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Schwere Nebenwirkungen selten Darum haben manche Menschen mehr Impfbeschwerden

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Der Impfstoff wirkt auch, wenn man nach einer Impfung gar nichts spürt.

(Foto: imago images/Sylvio Dittrich)

Nach einer Corona-Impfung liegt der eine mit Fieber im Bett, ein anderer hat nur Kopfschmerzen, ein weiterer hat gar keine Beschwerden. Es gibt erste Hinweise darauf, warum einige Menschen mehr spüren als andere.

Wie Menschen auf die Corona-Impfung reagieren, ist ganz unterschiedlich. Manche liegen einen oder mehrere Tage mit Fieber flach, andere haben nur leichte Kopfschmerzen oder spüren überhaupt nichts. Warum das so ist, ist noch nicht ganz klar.

Einige wenige Daten gibt es aber schon, sagt Hendrik Schulze-Koops im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Er leitet am Klinikum der Universität München die Rheumatologie und Klinische Immunologie. "Es gibt einen ganz, ganz vorsichtigen Hinweis. Patienten mit entzündlichen Erkrankungen, aber ohne diesbezügliche Erkrankungsaktivität, haben ein gewisses höheres Risiko, eine Impfreaktion zu bekommen. Das Risiko ist höher als bei denjenigen, wo die Grunderkrankung klinisch vollständig im Griff ist." Als Beispiel für entzündliche Erkrankungen nennt der Experte rheumatische, gastrointestinale und neurologische Erkrankungen.

Eine Erkrankung kann also eine Rolle spielen dabei, wie der Körper auf eine Corona-Impfung reagiert. Ansonsten gibt es bisher noch kaum Anhaltspunkte dafür, warum die eine mehr merkt als der andere. "Das ist sogar so, dass im zeitlichen Verlauf mit erster, zweiter und dritter Impfung es sein kann, dass bei der ersten alles glatt ging ohne diese vorübergehenden Nebenwirkungen, bei der zweiten Nebenwirkungen aufgetreten sind und bei der dritten wieder nicht. Es ist also wirklich sehr, sehr unterschiedlich, zeitlich abhängig von bestimmten Voraussetzungen, die wir nicht kennen und eben auch interindividuell. Das heißt, der eine kann so reagieren, die andere so.", erklärt der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin im Podcast.

Fünf Prozent der Geimpften von Impfreaktionen betroffen

Nach einer Impfung können nicht nur Nebenwirkungen auftreten, sondern auch Impfreaktionen. "Die Nebenwirkung ist das, was Sie erwarten, zum Beispiel durch einen blauen Fleck, wenn Sie eine Nadel in den Körper bekommen. Eine Nebenwirkung wird nicht durch den Impfstoff hervorgerufen, sondern durch die Tatsache, dass wir geimpft werden. Das tut ein bisschen weh, wenn man dort gestochen hat, nach dieser Impfung fühlt man sich für kurze Zeit, das berichten die großen Register, etwas abgeschlagen, unabhängig von der eigentlichen Impfreaktion an sich", erläutert Hendrik Schulze-Koops. Und beide Experten betonen, dass Nebenwirkungen nichts über die Wirksamkeit des Impfstoffs aussagen. Wenn man keine Nebenwirkungen hat, dann sei es nicht so, dass die Impfung nicht wirksam sei.

Was sind Nebenwirkungen?

Unter Nebenwirkung versteht man eine Wirkung, die neben der beabsichtigten Hauptwirkung eines Arzneimittels auftritt. Alternativ werden auch die Begriffe "unerwünschte Reaktion" und "Komplikation" verwendet. Nebenwirkungen von Arzneimitteln oder Impfstoffen werden im Beipackzettel, den Fachinformationen für Ärzte und den Produktinformationen des Herstellers aufgelistet. Dafür muss ein ursächlicher Zusammenhang bekannt oder zumindest plausibel sein.
"Unvorhergesehene Nebenwirkungen" sind Reaktionen, die zuvor noch nicht beobachtet wurden und noch nicht in den Fachinformationen beschrieben sind.
"Schwerwiegende Nebenwirkungen" sind Reaktionen, die tödlich oder lebensbedrohend sind, eine stationäre Behandlung erforderlich machen oder zu bleibenden oder schwerwiegenden Schäden führen.
"Seltene Nebenwirkungen" sieht man erst, wenn sehr viele Menschen das Produkt bekommen haben. Die Zahl der Menschen, die an Phase-3-Studien eines neuen Präparats teilnehmen, ist vielfach zu klein, um Nebenwirkungen zu sehen, die zum Beispiel einmal pro eine Million Menschen auftreten. Über die Schwere der Nebenwirkungen sagt der Begriff nichts aus. Er reicht von harmlosen Begleiterscheinungen wie Müdigkeit bis hin zu Risiken, deren Schaden den Nutzen des Medikamentes übersteigt.

Impfreaktionen dagegen zeigen uns, dass der Körper sich mit der Impfung beschäftigt. "Der Körper muss sich auseinandersetzen mit der Substanz, gegen die der Körper letztlich auch eine Antikörperantwort und eine T-zelluläre Antwort entwickeln muss", so der Experte.

