Panorama

Kriterien für Patientenauswahl Die umstrittene Schweizer "Altersguillotine"

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Die Intensivstationen in der Schweiz füllen sich mit Corona-Patienten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Reichen Intensivbetten nicht aus, müssen Ärzte entscheiden, wen sie aufnehmen oder wem sie einen schmerzfreien Tod ermöglichen. Der Fall eines 80-Jährigen wühlt die Schweiz auf - und entfacht die Debatte über die Kriterien dafür, welche Covid-19-Patienten noch behandelt werden.

Nach Unfällen mit sehr vielen Verletzten, im Katastrophenfall und in der Notaufnahme müssen Ärzte blitzschnelle, aber manchmal auch brutale und emotional belastende Entscheidungen fällen. Sie müssen festlegen, wie sie Verunglückten oder Notfallpatienten am besten helfen können - und wem nur noch mit schmerzstillenden Mitteln der Tod erleichtert wird. Triage nennt sich das Vorgehen in der medizinischen Fachsprache, eine Ableitung vom französischen Wort trier (sortieren, aussuchen). Der Begriff geht ins 19. Jahrhundert zurück, als Kriege zunehmend mit schwerem Militärgerät geführt wurden und auf den Schlachtfeldern die Zahl der Verletzten unterschiedlicher Schweregrade erheblich zunahm.

Die Triage ist weltweit Normalität. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie hat sie aber eine neue Dimension der Traurigkeit erreicht. Fehlen Intensivbetten, müssen Krankenhäuser Patienten abweisen, obwohl klar ist, dass sie ohne Beatmungsgerät sterben. Die italienische Ärztin Francesca Mangiatordi, die in Cremona arbeitet, erklärte im Frühjahr, wie es ist, über Tod oder Leben befinden zu müssen: "Ich bin in eine Lage gekommen, die unmenschliche Entscheidungen verlangt."

Nun könnten sich in Italien und anderen Ländern Europas die emotionalen Dramen wiederholen. Doch nirgendwo wird über die Kriterien der Triage öffentlich so leidenschaftlich diskutiert wie in der Schweiz, in der erste Kliniken die Grenzen der Aufnahmekapazitäten erreichen. Bienvenido Sanchez, leitender Intensivmediziner mehrerer Spitäler im Kanton Wallis, musste nach eigenen Angaben Ende Oktober erstmals in seinem Berufsleben einen Patienten, einen schwer an Covid-19 erkrankten 80-Jährigen, abweisen, weil kein Intensivbett vorhanden war. "Normalerweise hätten wir diese Person aufgenommen, damit sie mindestens eine minimale Überlebenschance hat", sagte er der "NZZ am Sonntag". "In der aktuellen Situation aber halte ich die letzten Betten lieber für Fälle frei, wo mehr Hoffnung besteht."

Punktesystem als Entscheidungsgrundlage

Vor einer Woche lag die Auslastung der Intensivbetten insgesamt bei 76 Prozent, mancherorts darüber. Das Hauptproblem ist der Personalmangel. Mitarbeiter der Regierung in Bern warnten vor einer baldigen Überlastung des Systems. ntv.de fragte mehrere Krankenhäuser in der gesamten Schweiz an. Überall hieß es, die Lage sei angespannt, aber noch gebe es Plätze für schwere Covid-19-Fälle. Ein Sprecher des Bürgerspitals Solothurn berichtete etwa, die rasante Zunahme der Covid-19-Patienten erfordere einen Ausbau der Intensivbettenkapazität. Eine Kollegin am Freiburger Kantonsspital sagte: "Im Moment mussten wir weder eine solche Entscheidung treffen noch kam es zur Triage." Doch jede Klinik müsse auf diese Eventualität vorbereitet sein, zumal die zweite Welle "nicht nur einzelne Regionen betrifft, sondern viel breitflächiger wütet".

