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"Impfungen sind am wichtigsten" Warum hat Schweden die niedrigste EU-Inzidenz?

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Die besondere Mentalität der Schweden spielt in der Pandemie eine wichtige Rolle. Auf diesem Bild eifert ein junger Mann dem Wassergott Neck nach, der einer alten Sage nach durch sein Geigenspiel junge Mädchen in seine Unterwasserwelt lockte.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Während fast überall in Europa die Corona-Fallzahlen steigen und teils dramatische Werte erreichen, bleibt die schwedische Kurve flach. Obwohl es dort praktisch keine Regeln mehr gibt und die Impfquote nicht außergewöhnlich ist, hat das Land die niedrigste Inzidenz der EU. Wie ist das möglich?

Die deutsche 7-Tage-Inzidenz liegt bei 400 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, Österreich und Tschechien sind bereits über 1000 Fällen, selbst "Impf-Weltmeister" Portugal zählt rund 150 Ansteckungen. Nur Spanien und Schweden haben noch Inzidenzen unter 100, wobei die Kurve bei den Iberern seit Anfang November allerdings deutlich ansteigt.

In Schweden scheint die Winterwelle bisher aber nicht angekommen zu sein, mit rund 60 Neuinfektionen hat es derzeit die niedrigste Inzidenz der EU. Warum das so ist, kann niemand so genau sagen, selbst der Chef-Epidemiologe des Landes kann nur raten.

Anders Tegnell bezeichnete kürzlich auf einer Pressekonferenz die Lage in Schweden als "überraschend stabil." Allerdings fürchtet er, dass die Welle sein Land wie schon zuvor mit Verzögerung doch noch erreichen wird. Man sei jetzt fünf bis sechs Wochen im Rückstand, zitiert ihn die finnische Zeitung "Iltalehti". Er vermutet, dass die Unterschiede zu Ländern wie Deutschland unter anderem auf die geringe Bevölkerungsdichte, einen geringeren Ausländeranteil und eine andere Mentalität zurückzuführen sein könnten.

Überstandene Infektionen nicht ausschlaggebend

Dass Schwedens niedrige Fallzahlen auf eine höhere Grundimmunität der Bevölkerung durch überstandene Infektionen zurückzuführen sind, glaubt Tegnell laut SWR nicht. Das könne möglicherweise im Vergleich mit Finnland oder Norwegen eine Rolle spielen, aber nicht im Vergleich mit Großbritannien, sagte er. Denn dort habe sich ein ähnlich großer Teil der Menschen infiziert. Die britische Inzidenz liegt derzeit bei rund 460.

Ebenso dürfte eine seltsame Entscheidung der Regierung, wonach sich Geimpfte selbst bei Symptomen ab 1. November nicht mehr testen mussten, sondern lediglich zu Hause bleiben sollten, die schwedische Inzidenz nicht allzu sehr verfälscht haben. Die fragwürdige Regelung wurde zum 22. November wieder zurückgenommen. Trotzdem könnten die schwedischen Fallzahlen derzeit tatsächlich etwas höher sein, als angezeigt.

Geringere Bevölkerungsdichte spielt große Rolle

Ein plausibler von Tegnell vorgebrachter Grund ist die Bevölkerungsdichte. Mit knapp 25 Einwohnern pro Quadratkilometer ist Schweden laut Eurostat das am zweitdünnsten besiedelte EU-Land. Lediglich Nachbar Finnland zählt mit 18,2 Menschen noch weniger Einwohner pro Quadratkilometer. Deutschland hat eine Bevölkerungsdichte von etwa 235, die Niederlande sogar von rund 500 Einwohnern pro Quadratkilometer. Hinzu kommt Schwedens Lage am nördlichen Rand Europas.

Betrachtet man Ballungsräume, fällt Schwedens Bilanz nicht mehr so glänzend aus. Die Provinz Stockholm (Groß-Stockholm) hat mit 2,37 Millionen Einwohnern eine Bevölkerungsdichte von 332 Einwohnern pro Quadratkilometer. Laut AdminStat beträgt der Ausländeranteil der Region 11,6 Prozent. Die Inzidenz dort beträgt aktuell fast 238 Neuinfektionen, vor zwei Wochen waren es laut Gesundheitsbehörde noch 216.

