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Mitten in der Urlaubssaison Ist Spanien bald Hochinzidenzgebiet?

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Auch auf Mallorca steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen rasch an.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

In Spanien steigen die Fallzahlen stark an, besonders bei jungen Menschen sind die Inzidenzen wieder extrem hoch. Geht die Entwicklung so weiter, könnte das beliebte Urlaubsland bald wie Nachbar Portugal zum Hochinzidenzgebiet erklärt werden. Das hätte gravierende Folgen für den Tourismus.

"Es gibt keinerlei Hinweise auf Entwicklungen, die befürchten ließen, dass wir in absehbarer Zeit wieder Entscheidungen treffen müssten, die dazu führen, dass deutsche Touristen in Spanien keinen Urlaub mehr machen können", sagte Außenminister Heiko Maas am Montag bei einem Besuch in der Hauptstadt Madrid. "Die Zahlen steigen zwar wieder, aber zunächst nicht besorgniserregend."

Das ist eine mutige Einschätzung, vielleicht der Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber geschuldet. Tatsächlich aber könnte Spanien ziemlich schnell zum Hochinzidenzgebiet werden. Und das würde bedeuten, dass Reiserückkehrer in Deutschland in Quarantäne müssen, solange sie nicht nachgewiesen vollständig geimpft oder von Covid-19 genesen sind.

Kein großer Schritt zum Hochinzidenzgebiet

Per Definition des Bundesgesundheitsministeriums könnte Spanien zum Hochinzidenzgebiet erklärt werden, wenn seine 7-Tage-Inzidenz ein Mehrfaches des deutschen Wertes beträgt oder regelmäßig über 200 Fällen pro 100.000 Einwohner liegt. Das gilt auch für einzelne Regionen.

Die Bundesrepublik zählt aktuell ungefähr fünf Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche. Den offiziellen Zahlen der Regierung zufolge betrug die spanische 7-Tage-Inzidenz gestern 155. Am 2. Juli lag der Wert noch bei 100, vor vier Wochen bei 53.

Nachdem "ein Vielfaches" noch relativ schwammig ist, kann man darüber vielleicht hinwegsehen. Einzelne Regionen liegen aber auch schon mehrere Tage deutlich über einer Inzidenz von 200. Besonders hoch ist sie mit 378 in Katalonien, vor fünf Tagen lag sie dort noch bei 233 Fällen. Die Region Navarra zählt aktuell fast 260 Fälle, am 2. Juli waren es nur 61. In Kastilien und León kletterte der Wert im gleichen Zeitraum von rund 114 auf knapp 239. Kantabrien legte von etwa 156 auf 227 zu.

Auch auf den Balearen, zu denen Mallorca gehört, spitzt sich die Situation zu, denn auf den Inseln stieg die 7-Tage-Inzidenz innerhalb von fünf Tagen von 94 auf 129. Vor einem Monat betrug sie lediglich knapp 20 Fälle.

Das sind sowohl für Spanien insgesamt als auch für einzelne Regionen enorme Steigerungen. Und der Trend geht klar steil nach oben. Es ist absehbar, dass das Land schon bald die 200er-Grenze überschreiten wird. Daran werden auch halbherzige Gegenmaßnahmen der Regierungen in Madrid oder den Regionen kaum etwas ändern.

Delta verbreitet sich rasch

Zu erwarten ist eher, dass die Zahlen noch schneller nach oben gehen. Denn in Spanien breitet sich die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus rasch aus. Laut Zahlen der Initiative GISAID (Global Initiative on Sharing All Influenza Data) betrug am Montag der Anteil von B.1.617.2 am Infektionsgeschehen der vergangenen vier Wochen bereits über 42,3 Prozent. Am 26. Juni lag der Wert noch bei 20,9 Prozent. Der Anteil der Variante hat sich also in nicht einmal zehn Tagen verdoppelt.

Verglichen mit Deutschland ist das zwar noch ein vergleichsweise moderater Anstieg, denn hierzulande stieg Deltas 4-Wochen-Anteil von 12,4 auf 30,1 Prozent. Doch die Inzidenzen machen den Unterschied. Solange sie sehr niedrig wie in Deutschland sind, stellt ein hoher Delta-Anteil alleine vorerst kein Problem dar.

