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Angesichts knapper EU-Vorräte Was taugen Covid-Impfstoffe aus aller Welt?

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In Indien ist bereits der heimische Corona-Impfstoff Covaxin im Einsatz.

(Foto: imago images/Hindustan Times)

Plötzlich rücken Covid-19-Impfstoffe aus Ländern außerhalb Europas und den USA in den Fokus. Grund ist zum einen die Impfstoffknappheit, zum anderen überraschend positive Daten zum russischen Vakzin Sputnik V. Aber auch einige Impfstoffe aus China und Indien sind weit fortgeschritten.

In der Europäischen Union herrscht Impfstoff-Frust - denn die ersehnte Covid-19-Vakzine, die der sich hinziehenden Coronavirus-Pandemie ein Ende bereiten sollen, sind knapp. Alle Konzerne, die in der EU bereits eine bedingte Zulassung haben, klagen über Lieferschwierigkeiten oder -engpässe. Angesichts des Mangels rückt plötzlich eine zuvor wenig beachtete Alternative in den Fokus: Corona-Impfstoffe, die außerhalb Europas und den USA entwickelt wurden - etwa in Russland, China oder Indien.

Bisher wurden Impfstoffkandidaten aus diesen Ländern in der EU eher stiefmütterlich behandelt. Doch warum? Viele der Vakzine sind in der Entwicklung weit fortgeschritten und werden bereits eingesetzt. Für Zurückhaltung sorgt im Westen jedoch, dass in den meisten Fällen bisher keine Daten aus den entscheidenden Test-Phasen veröffentlicht wurden - so war es bis vor Kurzem auch bei dem russischen Impfstoff Sputnik V. Erst am vergangenen Dienstag bescheinigte eine von der renommierten britischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentliche Studie Sputnik V eine hohe Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Moskau jedoch hatte bereits am 11. August 2020 die Zulassung bekannt gegeben - bevor die Phase-3-Studie überhaupt begonnen hatte. Dies hatte international für Kritik und Irritationen gesorgt. Was blieb, war ein erheblicher Imageschaden für Sputnik V.

Mit der nun bescheinigten hohen Wirksamkeit scheint der Ruf von Sputnik V auf dem besten Weg, wieder hergestellt zu werden, und nicht nur das: Mittlerweile heben Experten hervor, dass das russische Präparat dem von Astrazeneca/Uni Oxford sogar überlegen sein könnte. Der Imagegewinn könnte auf weitere Impfstoffe aus Russland sowie aus China und Indien abfärben. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte sich offen für eine mögliche Zulassung von Sputnik V wie auch von Impfstoffen aus China gezeigt. Aber was weiß man über die anderen, weit fortgeschrittenen Impfstoffe aus aller Welt? Hier eine Übersicht:

Sputnik V (Russland)

Bereits im November hatten der russische Staatsfonds, der die Entwicklung von Sputnik V finanziert hatte, eine hohe Wirksamkeit des Impfstoffs von mehr als 90 Prozent verkündet. Doch detaillierte Daten folgten nicht - bis vor einigen Tagen, als wie erwähnt auch eine Studie Sputnik V eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent bescheinigte. Das ist deshalb erstaunlich, weil es sich bei dem vom Forschungsinstitut Gamaleja entwickelten Vakzin wie bei Astrazeneca um einem Vektorimpfstoff handelt - das Astrazeneca-Präparat kommt bei ebenfalls zwei Dosen jedoch nur auf 62 Prozent. Die höhere Wirksamkeit von Sputnik V könnte laut Experten an einer Besonderheit liegen: Anders als Astrazeneca werden zwei verschiedene Träger-Viren eingesetzt, was die Wirksamkeit erhöhen könnte. Beim selben Vektor - hierfür werden Adenoviren verwendet - besteht die Gefahr, dass bereits bestehende Antikörper diesen frühzeitig attackieren können und die Wirkung hemmen.

Mittlerweile wird eine Zulassung von Sputnik V in der EU diskutiert. Der europäischen Arzneimittel-Agentur EMA liegt von russischer Seite bisher aber nur ein "Antrag auf wissenschaftliche Beurteilung" vor - eine sogenannte Rolling Review wie bei den bisher zugelassenen Impfstoffen wurde bisher nicht eingeleitet. In Russland läuft bereits seit Dezember eine Impfkampagne mit Sputnik V. Mehr als ein Dutzend weiterer Länder hat den Impfstoff ebenfalls zugelassen, darunter Argentinien, Mexiko, Tunesien und Pakistan - und das EU-Land Ungarn.

