Panorama

Bei Verdacht nicht schweigen "Sexueller Missbrauch findet überall statt"

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In dieser Gartenlaube in Münster sollen Ende April vier Männer zwei Jungen missbraucht haben.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Wichtig ist es, frühzeitig zu erkennen, wann sich Strukturen von sexuellem Missbrauch bilden. "Man darf sich nicht wegducken und glauben, ach, das verwächst sich schon" sagt Julia von Weiler, Geschäftsführerin von "Innocence in Danger e.V." im Interview mit ntv.de. Die beste Form der Prävention sei es, Täterkarrieren zu vermeiden. So könnten der "Fall Maddie", der "Fall Inga", die "Sache mit Münster" verhindert werden. Darüber, was sexueller Missbrauch für ein Kind bedeutet, ob und wie es ins Leben zurück finden kann und wie wir als Gesellschaft helfen können, gibt von Weiler Auskunft.

ntv.de: Die Fälle Maddie, Inga, Münster - das Thema Kindesmissbrauch steht momentan wieder im Fokus. Sie beschäftigen sich damit ständig, wie ordnen Sie das temporäre Entsetzen ein?

Julia von Weiler: Es ist vor allem wichtig, sich klarzumachen, dass diese Fälle jeden Tag unter uns geschehen. Deshalb müssen wir für Kinder ansprechbar sein. Kinder in Not brauchen Erwachsene, die hinsehen und handeln. Sie sind auf uns angewiesen. Sexueller Missbrauch findet überall und in jeder Schicht statt. In jedem Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis gibt es jemanden, der Kindern sexuelle Gewalt antut.

Ein Gedanke, der unglaublich schwerfällt …

Ja, das wollen wir nicht wahrhaben, wir müssen den Gedanken aber zulassen. Wir müssen dieses Gefühl ernst nehmen, wenn wir etwas bemerken. Und jetzt kommt die Quadratur des Kreises: Wir dürfen weder bagatellisieren noch überreagieren.

Was kann man dann tun?

Hilfe bei sexuellem Missbrauch

Betroffene oder Menschen, die einen Missbrauch vermuten, können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden: 0800-22 55 530. Weitere Infos zu Beratungs- und Hilfeangeboten vor Ort gibt es unter: www.hilfeportal-missbrauch.de

Das, was wir immer tun, wenn wir ein Problem haben, das wir selbst nicht lösen können: Wir holen uns Hilfe. Es gibt das "Hilfetelefon Missbrauch". Das gibt es bundesweit, kostenlos, anonym, für jeden. Wenn man nicht weiß, was man unternehmen soll, dann helfen einem dort Profis. Die kennen jeden Zweifel und helfen bei Unklarheiten. Die sagen, was zu tun ist, wenn man den Verdacht hat, dass in der Kleingartenkolonie, in der Gemeinde, im Sportverein oder im Freundeskreis etwas gewaltig schiefläuft.

Wenn eine Tat dann aufgeflogen ist, sagen viele oft, sie hätten sich etwas gedacht.

Das ist wirklich so. Wenn man also das Verhalten einer Person im Freundeskreis gegenüber einem Kind als nicht "normal" ansieht, dann sollte man auf diese Person zugehen und einfach mal fragen: "Ey, was machst du denn da gerade, findest du das gut?" Damit signalisieren Sie dem Erwachsenen: Ich sehe, was du da machst. Aber man signalisiert auch dem Kind: Ich sehe, was da mit dir gemacht wird. Damit verändert sich die Dynamik auf der Stelle.

Das erfordert Zivilcourage.

Ja, das stimmt - aber wir sollten lernen, selbstverständlicher damit umzugehen und auch, sich in solchen Situationen zu äußern. Damit machen wir es Tätern und Täterinnen schwerer, weil sie dann nicht wissen, wann in ihrem Umfeld jemand konkreter auf sie zugeht. Und ehrlich gesagt, so viel Zivilcourage braucht es eigentlich nicht - es braucht eher mehr Ehrlichkeit! Und die Courage, seinem Instinkt zu folgen, seinem Gefühl zu vertrauen und es auszusprechen.

Viele Menschen verlassen sich auf das Jugendamt, die Polizei oder eine andere Institution, die für Missbrauchstaten zuständig ist. Was ist daran falsch?

Sie werden vielleicht nicht die- oder derjenige sein, der einen organisierten Missbrauch aufdeckt. Das können Sie auch gar nicht. Aber Sie können die entscheidende Person sein, die den Stein ins Rollen bringt. Sie müssen sich dann mit einem Profi beraten, wie es weitergeht. Denn es geht um das Wohl eines Kindes. Sie sind aber nicht allein verantwortlich für das weitere Prozedere, sondern Sie sind nur die Person, die auf ihren Verstand gehört hat.