Hamburg und Bremen besser als Stockholm

Hamburg hat 1,85 Millionen Einwohner, die Bevölkerungsdichte beträgt sogar 2500 Einwohner pro Quadratkilometer. Laut dem Statistischen Bundesamt ist auch der Ausländeranteil der Hansestadt mit 17,4 Prozent deutlich höher als der Stockholms. Trotzdem hat Hamburg mit etwa 200 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner eine niedrigere Inzidenz. Das Bundesland Bremen mit etwa 680.000 Einwohnern, einer Bevölkerungsdichte von 1600 Einwohnern pro Quadratkilometer und einem Ausländeranteil von mehr als 20 Prozent zählt sogar nur knapp 184 Fälle.

Natürlich gibt es auch deutsche Städte oder Ballungsräume mit höherer Inzidenz, Hamburg und Bremen haben aber vergleichbare Impfquoten wie Stockholm. Das trifft vor allem auf die ältere Bevölkerung zu. Rund 90 Prozent der über 65-Jährigen haben in der Region Stockholm mindestens die erste Dosis erhalten, bei 60- bis 64-Jährigen 87 Prozent.

Impfquoten entscheidend

In Bremen sind 94,6 Prozent der über 60-Jährigen wenigstens einmal geimpft, in Hamburg 88,5 Prozent. Genauere Angaben macht das RKI nicht. Den Unterschied bei den Inzidenzen machen aber die jüngeren Altersgruppen aus, die in Schweden und Deutschland die höchsten Fallzahlen aufweisen.

Hier steht Bremen mit einer Erstimpfungsquote von über 91 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen besonders gut da. Auch die Quote der 12-bis 17-Jährigen ist mit 52 Prozent schon recht hoch. Hamburg kommt hier sogar auf 54,5 Prozent, schneidet aber bei den 18- bis 59-Jährigen mit 82,6 Prozent schwächer als Bremen ab.

In Stockholm haben rund 39 Prozent der 12- bis 15-Jährigen mindestens eine Dosis erhalten, bei den 16- bis 17-Jährigen 66 Prozent. Die Altersgruppen zwischen 18 und 44 Jahren weisen aber nur Quoten zwischen 64 und 79 Prozent auf, bei den 45- bis 59-Jährigen sieht es mit Quoten von 83,5 bis 87 Prozent schon besser aus.

Dabei muss man noch bedenken, dass Schweden mit einem Altersmedian von 40,5 eine wesentlich jüngere Bevölkerung als Deutschland mit 45,9 hat. Deshalb wirken sich dort schwächere Impfquoten bei den unter 45-Jährigen stärker aus.

Keine ländlichen Hotspots

In Ballungsräumen steht Schweden bei einigermaßen vergleichbaren Verhältnissen also nicht unbedingt besser da als Deutschland. Es bleibt aber immer noch die Tatsache, dass es dort keine ländlichen Regionen wie in Deutschland gibt, die Inzidenzen weit über 1000 Fälle aufweisen.

Auch in diesem Fall liegt ein Hauptunterschied bei den Impfungen. Fast alle deutschen Hochinzidenzgebiete befinden sich in den Bundesländern mit den schlechtesten Quoten: Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Bayern und Baden-Württemberg. Ländliche Regionen mit ähnlich schlechten Impfquoten findet man in Schweden nicht.

Dass der Ausländeranteil eher eine untergeordnete Rolle spielt, sieht man an den betroffenen Ost-Bundesländern, deren Quoten mit 5,1 (Brandenburg) und 5,5 Prozent laut Statistischem Bundesamt die niedrigsten Deutschlands sind.

Besondere Mentalität

Mit der Annahme, die Mentalität könnte einen entscheidenden Unterschied machen, trifft Tegnell schon eher ins Schwarze. Unter "Schwedischer Alltag" kann man nachlesen, dass es in dem Land nicht besonders üblich ist, sich mit Freunden zum Abendessen zu treffen. Wenn, dann sei dies nur in größeren Städten der Fall.

Schwedische Reisegruppen fallen im Ausland zwar gelegentlich unangenehm durch Saufgelage auf, ihr Heimatland schränkt den Konsum durch hohe Preise und limitierte Verfügbarkeit aber stark ein. Außerdem soll dort der Anteil von Abstinenzlern besonders hoch sein. Das resultiert darin, dass Schweden einen der niedrigsten Pro-Kopf-Verbräuche in der EU hat. Laut WHO trinken Deutsche rund 12,8 Liter Alkohol im Jahr, Schweden 9 Liter.

