Panorama

Coronaausbruch in Après-Ski-Bar Bericht beschreibt Versäumnisse in Ischgl

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Die österreichischen Behörden schlossen alle Après-Ski-Bars in Ischgl erst am 10. März.

(Foto: picture alliance/dpa)

Anfang März infizieren sich im Tiroler Skiort Ischgl unzählige Touristen mit dem Coronavirus - und tragen diesen anschließend in ihre Heimatländer. Hätte das verhindert werden können? Ein Polizeibericht legt nun die Versäumnisse des österreichischen Urlaubsorts offen.

Die langsame Reaktion der österreichischen Behörden hat auf fatale Weise dazu beigetragen, dass der Skiort Ischgl zu einer Superspreader-Location für Deutschland und halb Europa geworden ist. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Ein Drittel aller Covid-19-Fälle in Dänemark ist demnach zum Beispiel auf Ischgl-Urlaube zurückzuführen.

Der interne Abschlussbericht der österreichischen Polizei an die Staatsanwaltschaft Innsbruck gibt jetzt neue Hinweise darauf, wie wertvolle Zeit verloren wurde, während sich im Ischgler Apres-Ski-Betrieb immer mehr Urlauber ansteckten und das Virus dann in ihren Heimatländern verbreiteten - ganz besonders in Deutschland. RTL/ntv liegt dieser mehr als 1000-seitige Abschlussbericht exklusiv vor.

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So belegt diese aus zahlreichen Dokumenten bestehende Zusammenfassung der damaligen Abläufe, dass sogar schon am 3. März Informationen in den Skiort gelangt sind, nach denen Ischgl-Urlauber aus einer isländischen Reisegruppe positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Eine isländische Urlauberin teilte am Abend des 3. März dem Hotel Garni Martina in Ischgl mit, dass zwei Hotelgäste nach ihrer Rückkehr nach Island positiv getestet worden seien.

Warnung erreicht Tirol nicht

Zu diesem Zeitpunkt hätten die Alarmglocken in Ischgl bereits läuten können, ja müssen. Aber ganz offensichtlich versandete die Information, da der Apres-Ski-Betrieb noch eine volle Woche lang weiterging. Bis heute beharrt der Skiort darauf, erst am 5. März erstmals über die Corona-Gefahr informiert worden zu sein. Zwei Tage später gab es dann den ersten positiv getesteten Fall in Ischgl - einen aus Hamburg stammenden Barkeeper, der in der Après-Ski-Bar "Kitzloch" gearbeitet hatte.

Dabei hatte es am 3. März bereits eine offizielle Warnung an Österreich gegeben. Über das Europäische Frühwarnsystem berichtete Island von Corona-infizierten Urlaubern, die unter anderem in Österreich waren. Diese Warnung wurde aber gar nicht erst nach Tirol weitergegeben. Es habe "keine Weiterleitung" der Warnung innerhalb Österreichs gegeben, da "keine geografische Spezifizierung ersichtlich" gewesen sei, sagte das österreichische Gesundheitsministerium RTL/ntv.

Rückfragen nach Island, die nahe gelegen hätten, gab es nicht. Auch nicht, als am 4. März auch ein anderes Hotel in Ischgl - das Hotel Nevada - per Mail aus Island erfährt, Corona-positiv-getestete Urlauber seien in Zimmer 104 und 105 untergebracht gewesen.

Infektion erst im Flugzeug?

Der Polizeibericht zeigt noch weitere Punkte auf, bei denen sorglos vorgegangen worden ist. So wiegelte das Land Tirol die Warnungen aus Island schnell ab - und lag damit völlig falsch. Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgarber argumentierte, die Island-Urlauber hätten sich wohl erst auf dem Rückflug angesteckt. "Konkret befand sich beim Rückflug ein aus dem Italien Urlaub kommender und am Coronavirus erkrankter Fluggast an Bord", teilte das Land Tirol am 5. März mit.

Aus zwei Gründen ist diese Einschätzung mehr als zweifelhaft: Zum einen gehen Experten davon aus, dass Ansteckungen in Flugzeugen aufgrund der Klimaanlagen-Filter äußerst unwahrscheinlich sind; es gebe so gut wie keinen dokumentierten Fall dieser Art. Zum anderen findet der Polizeibericht keinen Nachweis, dass tatsächlich ein infizierter Italiener an Bord der besagten Maschine war. Der Bericht spricht von "irreführenden Informationen (z.B. "Übertragung im Flugzeug")", die von den Behörden aufgenommen wurden und "die gezielten, behördlichen Maßnahmen" verzögert hätten.

Woher kam die zweifelhafte Information zu dem infizierten Fluggast? Laut dem Polizeibericht hat eine isländische Urlauberin diese Version in einer E-Mail erwähnt. Nachgeprüft wurde dieser so wichtige Punkt in Österreich aber anscheinend nicht.

Après-Ski-Bars schlossen erst am 10. März

Auch erwähnenswert: Als der erste Corona-Fall im "Kitzloch" bestätigt war, kam offenbar keine der zuständigen Behörden darauf, dass auch Gäste in der vollbesetzten Bar infiziert worden sein könnten. Das sei "eher unwahrscheinlich" verkündete damals die Landessanitätsdirektion. Eine aus heutiger Sicht fast schon wahnwitzige Einschätzung. Im Polizeibericht finden sich keine Hinweise darauf, dass es je ein Thema war, Gäste im "Kitzloch" zu identifizieren und zu testen.

Die Bar wurde damals lediglich desinfiziert, das Servicepersonal ausgewechselt - dann ging der Betrieb weiter. Die Behörden schlossen alle Après-Ski-Bars in Ischgl erst am 10. März - und auch das nicht mit letzter Konsequenz. Der Bericht erwähnt anfängliche Verstöße gegen die behördliche Anordnung. Das gesamte Skigebiet schloss schließlich am 14. März.

Der Polizeibericht besteht überwiegend aus Dokumenten, E-Mails oder Informationsschreiben, viele davon von untergeordneter Bedeutung. Bewertet werden die Vorfälle nicht. Dennoch deutete auch diese umfangreiche Dokumentation darauf hin, dass man viel früher hätte reagieren können.

Quelle: ntv.de