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Infektionsgefahr in Reiseländern Starten Urlauber die zweite Corona-Welle?

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Man kann im Urlaub die Corona-Krise nicht vergessen, aber wohl relativ sorgenfrei entspannen.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Kroatien steigen die Infektionszahlen stark an, einige Reiseländer kämpfen gegen akute Ausbrüche, in anderen kann sich die Pandemie-Situation schnell verändern. Wie riskant ist aktuell ein Urlaub im Ausland? Treten Rückkehrer in Deutschland vielleicht sogar die zweite Corona-Welle los?

In einigen Bundesländern haben die Sommerferien bereits begonnen, in den anderen gehen sie im Laufe dieses Monats los. Auch wenn viele den Urlaub dieses Jahr im Inland verbringen, reisen doch zahlreiche Deutsche ins europäische Ausland. Nicht wenige von ihnen haben dabei ein flaues Gefühl. Denn in einigen beliebten Urlaubsländern steigen die Infektionszahlen, und wie sicher Flüge oder Bahnfahrten in vollen Abteilen sind, weiß man noch nicht genau. Sollte man deshalb besser den Trip absagen und zu Hause bleiben? Und besteht vielleicht sogar die Gefahr, dass die Reisewelle im Sommer für die zweite Corona-Welle im Herbst verantwortlich sein wird?

Tatsächlich sehen die Entwicklungen in einigen der beliebtesten Ziele besorgniserregend aus. So müssen Kroatien-Urlauber derzeit lesen, dass das Balkan-Land gegen eine zweite Welle kämpft, die Zahl der Neuinfektionen dort deutlich steigt. Österreichs Behörden nennen Reisen nach Kroatien deshalb ein "hohes Sicherheitsrisiko". Mit "anhaltenden Einschränkungen im Flug- und Reiseverkehr" sowie mit "weitgehenden Einschränkungen im öffentlichen Leben" sei bis auf Weiteres zu rechnen. Das Nachbarland Slowenien strich Kroatien von der Liste der sicheren Länder, hatte zuletzt aber selbst ebenfalls steigende Zahlen.

Spanien macht aktuell auch wieder Corona-Schlagzeilen, weil nach Ausbrüchen mehrere Gebiete erneut in den Lockdown geschickt werden mussten. Italien erwägt Zwangseinweisungen von behandlungsunwilligen Covid-19-Patienten, um ein erneutes Aufflammen der Pandemie zu unterbinden, Oberösterreich führt wegen steigender Neuinfektionen die Maskenpflicht wieder ein, in Griechenland haben sich mehrere Dutzend über Bulgarien eingereiste Touristen infiziert.

Zahlen bleiben relativ niedrig

Solche Meldungen darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Doch wenn man die Statistiken zu den Urlaubsländern ohne Reisewarnung genauer betrachtet, gibt es bisher auch noch keinen Anlass, beunruhigt zu sein. Selbst in Kroatien sind die absoluten Zahlen relativ niedrig. Am 3. Juli erreichten die täglichen Neuinfektionen mit 96 gemeldeten Fällen einen Höchststand, zuletzt waren es 57 und 69 Fälle.

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So kam Kroatien in den vergangenen Tagen durchschnittlich auf 12,1 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, eine Inzidenz, die kein deutsches Bundesland in Aufregung versetzen würde. Spanien hat eine Inzidenz von 6,0, Frankreich von 6,1. Italien liegt bei 2,3, Griechenland bei 1,6, die Schweiz bei 7,7, die Inzidenz von Österreich beträgt aktuell 7,5.

Portugal hat eine 7-Tage-Inzidenz von 21,6, was deutlich mehr als in Kroatien ist. Trotzdem wurde am 1. Juli im Einvernehmen mit Madrid die gemeinsame Landesgrenze wieder geöffnet. Warum das so ist, kann man auf der Info-Seite des Auswärtigen Amtes sehen. Dort heißt es, die Zunahme von Neuinfektionen in Portugal sei auf einen regionalen Schwerpunkt im Großraum Lissabon zurückzuführen. Betroffen seien dort 19 nicht touristische Gemeinden.

Hotspots meist abseits von Touristenregionen

Der Punkt ist ganz wichtig. Denn es kommt immer darauf an, wo und warum in einem Land die Neuinfektionen zunehmen. So sind in Spanien ähnlich wie in deutschen Regionen laut "Tagesschau.de" besonders oft ausländische Erntehelfer von landwirtschaftlichen Großbetrieben betroffen. Das ist ein Problem, aber nicht unbedingt für Spanien-Touristen.

