Panorama

Google-Daten zu Corona-Verhalten Deutschland bleibt brav daheim

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Gähnende Leere am Brandenburger Tor - in Berlin tummeln sich schon seit Wochen keine Touristen mehr an den Hotspots.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Internet-Dienstleister Google bietet in der Corona-Krise eine Übersicht zum Bewegungsverhalten der Menschen, aufbereitet nach Ländern und Regionen. Die Zahlen zeigen: Die Bundesbürger haben sich drastisch eingeschränkt - und das schon vor den Ausgangssperren.

Big Data ist seit vielen Jahren ein Zauberwort, das Wissenschaftler, Geheimdienstler und die Werbewelt gleichermaßen zum Träumen bringt. Was macht wer, wann, wo, wie und warum? Die enormen Fortschritte gerade auch in der Aufbereitung der wachsenden Anzahl an Daten über unsere Bewegungs,- Kommunikations- und Nutzungsverhalten erweisen sich im Umgang mit der Corona-Pandemie als besonders wertvoll.

Die Daten veranschaulichen nicht nur, wie sich Menschen bisher verhalten haben, also auch dann noch, als schon viele Sars-Cov-2 in sich trugen und unwissentlich weiterverbreiteten. Sie zeigen vor allem auch die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Verlangsamung der Infektionswelle und könnten es im nächsten Schritt ermöglichen, von Breitenmaßnahmen wie generellen Ausgangssperren zu gezielten Instrumenten zu greifen, die etwa nur bestimmte Regionen oder Einrichtungen betreffen.

Die Bundesregierung hatte schon vor Verhängung der zurzeit geltenden Einschränkungen anonymisierte Daten von Telekomkunden zurate gezogen, um zu sehen, ob die Bundesbürger von sich aus ihr Verhalten ändern oder ob es hierfür Verordnungen braucht.

Die Welt in Zahlen

Mit Google hat am Freitag einer der größten Daten-Aggregatoren weltweit begonnen, diese Daten zu veröffentlichen. Der "Covid-19 Community Mobility Report" wurde für fast jedes Land ins Internet gestellt. Dabei sind die Daten nicht nur nach Ländern aufbereitet, sondern auch nach Regionen, Bundesländern oder Bundesstaaten.

Wer sich durch die verschiedenen Länderberichte klickt, sieht: Weltweit ist das Alltagsleben durch Corona massiv gestört, vielerorts haben die Menschen ihre Bewegungen deutlich eingeschränkt. Dabei geben die Daten den Stand von Ende März wieder, also vom Sonntag eine Woche nachdem sich in Deutschland die Regierungen von Bund und Ländern auf landesweite Ausgangssperren verständigt hatten.

Im Vergleich zum Basiswert - der dem Median der ersten fünf Wochen des Jahres entspricht - lag das Personenaufkommen in Freizeiteinrichtungen wie Restaurants, Einkaufszentren, Museen und Kinos am 29. März 77 Prozent niedriger. Aufenthalte an Bahnhöfen und Bushaltestellen sanken um 68 Prozent. Die Bewegungen an Arbeitsplätzen brachen um deutlich mehr als 30 Prozent ein, und zwar auch unter der Woche. Und Parkbesuche gingen in Deutschland gar um 49 Prozent zurück - wohlgemerkt im Vergleich zum Mittelwert des deutlich kälteren Januars.

Viele hörten auf Merkel

Auffällig ist dabei, dass viele Menschen in Deutschland ihr Verhalten schon vor Verhängung der Ausgangssperren deutlich umgestellt hatten. In allen von Google betrachteten Kategorien fällt der Mobilitäts-Graph schon Tage vor dem 22. März nach unten. Auch die Ansprache von Angela Merkel, in der die Bundeskanzlerin am 18. März um freiwillige Einschränkungen gebeten hatte, verfehlte demnach ihre Wirkung nicht. Die Mobilitätszahlen sanken zumindest in den folgenden Tagen bis zum 22. sichtbar.