Epivaccorona (Russland)

Weniger als über Sputnik V ist über einen weiteren Impfstoff aus russischer Entwicklung bekannt: Epivaccorona. Das Vakzin wurde vom Vektor Forschungsinstitut in Sibirien entwickelt - dort war während des Kalten Kriegs auch heimlich an biologischen Kampfstoffen geforscht worden. Die Gesundheits-Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor hat dem Impfstoff eine Wirksamkeit von 100 Prozent bescheinigt.

Im Unterschied zu Sputnik V arbeitet Epivaccorona nicht mit einem anderen Virus als Träger - es handelt sich vielmehr um das neuartige Konzept eines Peptidimpfstoffs. Die Idee dahinter: Bei einer Erkrankung präsentieren infizierte Zellen dem Immunsystem Peptide auf ihrer Oberfläche, kurze Protein-Bruchstücke. Durch eine Impfung mit Peptiden soll das Immunsystem speziell darauf trainiert werden, infizierte Zellen zu erkennen. In Russland wurde der Impfstoff bereits im Oktober zugelassen, zwei Monate nach Sputnik V. Die Phase-3-Studie startete allerdings erst im November. Seit Januar wird Epivaccorona in Russland bei der Massen-Impfkampagne eingesetzt.

Covaxin (Indien)

Indien spielte schon vor der Corona-Pandemie eine wichtige Rolle in der Impfstoffversorgung: Das Land stellt 60 Prozent der weltweiten Impfstoffe her und beherbergt ein halbes Dutzend großer Hersteller. Die indische Firma Bharat Biotech hat mit Unterstützung der indischen Regierung auch einen eigenen Covid-19-Impfstoff entwickelt: Covaxin (auch bekannt als BBV152). Es ist der erste Corona-Impfstoff aus Indien, der klinisch getestet wurde. Er basiert auf einer inaktivierten Form von Sars-CoV-2 - also abgetötete Viren. Totimpfstoffe wie dieser haben gegenüber Vektorimpfstoffen wie Sputnik V jedoch einen Nachteil: Sie stimulieren vor allem die Produktion von Antikörpern, die Aktivierung der ebenfalls wichtigen T-Zellen könnte hingegen weniger stark ausfallen.

Über die Wirksamkeit von Covaxin ist noch nichts bekannt - Daten aus der Phase-3-Studie wurden noch nicht veröffentlicht. Dennoch hatte der Impfstoff in Indien Anfang Januar bereits eine Notfallzulassung erhalten, was- wie anfangs bei Sputnik V - für Kontroversen sorgte. Versuche mit Affen und Hamstern hatten jedoch eine Schutzwirkung gegen Covid-19 nachgewiesen.

Coronavac (China)

Gleich mehrere weit fortgeschrittene Impfstoffkandidaten wurden in China entwickelt. In der Phase-3-Studie befindet sich etwa der ebenfalls auf inaktivierte Sars-CoV-2-Erregern beruhende Impfstoff Coronavac der chinesischen Biotechfirma Sinovac. Er wird unter anderem bereits in Indonesien, der Türkei und in Brasilien eingesetzt - von dort kamen zuletzt allerdings widersprüchliche Meldungen zur Wirksamkeit: Laut einer Phase-3-Studie in der Türkei soll sie bei 91 Prozent liegen, in Indonesien wurde eine Wirksamkeit von 65 Prozent ermittelt, in Brasilien hingegen nur von 50,38 Prozent - knapp über der von Regulatoren geforderten Mindestwirksamkeit von 50 Prozent. Allerdings wurden bisher keine Daten aus den Phase-3-Studie veröffentlicht.

Coronavac gehört zu jenen Impfstoffen, die im Notfallprogramm der chinesischen Regierung bereits Zehntausenden Menschen vor Abschluss der klinischen Studien verabreicht wurden. Sinovac hat schon angekündigt, den Impfstoff weltweit ausliefern zu wollen - auch in die USA. Pro Jahr sollen rund 600 Millionen Dosen produziert werden können- für einen Impfschutz sollen zwei Dosen pro Person nötig sein.

