, keine Reportage. Trotzdem begleitet den Film ein schaler Beigeschmack, weil man sich bei jeder Szene fragen muss, ob das dargestellte Material nun authentisch oder nachgestellt ist. Dass zudem nicht erwähnt wird, dass der Name von Denis aus Rücksicht auf die Angehörigen geändert wurde, ist da noch der kleinere Makel.

Electric Beat Crew und Feeling B

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Zur Beerdigung von Denis trifft sich die alte Clique nach Jahren wieder.

(Foto: Wildfremd Productions)

Diese Kontroverse ist vor allem schade. Denn davon abgesehen ist "This ain't California" ein witziger und sehr unterhaltsamer Film, der das Leben in der DDR - entgegen den verbreiteten Vorurteilen - bunt und wild darstellt. Dafür sorgen vor allem die schnellen Schnitte und der permanente Wechsel zwischen den verschiedenen Stilelementen. So werden etwa immer wieder Fernsehaufnahmen über das regimetreue Leben mit Szenen aus der anarchischen Skater-Clique konterkariert. Deren Lebensstil findet seine Entsprechung in der mitreißenden Musik, die von ostdeutschen Bands wie den Hip-Hop-Pionieren Electric Beat Crew und den Punk-Veteranen Feeling B bis etwa zu den West-Berliner Ärzten reicht.

Und natürlich geht es auch um Skateboards. Die ersten Exemplare sind noch recht spartanisch. Denis und seine Freunde, die in der Nähe von Magdeburg aufwachsen, bauen sie aus Rollschuhen und Brettern zusammen. Um über kleine Rampen zu springen und über den in der DDR genügend vorhandenen Beton zu fahren reicht es aber allemal. Dass die kleine Clique bald ein echtes Skateboard aus dem Westen in den Händen hält, ist da nur noch das Sahnehäubchen. Doch Denis wird die Provinz bald zu klein. Statt sich von seinem Vater zum Leistungssportler drillen zu lassen, will er lieber ausbrechen, frei sein.

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Einzelne Szene aus Denis' Leben werden mit Animationen dargestellt.

(Foto: This ain't California)

Als Denis und ein Freund schließlich nach Berlin umziehen präsentiert sich ihnen eine ganz andere Welt: Alles ist bunter, größer, wuseliger. Schnell finden sie Kontakt zu den Skatern auf dem Alexanderplatz. Es ist eine bunte, verrückte Gruppe, die mit ihren Brettern die wildesten Sachen anstellt. In der Darstellung dieser Truppe hat der Film seine witzigsten Momente, weil sich immer wieder der dem Westen nachgeahmte Lebensstil und die ostdeutsche Realität beißen - auch wenn es nur um Vokuhila und Schnurrbart geht.

Rollbretter im Vereinsheim

Die Staatssicherheit hat jedoch auch ein Auge auf die Skater geworfen. Zunächst versuchen die Behörden noch, den "Rollbrettsport" in geordnete Bahnen zu lenken. Dazu gehört auch, dass die DDR-Marke Germina ein eigenes Skateboard auf den Markt bringt. Doch der Versuch, aus den Skatern Vereinssportler zu machen, scheitert. Die genießen viel lieber ihre Jugend und die Freiheit der Straße. Immerhin dürfen sie zu einem großen Skateturnier nach Prag fahren. Dort treffen sie nicht nur auf ihre Vorbilder aus den USA, sondern auch Skater aus Westdeutschland. Kontakte werden geknüpft, die in Besuchen der Westdeutschen in Ost-Berlin gipfeln - inklusive eingeschmuggelter Skateboards. Doch die Staatsmacht hat die Aktivitäten genau im Blick. Und sie lässt sich nicht auf der Nase rumtanzen.

Dabei verschiebt der Film auch immer mehr seinen Fokus: Statt weiter die Entwicklung der Skateboard-Szene in der DDR zu verfolgen, rücken immer mehr die Berliner Clique und vor allem Denis, der sich inzwischen Panik nennt, in den Mittelpunkt. Sie werden zu Repräsentanten einer Generation, die ihre Jugend in einem maroden Staat verbringt. Doch sie wollen feiern, frei sein und ihren Spaß haben. Das gilt vor allem für Denis, der sich immer weniger mit den Beschränkungen in der DDR abfinden kann.

So kann man zwar bemängeln, dass Persiel keinen umfassenden Film über die DDR-Skateboarder gedreht hat, wie es etwa der sehr schöne Streifen "Here We Come" über die Hip-Hop- und Breakdance-Szene der DDR gemacht hat. Doch das wird aufgewogen durch die pure Lebenslust, die aus den Bildern spricht. Sie zeigen nicht nur, dass die DDR nicht so grau war, wie viel annehmen. Sie beweisen auch: Wenn man jung ist, muss man nicht in Kalifornien leben, um Spaß zu haben. Zur Not reicht auch die DDR.

Quelle: n-tv.de

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