Panorama

Teures Kalkül mit Risiken? Ungarn drängt Senioren China-Vakzin auf

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Als erstes EU-Land bekommt Ungarn eine Lieferung des chinesischen Impfstoff-Herstellers Sinopharm.

(Foto: imago images/Xinhua)

Die von der EU ausgehandelten Impfstoff-Lieferungen dauern Ungarns Ministerpräsident Orban zu lange. Im Alleingang ordert er im Bündnis nicht zugelassene Vakzine aus Russland und China. Letzteres wird nun mit Nachdruck den Älteren verabreicht - dabei ist es dort kaum getestet.

Nach langem Hin und Her aus ignorierten Briefen und verpassten Anrufen hat Gabor* doch noch einen Termin für seine Corona-Impfung bekommen. Seit Monaten hat er sein Haus in Budapest nicht mehr verlassen. Als ihn sein Sohn nun früh morgens zum Hausarzt bringt, ist das fast schon ein Event. Endlich wieder vor die Tür und dann gleich mit der Hoffnung auf viel mehr davon in Zukunft - die Nachbarn wieder treffen, die Enkel wieder umarmen. In der Praxis verkündet sein Arzt: "Wir können Ihnen das Vakzin von Sinopharm anbieten." Gabor erwägt, abzulehnen. Verwandte haben ihn gewarnt, die Wirksamkeit des chinesischen Impfstoffs ist umstritten, an über 60-Jährigen wurde er kaum getestet. Gabor ist über 90 Jahre alt.

Dann aber, erzählt der alte Mann, droht sein Arzt: "Wenn Sie diese Impfung verweigern, wird das in Ihrer Krankenakte vermerkt." Sollte er sich später doch mit dem Coronavirus infizieren, werde er ihn nicht mehr behandeln. Ein weiteres Impf-Angebot werde er wohl auf absehbare Zeit nicht bekommen, wenn überhaupt. Ob der Arzt damit offiziellen Anordnungen folgt, ist unklar. In Sozialen Medien aber häufen sich ähnliche Berichte, vor allem die Ungewissheit eines späteren erneuten Impf-Angebots treibt wohl einige an die Spritze.

Klar ist: Ungarn ist seit Mittwoch das erste EU-Land, das in einer großangelegten Offensive mit dem chinesischen Mittel BBIBP-CorV impft. Die rechtsnationale Fidesz-Regierung von Premierminister Viktor Orban hat im Alleingang fünf Millionen Dosen bei Sinopharm bestellt, bei zweifacher Impfung wäre das genug für rund ein Viertel der zehn Millionen Einwohner Ungarns. Die erste Lieferung über 550.000 Dosen ist bereits eingetroffen, der Rest soll in zwei weiteren Tranchen "im Laufe der nächsten Monate" folgen, wie es von der Regierung heißt.

Ohne Ergebnisse aus Phase-III-Tests

Bislang hat Ungarn annähernd sechs Prozent seiner Bevölkerung geimpft, dabei kamen primär die von der EU bestellten Vakzine von Biontech, Astrazeneca und Moderna zum Einsatz. Dem Land stehen aus den EU-Verträgen letztlich Dosen für 9,8 Millionen Menschen zu. Deren Zustellung aber prangert Orban immer wieder öffentlichkeitswirksam als zu langsam an. Seit Mitte Februar wird daher zusätzlich das russische Vakzin Sputnik V eingesetzt, von dem Ungarn ebenfalls auf eigene Faust zwei Millionen Dosen geordert hat. Nun kommt BBIBP-CorV hinzu.

Aktuell ist in Ungarn die Gruppe der Priorität 3 an der Reihe, dazu gehören vorrangig über 60-Jährige, nach Alter absteigend. Die Datenlage zu den chinesischen Impfstoffen ist intransparent, Peking selbst erteilte Sinopharm bislang nur eine Notfallzulassung. Ergebnisse von klinischen Phase-III-Tests erwähnte Sinopharm nur in einer Pressemitteilung, zugänglich sind die zitierten Daten nicht. Zudem verfolgt das Land bei der Immunisierung seiner Bevölkerung eine andere Strategie, dort sind Jüngere zuerst an der Reihe, das Sinopharm-Vakzin wurde daher an über 60-Jährigen kaum getestet. In der EU ist das Mittel nach wie vor nicht zugelassen.

Auch Ungarn erteilte Sinopharm eine Notfallgenehmigung, nachdem die eigene Zulassungsverordnung angepasst wurde. Eine zusätzliche Prüfung durch die nationale Medikamenten- und Lebensmittelbehörde war danach nicht mehr nötig, wenn ein Stoff bereits bei mindestens einer Million Menschen in mindestens drei Staaten angewandt wurde. Von diesen muss eines EU-Mitglied oder mindestens -Beitrittskandidat sein. Eine Handvoll weltweit angelaufener Impf-Kampagnen mit Sinopharm, etwa in Brasilien, zusammen mit den EU-Kandidaten Türkei und Serbien, erfüllen also diese neu definierten Ansprüche.

Mindestens doppelt so teuer wie Biontech-Vakzin

Ob die Kriterien erfüllt sind, beurteilt dann der ungarische Außenminister. Peter Szijjarto vereinbarte anschließend persönlich mit dem chinesischen Handelsminister die Lieferung des Sinopharm-Vakzins. Offizieller Kostenpunkt: über 10.000 Forint pro Dosis, rund 28 Euro, also fast das Doppelte des von der EU ausgehandelten Biontech-Preises. Berichten zufolge könnte es noch deutlich mehr sein.

Der Preis sei gemessen an dem durch die Pandemie bereits entstandenen wirtschaftlichen Schaden jedoch zweitrangig, sagte Gergely Gulyas, der Amtsminister Orbans. Europapolitiker, wie etwa der Deutsche Reinhard Bütikofer, vermuten aber andere Gründe: "Man bekommt den Eindruck, dass was Orban hier tut, wie so oft, eher durch eine geopolitische Haltung beeinflusst ist" und nicht etwa auf gesundheitlichen Erwägungen gründe, sagte der Grüne Europaabgeordnete der Deutschen Welle.

Den ungarischen Bürgern selbst wurde denn auch schon vor der Ankunft der Sinopharm-Dosen keine Impfstoff-Wahl gelassen. Wer sich impfen lassen will, muss sich registrieren, wer registriert ist, bekommt Nachricht vom Hausarzt. Der Arzt entscheidet nach vorgeschriebenen Kontingenten, welcher Patient welchen Impfstoff erhält. Auch den Hausarzt selbst können sich Ungarn nicht aussuchen, zuständig ist die Praxis im Bezirk des Wohnorts. Geimpft wird, das betont die Regierung immer wieder, "nach Verfügbarkeit".

Verfügbar wird nun vor allem der chinesische Impfstoff sein. Dessen Lieferung macht offenbar auch bereits ausgesprochene Impfstoff-Angebote obsolet. So berichtet etwa eine 82-Jährige, sie sei für eine Biontech-Impfung registriert gewesen, als es soweit war, wurde ihr vom Arzt nur noch die Wahl zwischen Sinopharm oder einer Ablehnung mit unabsehbaren Konsequenzen gelassen. Auch bei Gabor hat die aufgebaute Drohkulisse ihre Wirkung nicht verfehlt. Er hat sich mit dem an seiner Altersgruppe ungetesteten BBIBP-CorV impfen lassen.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: ntv.de, mra