Enorme Inzidenzen bei 12- bis 29-Jährigen

Angetrieben werden die Neuinfektion in Spanien vor allem durch jüngere Menschen. Besonders krass ist der Anstieg bei den 12- bis 29-Jährigen. Die Regierung nennt hier nur 14-Tage-Inzidenzen, was einen Vergleich schwierig macht. Da aber für die Gesamtbevölkerung 7- und 14-Tage-Inzidenzen vorliegen, kann man den Wochenwert entsprechend dem Verhältnis für die Altersgruppen grob schätzen.

So liegt die 7-Tage-Inzidenz der 12- 19-Jährigen inzwischen schon bei etwa 500 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Vor fünf Tagen lag der Wert noch unter 270. Bei den 20- 29-Jährigen ist die Inzidenz sogar noch etwas höher. Der Anstieg bei den Spaniern zwischen 30 und 39 Jahren entspricht ziemlich genau dem der Gesamtinzidenz, allerdings auf einem höheren Niveau. In dieser Altersgruppe beträgt die Inzidenz auch schon fast 200.

Bei den Kindern unter 12 Jahren und den älteren Spaniern ab 40 Jahren steigen die Neuinfektionen dagegen kaum an. Das liegt zu einem guten Teil daran, dass Spanien schon viele der über 50-Jährigen geimpft hat, seit Juni gibt es keine Altersbeschränkung mehr. Aktuell sind 41,2 Prozent der Spanier vollständig geimpft, 56,3 Prozent haben mindestens eine Dosis erhalten.

Weniger Todesfälle und Hospitalisierungen

Ähnlich wie in Großbritannien macht sich dies auch bei den schweren Krankheitsverläufen bemerkbar. Die Anzahl der Covid-19-Todesfälle ist trotz der rasant steigenden Inzidenzen weiter rückläufig. In den vergangenen sieben Tage registrierte das Land nur 43 weitere Opfer. Am 7. Juni waren es mit 96 noch mehr als doppelt so viele.

Auch die Hospitalisierungen sinken weiter deutlich. 2874 Covid-19-Patienten lagen gestern in spanischen Krankenhäusern, was einer Rate von 6 Personen pro 100.000 Einwohnern entspricht. In den vergangenen 24 Stunden wurden 365 neue Patienten registriert, 616 von ihnen liegen auf Intensivstationen. Vor einem Monat waren es insgesamt 4114 Corona-Patienten, von denen 1124 auf den Intensivstationen lagen.

Selbst wenn man davon ausgehen kann, dass die Zahl der schweren Erkrankungen mit wachsenden Inzidenzen wieder ansteigen kann, sieht es wie in Großbritannien so aus, dass es auch in Spanien nicht mehr zu katastrophalen Zuständen kommen wird. Doch die Entwicklung stellt nach wie vor eine ernsthafte Bedrohung für die Tourismusbranche des Landes dar.

Im Ausland zählt vor allem die Inzidenz

Denn hohe Inzidenzen bedeuten, dass die Wahrscheinlichkeit wächst, dass sich Touristen in Spanien anstecken und so nach ihrer Rückkehr die Fallzahlen in deren Heimatländern in die Höhe treiben könnten. Ähnliches war im vergangenen Sommer zu beobachten.

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Steigende Neuinfektionen würden zwar aufgrund der fortgeschrittenen Impfkampagne wahrscheinlich auch in Deutschland nicht mehr zu sehr vielen Hospitalisierungen und Todesfällen führen. Aber die Bundesrepublik weiß bisher noch nicht, wie es mit seinen Kindern umgehen soll, die auch im Herbst noch zu einem großen Teil ungeimpft sein werden. Der beste Schutz vor langfristigen Folgen, sowie weiteren Einschränkungen in Schule und Freizeit, wäre eine niedrige Inzidenz bei den Erwachsenen.

Entsprechend könnte die Regierung bald gezwungen sein, im Tourismus wieder härtere Maßnahmen einzuführen. Dazu würde natürlich auch gehören, sich an die eigenen Regeln zu halten und Spanien oder einzelne Regionen bei weiter rasant zunehmenden Fallzahlen zu Hochinzidenzgebieten zu erklären. Und dann ist auch schnell vergessen, was der Außenminister am Montag gesagt hat.

Quelle: ntv.de

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