Impfreaktionen verlaufen meist mild: Man hat Muskelschmerzen oder ist abgeschlagen. Jüngere Menschen sind laut Robert-Koch-Institut eher davon betroffen. Und nach der zweiten Impfung kommt eine Impfreaktion etwas häufiger vor als nach der ersten. "Man kann sie nicht vorhersehen und sie tritt im Schnitt bei etwa fünf Prozent der Geimpften auf. Ganz egal, was für eine Grunderkrankung diese Geimpften jetzt haben. Sie ist vorübergehend und nach zwei bis drei Tagen dann auch in den allermeisten Fällen wieder im Griff."

Immer wieder gibt es Berichte über teils schwere Nebenwirkungen, die einige Menschen irritieren. Doch das Risiko ist verschwindend gering. Leichte Nebenwirkungen können bei etwas mehr Menschen auftreten. In einer Studie von Wissenschaftlern in den USA sind bekannte Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Muskelschmerzen und Schüttelfrost bei 74 Prozent der Impflinge aufgetreten. Das Risiko für schwere Nebenwirkungen liegt aber bei gerade einmal 0,02 Prozent, so steht es im Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts. Heißt: im Schnitt ist nur jeder 5.000ste Impfling betroffen.

Schwerwiegend, das meint tödliche und lebensbedrohliche Nebenwirkungen, einen Krankenhaushalt oder bleibende Schäden. "Nur sehr, sehr wenige von diesen schwereren Nebenwirkungen konnten überhaupt mit der Impfung in Zusammenhang gebracht werden", sagt Timo Ulrichs. "Da versucht man natürlich genau herauszufinden, was da mögliche andere Grundvoraussetzungen sind, die dann beispielsweise bei einer möglichen Vorschädigung dem Ganzen Vorschub leisten könnten." Im Allgemeinen seien die Impfstoffe aber sehr gut verträglich, betont der Epidemiologe im Podcast.

Nebenwirkungsrisiken mit Moderna-Booster höher

Ein seltenes Risiko der Covid-19-Impfstoffe ist zum Beispiel eine sehr spezielle Kombination aus Thrombose und Blutplättchenmangel, das Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom, kurz TTS. Diese Blutgerinnsel waren meist nach der Impfung mit Astrazeneca und Johnson & Johnson aufgetreten. Laut Sicherheitsbericht wurden 43 Todesfälle durch TTS mit den Impfungen in einen Zusammenhang gebracht.

Eine weitere seltene Nebenwirkung sind Herzmuskelentzündungen, die hauptsächlich nach Impfungen mit Biontech oder Moderna vorgekommen sind. Die treten bei nur etwa jedem 20.000sten Impfling auf, sagt die Deutsche Herzstiftung. Vor allem Jüngere und Männer seien davon betroffen, erläutert der Virologe Alexander Kekulé bei ntv, sie seien fast immer harmlos. Solche Reaktionen können zwar zeitlich mit einer Impfung zusammenhängen, die Impfung muss aber nicht immer der Grund dafür sein.

Nebenwirkungen bei der Booster-Spritze unterscheiden sich laut RKI nicht von denen bei den ersten beiden Impfungen. Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schmerzen an der Einstichstelle können auftreten. Es gibt aber kleine Unterschiede zwischen einem Moderna- und einem Biontech-Booster, erläutert Hendrik Schulze-Koops im Podcast. "Die Nebenwirkungsrisiken mit dem Moderna-Impfstoff sind grundsätzlich etwas höher. Das zeigen auch die Daten mit dem Biontech-Impfstoff, weshalb der Moderna-Impfstoff bei der Booster-Impfung auch nur in der Hälfte der üblichen Dosis gegeben wird." Die Risiken bei der Booster-Impfung seien aber nicht höher als bei den ersten und zweiten Impfungen, so Schulze-Koops."

Erst seit Kurzem werden auch kleine Kinder gegen Covid-19 geimpft. Auch bei ihnen sind Nebenwirkungen sehr selten. Die US-Gesundheitsbehörde hat Anfang Dezember 2021 die Daten von 8,7 Millionen Kinderimpfungen veröffentlicht. Unter den Fünf- bis Elfjährigen gab es demnach zwölf Fälle von Herzmuskelentzündung. Die meisten der Entzündungen sind schon wieder ausgeheilt. Keines der Kinder musste ins Krankenhaus. Das Risiko für die Jüngsten sei laut Hendrik Schulze-Koops also extrem niedrig.

Langzeitfolgen bei Impfungen "praktisch ausgeschlossen"

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Wenn es um Nebenwirkungen ging, ist in der Vergangenheit auch immer wieder mal das Thema Langzeitfolgen von Impfungen aufgekommen. So hatte zum Beispiel Fußballprofi Joshua Kimmich eine große Diskussion ausgelöst. Langzeitfolgen, wo Nebenwirkungen nicht sofort, sondern erst Monate oder Jahre später nach einer Impfung auftreten, gibt es bei Impfstoffen aber nicht. "Das ist nach allem, was wir verstehen, so dermaßen unwahrscheinlich, das ist praktisch fast ausgeschlossen", betont Alexander Kekulé bei ntv.

Klar ist: Wer sich nicht impfen lässt, geht ein viel höheres Risiko ein, nämlich an Covid-19 zu erkranken und dann möglicherweise einen schweren Krankheitsverlauf zu haben und später Long Covid zu bekommen. Die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Verlauf zu haben, ist bei vollständig Geimpften um etwa 90 Prozent geringer als bei nicht Geimpften.

Wo finde ich "Wieder was gelernt"?

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Quelle: ntv.de

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