Panorama

Virus-Ausbruch im Urlaubsland Kroatien kämpft gegen die zweite Welle

Beunruhigende Entwicklung auf dem Balkan: In Kroatien zeichnen sich neue Probleme ab. Das Virus schien dort fast schon besiegt, doch seit einigen Tagen verzeichnen die Behörden wieder deutlich mehr Coronavirus-Infektionen. Österreich reagiert alarmiert.

Im Kampf gegen das Coronavirus erleidet Kroatien einen empfindlichen Rückschlag. Seit Ende Juni steigt die Zahl der Neuinfektionen in dem Balkanland mit seinen 4,2 Millionen Einwohnern wieder deutlich an. Die Gesamtzahl der bisher nachgewiesenen Ansteckungen liegt mittlerweile bei mehr als 3100. Zuletzt kamen pro Tag zwischen 34 und 96 neu entdeckte Fälle hinzu.

Im internationalen Vergleich wirken diese Zahlen fast harmlos, doch für kroatische Verhältnisse kommt der neuerliche Ausbruch einer Katastrophe gleich. Die erste Ansteckungswelle schien zu Beginn der Sommersaison bereits eingedämmt. Die Anzahl der aktiven Infektionen ging landesweit bis in den niedrig zweistelligen Bereich zurück, ein Teil der Corona-Auflagen konnte schon ab Mitte Mai wieder zurückgenommen werden. Doch dann setzte eine Trendwende ein.

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Der Anstieg der Fallzahlen begann schleichend: Etwa ab 20. Juni ist der Anstieg der Tag für Tag gemeldeten Ansteckungen nicht mehr zu übersehen. Sechs Tage später zählte Kroatien mit 95 Coronavirus-Fällen bereits fast so viele tägliche Neuinfektionen wie zuletzt während es Höhepunkts der ersten Ansteckungswelle. Die Zahl der aktiven Covid-19-Fälle schwillt wieder an.

Der neuerliche Ausbruch kommt für Kroatien zur Unzeit: Das Land, das bislang vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen war, ist ein beliebtes Reiseziel - auch für Urlauber aus Deutschland. Die kroatische Wirtschaft ist auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen. Ein neuer Lockdown würde das Land hart treffen. Mitten in der anlaufenden Sommersaison fürchten nicht nur Hoteliers, Gastronomen und Campingplatzbetreiber neue Einschränkungen.

Für viel Aufsehen über die Landesgrenzen hinaus sorgte daher die erneuerte Reisewarnung aus Wien. Die österreichische Regierung sprach zu Wochenbeginn mit Blick auf Reisen nach Kroatien ausdrücklich von einem "hohen Sicherheitsrisiko". Mit "anhaltenden Einschränkungen im Flug- und Reiseverkehr" sowie mit "weitgehenden Einschränkungen im öffentlichen Leben" sei bis auf Weiteres zu rechnen. Das Nachbarland Slowenien strich Kroatien von der Liste der sicheren Länder.

Dabei galt Kroatien bislang als Musterland in der Pandemie-Bekämpfung. Unter dem seit 2016 amtierenden Ministerpräsident Andrej Plenkovic ergriff die kroatische Regierung bereits Mitte März energische Maßnahmen zur Eindämmung des Erregers. Die Fallzahlen blieben bisher vergleichsweise überschaubar. Die Regionen an der Küste waren bislang kaum betroffen.

Im internationalen Vergleich kommt Kroatien bislang noch sehr gut weg. Das Land kann beim Fallaufkommen im Verhältnis zur Bevölkerung noch einen herausragend niedrigen Inzidenzwert von 77,1 vorweisen. Zum Vergleich: Besser schneidet unter den deutschen Bundesländern nur Mecklenburg-Vorpommern ab. Alle anderen Regionen Deutschlands weisen teils sehr viel höhere Fallzahlen je 100.000 Einwohner aus als Kroatien.

Woher kommen die neuen Fälle? Ein Blick in die Nachbarländer zeigt ein auffallend hohes Fallaufkommen in den übrigen Balkan-Staaten. Im benachbarten Bosnien und Herzegowina liegt die 7-Tage-Inzidenz - also die Anzahl der Fälle aus den zurückliegenden sieben Tagen je 100.000 Einwohnern - jenseits der 30er-Marke. In Serbien liegt diese Vergleichszahl noch knapp darunter. Montenegro und Nordmazedonien dagegen kratzen bereits fast schon an der Alarmschwelle.

Kroatien verhängte vor diesem Hintergrund bereits Ende vergangener Woche für Reisende aus Bosnien, dem Kosovo, Nordmazedonien und Serbien eine 14-tägige Quarantänepflicht. Grund sei ein Anstieg der Neuinfektionen in der vergangenen Woche, teilt die Zivilschutzbehörde mit. Die Vorschrift zur Selbstisolation gilt auch für Inhaber eines kroatischen Passes.

Wer nur durch Kroatien durchreise, müsse nicht in Quarantäne, ebenso wenig wie Besucher aus zehn EU-Staaten, für die Kroatien seit dem 01. Juni seine Grenzen wieder geöffnet hat. Ebenfalls ab Donnerstag ist das Tragen von Gesichtsmasken in öffentlichen Verkehrsmitteln Vorschrift.

Für Kroatien sind es unruhige Zeiten: Bis zum Wochenende befand sich das Land zudem noch im Wahlkampf. Amtsinhaber Plenkovic trat bei der Parlamentswahl erneut an und warb inmitten der Pandemie mit den bisherigen Erfolgen im Kampf gegen das Virus. Insgesamt waren 3,8 Millionen Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen. Umfangreiche Vorkehrungen sollten das Ansteckungsrisiko bei der Wahl minimieren.

Die Wähler wurden dazu aufgerufen, wegen der möglichen Corona-Ansteckungsgefahr Masken zu tragen und ihre eigenen Stifte zur Stimmabgabe mitzubringen. Zudem machten Beamte vereinzelt sogar Hausbesuche, um Stimmzettel von Wählern in Quarantäne oder vorsorglicher Selbstisolation abzuholen. Für Corona-Infizierte gab es eine Extra-Regelung. Die Betroffenen konnten auf Antrag ihre Stimme per Wahl-Vollmacht delegieren.

In der Krise stimmten die Kroaten offenbar mehrheitlich gegen einen Regierungswechsel. Am Tag nach der Wahl zeichnete sich ein Sieg der Konservativen ab. Die HDZ-Partei von Regierungschef Andrej Plenkovic konnte sich laut einer Nachwahlbefragung des Instituts Ipsos 61 der 151 Sitze im Parlament sichern. Das Oppositionsbündnis des Sozialdemokraten Davor Bernardic holte demnach 44 Mandate. Die neue nationalistische Partei des Musikers Miroslav Skoro kann laut der Prognose mit 16 Parlamentssitzen rechnen.

Die ansteigenden Fallzahlen überschatteten nicht nur die letzten Tage vor dem Urnengang. Die Corona-Krise dürfte auch die anstehenden Koalitionsgespräche und die Amtsgeschäfte der künftigen Regierungsmannschaft beherrschen. Schon jetzt steht Kroatien aufgrund der Pandemie eine schwere Rezession bevor. Sollte es zu größeren Auswirkungen auf den Sommertourismus kommen, dann dürften dem Land wohl noch schwerere Zeiten bevorstehen.

Quelle: ntv.de, mit Material von AFP und rts