Ich signalisiere also vor allem, dass ich für weitergehende Hilfe sorgen kann. Ich signalisiere, dass ich ansprechbar bin.

Genau. Ich habe mich vor einiger Zeit mal wieder in einer Grundschule umgehört, was Kinder mögen und was sie bereits als übergriffig empfinden. Das geht schon dabei los, dass kleine Jungs es hassen, wenn man ihnen ständig durch die Haare strubbelt. Stellen Sie sich mal vor, das würde man ständig bei Ihnen machen (lacht). Kinder zu fragen, was sie mögen und was nicht, und das einfach mal in den Raum zu stellen, ist also sehr sinnvoll.

Wenn ich mich nun durchgerungen habe, zur Polizei zu gehen, treffe ich da immer auf die Richtigen, die sich dieser Belange annehmen und nicht sagen: Oh je, schon wieder so eine Überbesorgte?

Wegen dieser Befürchtung gehen die meisten nicht zur Polizei. Aber es sieht eher folgendermaßen aus: In Deutschland gibt es zum Thema Kindesmissbrauch jedes Jahr zwischen 12.000 bis 16.000 Anzeigen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass in Deutschland pro Jahr eine Million Kinder betroffen sind - eine riesige Diskrepanz. Also sollte man auf jeden Fall reagieren. Am besten gehen Sie nicht zur nächsten Polizeidienststelle, sondern Sie wenden sich an das "Kommissariat für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung", so heißt das ganz korrekt. Dort sind die Beamten, die dafür ausgebildet sind, die sich den ganzen Tag mit solchen Fällen beschäftigen und die Ahnung haben. Es gibt auch die Möglichkeit, online Anzeige zu erstatten, das ist aber komplizierter. Sicher müssten die Polizeidienststellen besser aufgestellt sein - Nordrhein-Westfalen geht da mit gutem Beispiel übrigens voran - aber richtig wichtig ist, dass die psychosoziale Versorgung an anderen Stellen noch besser wird.

Also in der Schule, im Kindergarten, im Sportverein …

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Julia von Weiler

(Foto: imago/Jürgen Heinrich)

Genau, und sich dann an die richtigen Ansprechpartner wenden zu können, das ist wichtig. Mein allerwichtigster Appell nochmal: Nutzen Sie das Missbrauchs-Telefon. Lassen Sie sich beraten, wen Sie sich an die Seite holen können.

Eine Person des sexuellen Missbrauchs zu bezichtigen, die vollkommen unschuldig ist, ist aber auch furchtbar. Diese Person wird dieses Stigma nie wieder los …

Es gibt Studien dazu, ob solche unberechtigten Vorwürfe zugenommen haben. Da geht es um Sorgerechtsfragen, verletzten Stolz, Rachegedanken während Trennungs- und Scheidungsverfahren. Und man hat festgestellt, dass die Zahlen nicht gestiegen sind. Es ist absolut grauenvoll, wenn jemand zu Unrecht verdächtigt wird, aber selbst in sehr schlimmen Trennungsverfahren kommen diese Bezichtigungen eher selten vor.

Julia von Weiler

Diplom-Psychologin, Autorin und seit 2003 Leiterin von "Innocence in Danger e.V.", arbeitet seit 1991 zum Thema "sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen" in unterschiedlichen ambulanten und stationären Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe. Sie ist Autorin diverser Fach-Artikel sowie des Eltern-Ratgebers "Im Netz vor sexueller Gewalt schützen".

Wie kommen Kinder, die missbraucht wurden, wieder zurück ins Leben?
Die Kinder müssen Raum und Zeit bekommen, das Erlebte zu verarbeiten, sie müssen aus ihren alten Strukturen raus. Sie müssen in eine Umgebung kommen, in der sie auf Menschen treffen, die Ahnung haben. Natürlich verändert der sexuelle Missbrauch das Leben dieses Kindes unwiederbringlich, nichts wird mehr so, wie es hätte werden können. Das bedeutet aber nicht, dass dieses Kind zu einem unglücklichen Menschen heranwachsen muss! Und auch nicht, dass es für immer krank und psychiatrisch behandlungsbedürftig durchs Leben gehen muss. Es ist wichtig, dass wir diese Kinder nicht nur auf diese Tat, dieses Erlebte reduzieren. Es darf von der Gesellschaft, den Eltern, den Lehrern, den Freunden, nicht ewig stigmatisiert werden. Sonst kann sich dieses Kind nicht entfalten.

Darum teilen sich viele Betroffene wahrscheinlich gar nicht erst mit, weil genau das passiert …

Ja. Sobald man weiß, was einer Person passiert ist, verändert sich das Gegenüber, die Umwelt, und das ist ungerecht. Niemand darf nur auf dieses eine Erlebnis reduziert werden. Damit ist dem Kind - und auch dem späteren Erwachsenen - nicht geholfen.

Mit Julia von Weiler sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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