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Mittwoch, 05. Dezember 2018

GSG9 bei Festnahmen im Einsatz: Europa gelingt Schlag gegen 'Ndrangheta

In mehreren Ländern Europas gehen Ermittler in einer koordinierten Aktion gegen die italienische Mafia vor. Allein in Deutschland nimmt die Polizei 14 Personen aus dem Umfeld der 'Ndrangheta fest.

Harter Schlag gegen die Mafia: Bei großangelegten Razzien gegen Mitglieder der italienischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta in Deutschland und drei weiteren Ländern sind rund 90 Tatverdächtige festgenommen und bis zu 4000 Kilogramm Kokain sowie 140 Kilogramm Ecstasy-Pillen beschlagnahmt worden. Das teilte die Europäische Justizbehörde Eurojust bei einer internationalen Pressekonferenz in Den Haag mit. Deutsche Schwerpunkte der Aktion waren das Rheinland und das Ruhrgebiet sowie Bayern.

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Dem Leitenden Oberstaatsanwalt Duisburgs, Horst Bien, zufolge wurden 65 Gebäude in Deutschland durchsucht. 14 Personen wurden festgenommen und sechs sogenannte Vermögensarreste in Höhe von etwa fünf Millionen Euro ausgebracht. Insgesamt werde im Rahmen der Operation mit dem Codenamen "Pollino" in Deutschland in einem laufenden Verfahren gegen 47 Beschuldigte ermittelt.

Einer der Haupttäter, ein 45 Jahre alter italienischer Gastwirt einer Osteria aus Pulheim bei Köln, wurde am Morgen in seiner Wohnung verhaftet. Berichte, wonach es auch Durchsuchungen in Thüringen und Berlin gegeben haben soll, dementierte das BKA.

An den Operationen seien rund 440 Beamte beteiligt, sagte Christian Hoppe, Leitender Kriminaldirektor des Bundeskriminalamtes (BKA). "Spiegel Online" berichtete, dass auch Spezialkräfte der Antiterroreinheit GSG 9 an den Einsätzen beteiligt waren. Eurojust-Vizepräsident Filippo Spiezia bezeichnete die Operation von Italien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden als "außerordentlichen Erfolg". Möglich sei dies durch die Bildung eines gemeinsamen grenzüberschreitenden Ermittlerteams gewesen, das seine Arbeit bereits Anfang 2016 aufgenommen habe.

Italiens Anti-Mafia-Staatsanwalt Federico Cafiero de Raho wies allerdings darauf hin, dass die 'Ndrangheta weiterhin stark und gefährlich sei: "Wenn wir glauben, wir haben die 'Ndrangheta ausgehoben, dann täuschen wir uns." Den verdächtigen Personen wird unter anderem Kokainhandel, Geldwäsche, Gewalt, Bestechung und die Zugehörigkeit zu einer Mafiaorganisation vorgeworfen.

Hamburger Hafen ist von "besonderem Interesse"

Die kalabrische 'Ndrangheta gilt inzwischen als die mächtigste italienische Mafia-Organisation. Sie dominiert den Drogenschmuggel nach Europa und ist auch in Deutschland aktiv. So gingen die Mafia-Morde von Duisburg auf ihr Konto. Im August 2007 waren dort vor einer Pizzeria sechs Menschen erschossen worden. Ein Streit zwischen dem Pelle-Vottari-Clan und dem Strangio-Nirta-Clan war der Auslöser für die Bluttat.

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In Italien richteten sich die Augen am heutigen Mittwoch vor allem auf die Region um Reggio Calabria. Die Operation habe sich gegen verschiedene Mitglieder bekannter Clans gerichtet, die im Herzen der Region um Locri bei Reggio Calabria operierten. Aus dieser Gegend stammten auch die Täter der Mafia-Morde von Duisburg.

Seit Langem warnen Ermittler in Italien davor, dass die 'Ndrangheta ein außerordentlich wichtiges Standbein in Deutschland hat. Im Sommer erklärte die nationale Anti-Mafia-Behörde, dass die kalabrische Mafia in Deutschland ähnliche Strukturen aufgebaut habe wie in ihrer Heimat. Deutschland, darunter der Hamburger Hafen, sei für den Drogenhandel von "besonderem Interesse" für die Clans.

Zwar gelingen italienischen Ermittlern immer wieder Schläge gegen die Clans, jedoch streckt die 'Ndrangheta ihre Tentakeln immer weiter aus. Anders als es in Filmen dargestellt wird, führt die Mafia weniger blutige Straßenkämpfe aus: Stattdessen agiert sie meist im Verborgenen und infiltriert staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen. Anders als in Italien gibt es in Deutschland keine strengen Anti-Mafia-Gesetze. Dort ist schon die Mitgliedschaft in einer mafiösen Organisation eine Straftat - in Deutschland nicht.

'Ndrangheta stärkste Gruppierung in Deutschland

Die kalabrische 'Ndrangheta ist italienischen Behörden zufolge die einzige Mafiaorganisation, die auf allen Kontinenten präsent ist. In Deutschland waren laut Bundeskriminalamt mit Stand April dieses Jahres 344 Mitglieder dieser Mafiagruppierung bekannt - wobei die Ermittler von einem großen Dunkelfeld ausgehen. Verglichen mit anderen Mafianetzwerken scheint die 'Ndrangheta jedoch die mit Abstand stärkste derartige Gruppierung in Deutschland zu sein.

Denn erst mit weitem Abstand folgen die aus Neapel stammende Camorra (94 bekannte Mitglieder in Deutschland) und die sizilianische Cosa Nostra (89). Insgesamt waren den deutschen Behörden im vergangenen Frühjahr 585 Menschen als Mitglieder von Gruppen bekannt, die der sogenannten italienischen Organisierten Kriminalität zugerechnet werden. Schwerpunkte von deren kriminellen Aktivitäten sind Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.

Nach Erkenntnissen der Ermittler nutzen die Mafiamitglieder und -unterstützer Deutschland als Aktionsraum für Drogen-, Fälschungs-, Eigentums- und Wirtschaftskriminalität. Dabei gehen die einzelnen Gruppierungen gut organisiert und hoch professionell vor. Experten für organisierte Kriminalität führen dies darauf zurück, dass Mafiagruppen hierzulande auf Verbindungen zurückgreifen können, die sich schon in den 70er Jahren bildeten und seither etabliert haben.

Quelle: n-tv.de