Das gilt für fast alle Urlaubsgebiete in europäischen Ländern, für die es keine Reisewarnung gibt. Steigende Neuinfektionen sind oft auf lokale Ausbrüche in Regionen zurückzuführen, in die sich Touristen selten verirren. Aber deshalb darf man sich an seinem Urlaubsort auch nicht zu sicher fühlen. Hier gilt das Gleiche wie zu Hause: Partys - ob erlaubt oder nicht - in geschlossenen Räumen und mit vielen Menschen sind ein absolutes No-Go.

So ist der Ausbruch in der Region La Mariña in der spanischen Provinz beispielsweise auf eine wilde Feier von jungen Leuten in Kneipen zurückzuführen. ARD-Korrespondent Clemens Verenkotte sieht so ein Verhalten auch als Ursache dafür, dass Kroatiens Hauptstadt zum Hotspot wurde. "Größtenteils junge Leute gehen in Clubs, Partys. Und da kümmert sich wirklich, was das angeht, in der Altersgruppe kein Mensch darum", sagte er Radioeins.

Risiko kaum höher als zu Hause

Die Situationen können sich schnell ändern, aber aktuell kann man wohl davon ausgehen, dass Touristen, die sich vernünftig verhalten, Abstandsregeln, Maskenpflichten et cetera einhalten, im Urlaub kaum einem höheren Risiko ausgesetzt sind als zu Hause. Wichtig ist, dass man sich informiert, wie die Lage direkt am Urlaubsort ist und welche Regeln dort gelten.

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Wie sicher Flugreisen in der Corona-Pandemie tatsächlich sind, muss sich noch herausstellen.

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Das höchste Risiko besteht wahrscheinlich im Flugzeug, Zug oder Bus auf dem Weg zum Urlaubsort und zurück, da sind sich Virologen weitgehend einig. Denn dann befindet man sich mit vielen Menschen in geschlossenen Räumen, ohne einen Sicherheitsabstand einhalten zu können.

Gefährlich kann das auch bei Flugreisen trotz Hepa-Filtern werden, die Viren zurückhalten, beispielsweise wenn vor dem Abflug die Belüftung noch nicht läuft. Aber auch unterwegs kann man sich im Flieger anstecken, vor allem, wenn alle Plätze besetzt sind. Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sagte dem Deutschlandfunk: "Je länger Sie fliegen, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Übertragungen kommen kann."

Wie sich die Lage an den Urlaubsorten in der Hochsaison entwickelt, ob Partys außer Kontrolle geraten, Behörden bei Infektionsfällen nicht schnell genug reagieren oder Flugreisen vielleicht doch gefährlicher sind als erwartet, weiß man nicht. Klar ist, dass die Neuinfektionen zunehmen werden, das ist der Preis für jede Reisefreiheit in einer Pandemie. Derzeit kann man aber davon ausgehen, dass Urlauber in einem Land, für das es keine Reisewarnung gibt, kein sehr viel höheres Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken als zu Hause.

Vernunft wichtiger als zu Hause bleiben

Jeder einzelne Infizierte kann zum sogenannten Superspreader werden, egal wo er sich angesteckt hat. Damit steigt durch die Urlauber auch die Gefahr einer zweiten Corona-Welle. Solange sich die Zahlen aber in einem vertretbaren Rahmen halten, scheint dies aktuell eher unwahrscheinlich zu sein. Viel mehr wird davon abhängen, ob sich die Menschen zu Hause an die Abstandsregeln halten und dort, wo dies nicht möglich ist, Masken tragen.

Außerdem müssen die Gesundheitsämter die Kapazitäten haben, um bei Ausbrüchen Infektionsketten schnell zurückverfolgen zu können. Dazu kann auch jeder Einzelne seinen Teil beitragen, beispielsweise mit der Corona-Warn-App oder ehrlichen Angaben bei Restaurantbesuchen. Und was Urlauber betrifft: Sie sollten nach ihrer Reise vielleicht für zwei Wochen ihre sozialen Kontakte minimieren.

Die Selbstdisziplin lohnt sich. Wie schnell ein teuer erkaufter Erfolg zunichtegemacht werden kann, sieht man derzeit in Israel. Das Land hatte die Pandemie schon Ende April praktisch im Griff, die Neuinfektionen durch frühe, entschiedene Maßnahmen niedrig gehalten. Doch das Land fühlte sich zu sicher, nahm die Pandemie zu früh zu locker. Jetzt meldet es täglich rund 1000 Neuinfektionen, und Ministerpräsident Netanjahu musste neue Einschränkungen verkünden. Sonst drohe der Kontrollverlust, sagte er.

Quelle: ntv.de