Panorama

Epidemiologin Wiese-Posselt "Abbau der Impfzentren rächt sich jetzt"

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Miriam Wiese-Posselt ist Epidemiologin an der Berliner Charité - hier im Gespräch mit ntv-Reporterin Vivian Bahlmann.

Die Inzidenzen steigen rapide, helfen würde eine groß angelegte Booster-Kampagne. Doch ohne die Impfzentren hat sie zu wenig Tempo, sagt Charité-Epidemiologin Miriam Wiese-Posselt. Sie beklagt aber auch die Haltung derer, die sich trotz des Angebots nicht impfen lassen möchten.

ntv: Jeden Tag infizieren sich gerade in Deutschland mehrere Tausend Menschen mit dem Coronavirus. Wer ist aktuell konkret betroffen?

Miriam Wiese-Posselt: Es ist wirklich dramatisch, wie hoch die Inzidenzzahlen gehen, und das vor allem in zwei Gruppen. Es sind vor allem die Kinder, die noch nicht geimpft werden konnten - Grundschulkinder, Kinder eigentlich aber auch bis 16, weil die Durchimpfung der 12- bis 16-Jährigen noch recht gering ist. Wir sehen aber auch wieder vermehrt Infektionen bei der älteren Bevölkerung, die zwar eigentlich geimpft ist, bei der aber der Impfschutz abzunehmen scheint.

Circa ein Drittel der Deutschen ist aktuell noch nicht geimpft. Haben wir denn grundsätzlich genug Kapazitäten - also genug Impfstoff, genug Impfzentren? Oder liegt das daran, dass die Menschen sich nicht impfen lassen wollen?

Beides. Wir haben einerseits die Impfzentren in vielen Bundesländern abgebaut in den letzten Wochen. Was sich jetzt so ein bisschen rächt, weil die Hausärzte und auch die Kinderärzte, die sonst die Impfungen durchführen würden, mit den alltäglichen Erkältungskrankheiten auch schon sehr beschäftigt sind. Es wäre jetzt äußerst günstig, wenn es wieder Impfzentren gäbe oder auch aufsuchende Impfangebote. Das andere ist, dass wir leider immer noch relativ viele Erwachsene haben, die sich nicht impfen lassen möchten. Aber ich denke, im Grunde genommen ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem, mit dem wir es hier zu tun haben: dass wir so unvorbereitet in diese vierte Welle reingelaufen sind, und dass wir es als Gesellschaft nicht geschafft haben, die Schwächsten, die Kinder, die ältere Bevölkerung, zu schützen, indem wir uns alle haben impfen lassen.

Es heißt, dass viele Impfzentren erst Ende Januar, Anfang Februar wieder aufgebaut werden können. Ist das zu spät?

Es wird zu spät sein, um diese vierte Welle zu knacken. Das haben wir gesehen in Israel, wo ja auch nur ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung geimpft ist. Dort wurde dann diese dritte Impfung, die ja auch zurzeit diskutiert wird, relativ zügig verabreicht an die Bevölkerungsgruppen, die bis dahin zweimal geimpft waren. Damit konnte man das Geschehen brechen.

In der Ukraine möchte man jetzt mit Geld locken. Jeder Geimpfte soll umgerechnet rund 33 Euro bekommen. Finden Sie das eine gute Idee oder wie kriegt man jetzt das letzte Drittel noch dazu, sich die Impfung zu holen?

Ich denke, man muss sehr viel mehr noch über Aufklärung gehen - auch ein bisschen die Problematik erklären, dass wir, wenn sich nicht noch mehr Menschen impfen lassen, aus dieser Pandemie einfach nicht rauskommen. Dass immer wieder diese Wellen entstehen werden, wir immer wieder zu Lockdown-Maßnahmen greifen müssen. Und dass sich das dann nochmal die nächsten Jahre hinziehen könnte. Das ist etwas, was bisher noch nicht so richtig angekommen ist bei der Bevölkerung. Keiner von uns hat mehr Lust auf diese Pandemie. Alles, was dazu führt, die Impfquote hochzubekommen, sollte man in dieser Situation nutzen.

In Portugal liegt die Impfquote bei 90 Prozent. In vielen anderen Ländern, in Spanien oder in Frankreich, ist sie ebenfalls höher als in Deutschland. Was machen diese Länder besser als wir?

Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass die etwas besser machen oder nicht. Ich glaube, dass die einfach andere Erfahrungen gemacht haben in der Corona-Krise. Diese Länder waren sehr stark getroffen - vor allem Italien, Spanien, Portugal. Da war wirklich Lockdown. Über Monate hinweg durfte man nicht vor die Tür. Ich denke auch, dass die Sozialisierung eine andere ist als in Deutschland, wo die Einstellung ist: "Mich betrifft das Ganze nicht so sehr, ich bin keine Risikogruppe. Und wenn ich dann doch erkranke, gibt es ja die Krankenhäuser und ich kann eigentlich davon ausgehen, dass ich auch super behandelt werde."

Mit Miriam Wiese-Posselt sprach Vivian Bahlmann

Quelle: ntv.de

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