Die von Google präsentierten Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen: Viele Faktoren bestimmen das Alltagsverhalten der Menschen. Das Wetter ist etwa maßgeblich für die Nutzung von Parks und öffentlichen Grünanlagen. Zudem basieren die Daten auf denjenigen Bürgerinnen und Bürgern, die ein Smartphone und Google-Dienste nutzen. Das typische Verhalten der ganz alten Bevölkerung dürfte daher eher nicht erfasst sein. Nichtsdestotrotz deuten die starken Ausschläge der letzten Märzwochen sehr wohl auf einen starken Corona-Effekt.

Das zeigen auch die Zahlen aus Ländern, die noch schwerer vom Coronavirus betroffen sind und noch rigidere Maßnahmen ergriffen haben. In Italien etwa brach in der ersten Märzhälfte die Nutzung von Parks um 90 Prozent ein. Das Personenaufkommen in gastronomischen und Freizeiteinrichtungen sank um 94 Prozent. Arbeitsplätze wurden zu 63 Prozent weniger aufgesucht, obwohl die vielen lebenswichtigen Einrichtungen ja ihren Betrieb weiter mit voller Last fahren. Stichtag ist jeweils Sonntag der 29. März, die Werte sind in den vorangegangenen Tagen aber ähnlich.

Schweden bleibt mobil

Schweden hingegen setzte bislang vor allem auf die Vernunft der Menschen statt auf Verbote. Die Bürgerinnen und Bürger sollen freiwillig Abstand voneinander halten und sich das Virus so nur langsam in der Bevölkerung ausbreiten. Entsprechend geringer sind die Einbrüche im Personenaufkommen in gastronomischen und Freizeiteinrichtungen, wo Google ein Minus von 24 Prozent ausweist. Arbeitsplätze wurden von den Schweden zu 18 Prozent weniger aufgesucht.

Das Personenaufkommen in Schwedens Parks liegt sogar um 43 Prozent über der Basislinie. Auch in Deutschland gingen die Parkbesuche an dem sonnigen Wochenende Mitte März zunächst deutlich nach oben. Möglich, dass die Parkbesuche allein wenig darüber aussagen, wie ernst die Menschen das Virus nehmen. Schließlich gibt es kaum noch andere Orte zu besuchen und Abstand zu anderen zu wahren, ist in den Grünanlagen immerhin möglich.

Suchanfragen deuten auf neues Symptom

Dass nicht nur Googles Ortungsdaten für Politiker, Behörden und Wissenschaftler interessant sind, zeigt der Datenjournalist Seth Stephens-Davidowitz in einem Artikel für die "New York Times". Darin schreibt er, dass die Suchanfrage "ich kann nichts riechen" ("I can't smell") besonders häufig in den stärksten Corona-Verbreitungsgebieten der USA auftritt: New York, New Jersey, Louisiana und Michigan. Geruchsverlust gilt als typisches Symptom der Erkrankung Covid-19.

Dabei handelt es sich um eine Korrelation, also um das Auftreten von Phänomenen, die offenbar in Wechselbeziehung zueinander stehen. Das entspricht nicht einer direkten Kausalität, ist aber zumindest Hinweis auf eine Ursache-Wirkung-Beziehung. Häufen sich diese Suchanfragen also schlagartig anderswo, wäre dies zumindest ein Hinweis auf einen Corona-Ausbruch.

Stephens-Davidovitz fand zudem heraus, dass in den US-Krisenregionen sowie in Spanien sich auch die Suchanfrage "meine Augen brennen" häuften. Das wäre ein Hinweis auf ein bislang kaum beschriebenes Covid-19-Symptom, auch wenn die absolute Häufigkeit dieser Suchanfrage gering ist. Big Data könnte so noch einiges über Sars-Cov-2 preisgeben, was das Virus beim Blick durchs Mikroskop verbirgt.

Quelle: ntv.de