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Lion-Air-Absturz vor Indonesien Ermittler: Boeing-Jet war "nicht flugtüchtig"

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Enorme Kräfte beim Aufschlag auf dem Wasser: Ein Teil des Fahrwerks der abgestürzten Boeing 737 Max von Lion Air.

(Foto: REUTERS)

Rund vier Wochen nach dem Absturz einer Boeing 737 in der Javasee kommen die Unfallsachverständigen zu einem ersten vorläufigen Ergebnis: Der fast fabrikneue Passagierjet hätte in diesem Zustand demnach nie abheben dürfen.

Der Absturz einer indonesischen Passagiermaschine mit 189 Todesopfern im vergangenen Monat hätte vermutlich verhindert werden können. Die indonesische Flugaufsichtsbehörde KNKT kommt in einem vorläufigen Untersuchungsbericht zu dem Schluss, dass die Boeing 737 der Fluggesellschaft Lion Air bereits bei einem Flug am Vortag des Unglücks "nicht flugtüchtig" gewesen sei.

Die Techniker von Lion Air hätten die Maschine in diesem Zustand nicht freigeben dürfen, lautet das Zwischenfazit der Unfallsachverständigen. Die Fluggesellschaft wurde aufgefordert, ihre Sicherheitskultur zu verbessern und die Reparatur- und Instandsetzungsmaßnahmen künftig lückenlos zu dokumentieren. Flug JT-610 war am 29. Oktober nur elf Minuten nach dem Start in Jakarta ins Meer vor der indonesischen Küste gestürzt. Keiner der 189 Menschen an Bord überlebte das Unglück.

Knapp einen Monat nach dem Absturz legten die Ermittler nun ihren ersten Zwischenbericht vor. Wie die "New York Times" unter Berufung auf das Papier vorab berichtete, mussten die Piloten der fast nagelneuen Boeing 737 Max praktisch von der ersten Minute nach dem Start an gegen den drohenden Absturz kämpfen. Mehr als zwei Dutzend Mal sollen sie versucht haben, die Maschine aus einem automatisch eingeleiteten Sinkflug wieder nach oben zu ziehen - letztlich aber ohne Erfolg.

Verzweifelter Kampf gegen den Crash

Die Auswertung des Flugdatenschreibers ermöglicht detaillierte Einblicke in den fast 13-minütigen Kampf der Lion-Air-Piloten gegen den sicheren Tod. Die an der US-Westküste erscheinende "Seattle Times" veröffentlichte eine grafische Darstellung der Cockpit-Daten, die belegen mit welcher Kraft die Flugzeugführer immer wieder am Steuerruder zogen, um der automatisch eingeleiteten Sinkbewegung entgegenzuwirken.

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Beinahe im Minutenabstand versuchte die Software demnach, die Maschine in den Sturzflug zu drücken. Verzweifelt hielten die Piloten dagegen, um doch noch sicher zum Startflughafen zurückkehren zu können. Die Fluggeschwindigkeit blieb dabei weitgehend konstant. Doch dann lässt sich der zweistrahlige Passagierjet nicht mehr aufrichten, die Ruderbewegungen werden immer stärker, die Maschine stürzt immer schneller - die Aufzeichnungen brechen ab.

Die Boeing zerschellte mit hoher Geschwindigkeit auf der Wasseroberfläche. Die Absturzstelle liegt rund 70 Kilometer von Jakarta entfernt in der Javasee. Bei der Bergung stoßen die Helfer kaum auf größere Trümmerteile. Die 189 Menschen an Bord - 178 erwachsene Passagiere, ein Kind, zwei Babys, zwei Piloten und sechs Flugbegleiter - waren offenbar sofort tot.

Von der Software in den Tod gelenkt?

Die Zeitungsberichte wollten die Ermittler nicht kommentieren. Schon länger aber wird in Fachkreisen darüber spekuliert, dass ein neu eingeführtes Software-Modul des Autopiloten den Absturz verursacht haben könnte. Der Computer im Flugkontrollgerät könnte demnach das Höhenruder der Maschine automatisch verstellt haben, um einen vermeintlichen Strömungsabriss an den Tragflächen zu verhindern.

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KNKT-Sprecher Nurcahyo Utomo stellt das verheerende Zwischenergebnis der Ermittler vor: Der Tod von 189 Menschen hätte verhindert werden können.

(Foto: REUTERS)

Boeing-Piloten können die neu eingeführte Funktion des Autopiloten mittels zweier Schalter im Cockpit abstellen, was aber offensichtlich nicht geschah. Berichten zufolge soll es der Hersteller Boeing unterlassen haben, die Betreiber der betroffenen Maschinen und das fliegende Personal über die Neuerung in ausreichendem Maße zu informieren. Die neue Steuer-Software soll in allen Boeing-Modellen 737 Max-8 und Max-9 verbaut worden sein. Dabei handelt es sich um eine modernisierte Version der für Boeing überaus erfolgreichen 737-Reihe, von der Tausende Maschinen weltweit im Einsatz sind.

Bereits bei einem Flug von Bali nach Jakarta am Tag vor dem Absturz hatte der Bordrechner widersprüchliche Angaben zu Flughöhe und -geschwindigkeit ermittelt. Die Piloten dieses Flugs schalteten des offenbar fehlerhafte Anti-Stall-System kurzerhand ab. Lion Air hatte erklärt, dass die Probleme mit diesem Bauteil vor dem Start am nächsten Morgen behoben worden seien. Die junge indonesische Fluglinie hatte darauf verzichtet, die Maschine sicherheitshalber am Boden zu lassen.

Der Datenschreiber der Boeing wurde bereits wenige Tage nach dem Absturz gefunden. Nach dem Stimmen-Rekorder, der die Gespräche und Geräusche im Cockpit aufzeichnet, wird immer noch gesucht. Ermittler erhoffen sich von den Aufnahmen weitere Hinweise darauf, was genau in den letzten Minuten an Bord des Fluges vor sich ging. Wann der abschließende Untersuchungsbericht vorgelegt werden kann, ist noch unklar. Für Boeing-Kunden hat der Vorfall schon jetzt Konsequenzen: Die betroffenen Fluggesellschaften müssen ihre Piloten auch schulen, wie genau sich die Steuerbefehle der automatischen Flugkontroll-Software im Zweifelsfall schnell abschalten lassen.

Falls Sie mehr zum Absturz von Lion-Air-Flug 610 wissen möchten, hören Sie rein in diese Ausgabe von "Wieder was gelernt", dem Podcast von n-tv.de.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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