BBIBP-CorV (China)

Einer der beiden Impfstoffe, die vom staatlichen chinesischen Biotechkonzern Sinopharm entwickelt wurden, heißt BBIBP-CorV. Wie beim Impfstoff von Sinovac handelt es sich um einen klassischen Totimpfstoff. An der Entwicklung maßgeblich beteiligt war ein Forschungsinstitut in Peking. Nach Angaben von Sinopharm soll die Wirksamkeit bei 79,34 Prozent liegen. Allerdings liegen auch in diesem Fall noch keine veröffentlichten Daten aus der laufenden Phase-3-Studie vor. Eine veröffentlichte Studie berichtet jedoch von vielversprechenden Ergebnissen bei Affen. Am 31. Dezember hatte BBIBP-CorV die Zulassung in China erhalten - auch in Serbien wird der Impfstoff bereits eingesetzt, das EU-Land Ungarn hatte Ende Januar eine Notfallzulassung erteilt. Zugelassen ist er zudem in Ländern wie Ägypten, Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Sinopharm hat einen weiteren Impfstoffkandidaten mit einem Forschungsinstitut in Wuhan entwickelt. Die Wuhan-Version des Impfstoffs wird derzeit in mehreren Ländern in Phase-3-Studien getestet. Mit dem Erfolg von BBIBP-CorV ist aber unklar, wie es mit dem Impfstoff aus Wuhan weitergeht.

Convidecia (China)

Ein weiterer Covid-19-Impfstoff aus China ist Convidecia - entwickelt wurde er vom Unternehmen Cansino Biologics in Zusammenarbeit mit dem Institut für Biologie an der Akademie der medizinischen Militärwissenschaften des Landes. Anders als bei den Kandidaten von Sinovac und Sinopharm handelt es sich um einen Vektorimpfstoff, der mit einem Adenovirus namens Ad5 arbeitet. Von ihm wird zudem nur eine Dosis verabreicht - ähnlich dem Impfstoffkandidaten von Johnsons & Johnson.

Im August 2020 begann Cansino mit der Durchführung von Phase-3-Studien in einer Reihe von Ländern, darunter Pakistan, Russland, Mexiko und Chile. Das chinesische Militär hatte im Juni dem Impfstoff eine Notfallzulassung erteilt - laut dem Unternehmen wurde bisher etwa 40.000 bis 50.000 Menschen Convidecia verabreicht. Über seine Wirksamkeit gibt es noch keine öffentlich einsehbaren Daten.

Fazit

Die größte Hürde für die Impfstoffe aus Russland, China und Indien war bisher der Mangel an transparenten Daten zu den entscheidenden Phase-3-Studien. Denn nur in diesen zeigt sich, ob und inwiefern ein Impfstoff tatsächlich vor einer Erkrankung mit Covid-19 schützt und wie sicher er gleichzeitig ist. Sputnik V ist der erste unter den genannten Kandidaten, bei dem das Schweigen gebrochen wurde, weshalb er in der EU plötzlich zu einer echten Alternative avanciert.

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Bei den anderen Impfstoffkandidaten aus Indien und China laufen zwar Phase-3-Studie, noch gibt es aber keine veröffentlichten Daten dazu. Was kann man dennoch über ihr Potenzial sagen? Die Impfstoffkandidaten von Sinovac und Sinopharm sowie Covaxin aus Indien sind klassische Totimpfstoffe, welche aus Sicht von Experten tendenziell im Nachteil gegenüber Vektorimpfstoffen wie Sputnik V und Convidecia sind. Der Grund: Sie rufen vor allem eine Antikörper-Reaktion hervor, dringen jedoch nicht in Zellen ein, weshalb die ebenfalls wichtigen T-Zellen durch diese Impfstoffe weniger stark aktiviert werden. "Die Totimpfstoffe sind zwar schnell herzustellen und gut transportfähig, ich sehe sie aber eher als Notfallimpfstoffe", sagte der Virologe Friedemann Weber der "Zeit".

Der russische Peptidimpfstoff Epivaccorona zählt noch zu den großen Unbekannten. Auch der in Deutschland von der Universität Tübingen entwickelte Corona-Peptidimpfstoff Covac-1 befindet sich bereits in der klinischen Prüfung. Da ein Peptidimpfstoff primär T-Helferzellen auf Sars-CoV-2 trainiert, hoffen die Tübinger Forscher, dass der Impfschutz länger anhält als bei anderen Impfstoffarten - denn die T-Helferzellen sind mit dem Immungedächtnis eng verknüpft. "Genau die Peptide, von denen wir wissen, dass sie eine bedeutende Rolle bei der Langzeitimmunität nach natürlicher Sars-CoV-2-Infektion spielen, werden nun im Covac-1-Impfstoff eingesetzt", erklärt Juliane Walz, welche die erste klinische Studie leitet. Ob diese erhofften Eigenschaften auch auf Epivaccorona zutreffen, ist jedoch unklar.

Quelle: ntv.de, mit rts

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