Eine andere Mentalität zeigen die Schweden auch in ihrem Verhältnis zum Staat. Ein Großteil hält sich an Empfehlungen, wie beispielsweise im Homeoffice zu arbeiten, als wären es Vorschriften. Nur die "dicken Brocken" wie Zugangsbeschränkungen wurden von der Regierung vorgeschrieben.

Modernes Gesundheitssystem

Aktuell ist ein Impfpass der dicke Brocken, den die Schweden ab Dezember vorzeigen müssen, wenn sie Indoor-Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen besuchen möchten. Genesene erhalten den Pass nicht, nur mindestens zweimal Geimpfte.

Chef-Epidemiologe Tegnell hofft so auch, die Impfquote seines Landes zu erhöhen. Das sei jetzt am wichtigsten, sagte er auf der Pressekonferenz. Außerdem bräuchten vulnerable Gruppen Auffrischimpfungen, möglicherweise künftig jährlich. Man werde für immer mit dem Virus leben müssen.

Die Schweden haben zusätzlich gute Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht, das weit moderner als das deutsche arbeitet. Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung liegt Schweden mit 68 Punkten unter 17 Ländern auf Rang sieben, Spitzenreiter ist Estland mit 81,9 Punkten. Deutschland ist mit 30 Punkten Vorletzter, nur Polens Gesundheitssystem (28,5) ist noch veralteter.

Kontinuität der Politik

Tegnell sieht als mögliches Erfolgsrezept auch die Kontinuität der Politik. Lockdowns gab es in Schweden nie, die meisten Maßnahmen beschränkten sich auf Empfehlungen. Die Regierung gab der Bevölkerung außerdem im Mai dieses Jahres ein konkretes Ziel vor, indem sie einen fünfstufigen Plan vorlegte, dessen Umsetzung mit Schritt 1 am 1. Juni begann. Mit dem vierten Schritt wurden quasi alle restriktiven Maßnahmen beendet, lediglich bei Großveranstaltungen werden noch Auflagen erteilt. Zuletzt soll die Pandemie für beendet erklärt werden.

"Ich denke, das war der zentrale Punkt", zitiert der SWR Anders Tegnell. "Wir haben von Anfang an gesagt: Das hier wird ein Marathon und kein Sprint. Deswegen brauchen wir Maßnahmen, die über sehr lange Zeiträume funktionieren. Wir haben nie daran geglaubt, dass dieses ständige Öffnen und Schließen der Gesellschaft funktioniert. Uns war klar, dass das zu viele negative Effekte mit sich bringt."

Die Kritik an der von ihm mitverantworteten Reaktion Schwedens zu Beginn der Pandemie akzeptiert Tegnell mittlerweile. Damals forderte das Coronavirus in dem Land viele Tote in Pflegeheimen. Kürzlich kam ein Untersuchungsausschuss in einem Zwischenbericht zu dem Ergebnis, die Antwort sei zu schleppend ausgefallen, die anfänglichen Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen seien nicht ausreichend gewesen, um die Ausbreitung des Virus in Schweden zu stoppen oder auch nur deutlich einzuschränken.

"Spricht einiges gegen dramatische vierte Welle"

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Die folgende legere Corona-Politik hat bis heute das Land aber recht gut durch die Pandemie gebracht. "Das ist jetzt nur meine persönliche Spekulation", sagte Tegnell. "Aber wir hatten ja während der gesamten Pandemie ein relativ konstantes Niveau an sozialen Kontakten. Das Ende der Restriktionen war für die Menschen deshalb keine dramatische Veränderung. Wenn man aber eine Gesellschaft aus dem Lockdown heraus plötzlich öffnet, sieht man natürlich einen größeren Unterschied bei den Infektionszahlen."

Tegnell rechnet damit, dass noch mehr als ein Impfausweis nötig sein könnte, um über den Winter zu kommen, vertraut aber vor allem an den Erfolg der Impfkampagne. "Deshalb hoffe ich nicht und glaube auch nicht, dass wir eine dramatische vierte Welle erleben werden. Es spricht einiges dagegen."

Quelle: ntv.de

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