Der Fall des 80-Jährigen im Wallis wühlte die Schweiz auf und heizte die Debatte über die Kriterien der Triage weiter an. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen die Altersgrenzen in den Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Der im März veröffentlichte Leitfaden wurde Anfang November präzisiert. Nun sind die Altersvorgaben um ein Punktesystem aus "Gebrechlichkeitsscores" erweitert worden. Wenn es Spitz auf Knopf steht, gilt: Wer über 85 Jahre alt ist, wird nicht mehr intensiv behandelt - es sei denn, er oder sie ist fit und braucht wenig Betreuung. Senioren über 75 müssen damit rechnen, abgewiesen zu werden, wenn sie an Leberzirrhose, chronischem Nierenversagen oder Herzinsuffizienz leiden. Und selbst Männer und Frauen über 65 kann es treffen, sollten sie extrem pflegebedürftig sein.

*Datenschutz

Wie schwierig die Abgrenzung ist, zeigt schon die Formulierung in den Richtlinien der SAMW, in denen es heißt, das Alter, Behinderungen und Demenz "per se keine Kriterien" seien. "Sie messen älteren oder behinderten Menschen weniger Wert bei und verletzen daher das verfassungsrechtlich verankerte Diskriminierungsverbot." Andererseits müsse das Alter "indirekt im Rahmen des Hauptkriteriums 'kurzfristige Prognose' berücksichtigt" werden. "Denn ältere Menschen leiden häufiger unter Co-Morbiditäten, und auch Demenzerkrankungen und gewisse Behinderungen können sich auf die kurzfristige Prognose negativ auswirken."

Alter als entscheidendes Kriterium

Die Juristen Christa Tobler und Mark-Anthony Schwestermann vom Europainstitut in Basel kritisierten die Richtlinien schon im März scharf. In Stellungnahmen auf Anfrage von ntv.de begrüßten sie zwar die Korrektur als Fortschritt. Ihrer Meinung nach reicht das aber nicht aus. "Die Verwendung von Alterskriterien für sich allein und ohne Abklärung des individuellen Gesundheitszustandes der betroffenen Person sind rechtlich nicht zulässig", sagte Professor Tobler. Zur Frage, was sei, wenn ein Mensch wenige Stunden nach seinem 85. Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert werde, erklärte sie: "Das ist natürlich ein Problem." Auch deshalb müsse jeder Mensch genau untersucht werden.

Schwestermann, der gar von einer "Altersguillotine" sprach, betonte: "Auch die aktualisierten Richtlinien sind diskriminierend." Das Bewertungssystem basiere auf einem Piktogramm, das "stereotypisierend Menschen visualisiert". Wenn ein Hochbetagter intensiv behandelt werden müsse, komme er "überspitzt gesagt auf der Bahre liegend zum Triage-Arzt und nicht etwa mit Baseballmütze und Joggingkleidern, wie es das Piktogramm für den vitalen, fitten Menschen suggeriert". Welcher Schwerkranke wirke nicht gebrechlich? "Wie soll er nachweisen, dass er ansonsten rüstig ist und zu Berge gehen kann?" Sein Fazit: "Faktisch bleibt das Alter somit ein zentrales Kriterium."

Tatjana Kistler, Sprecherin der größten Schweizer Seniorenorganisation Pro Senectute, stellt klar, dass die Richtlinien "nur für eine absolute medizinische Notsituation gedacht sind, in welcher sich die Schweiz noch nicht befindet". Ziel sei, das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten. Allerdings hob sie hervor, die fixe Altersgrenze werde "mit Sorge" gesehen. Viele sehr alte Leute, auch mit Vorerkrankungen, befänden sich in einer guten, lebenswerten Situation. "Das darf im Falle einer Corona-Infektion - unabhängig des Alters - keinesfalls in Vergessenheit geraten."

Daniel Scheidegger, Vizepräsident der SAMW, verteidigt das Vorgehen. "Wenn jemand noch völlig selbstständig ist und allein lebt, dann spielt das Alter neu keine Rolle", sagte er dem Schweizer Fernsehen SRF. Die Bedenken der Juristen nehme er zur Kenntnis. "Wenn man mich angreift oder wenn ich vor Gericht muss, dann gehe ich." Im März seien die Kriterien innerhalb kürzester Zeit entwickelt worden. "Auch die heutigen Richtlinien werden nicht perfekt sein. Man lernt immer dazu."

Quelle: ntv.de