Panorama

Epidemiologe Ulrichs bei ntv "Trendwende wohl nur noch mit Lockdown"

Timo Ulrichs (1).JPG

Impfen werde die Pandemie beenden, sagt Epidemiologe Ulrichs bei ntv.

(Foto: ntv)

Die Corona-Neuinfektionen sind so hoch wie nie, die Sieben-Tage-Inzidenz nähert sich der Marke von 400. Bei ntv zeigt sich Professor Ulrichs frustriert vom langsamen Impftempo und beschreibt, was jetzt noch helfen könnte.

ntv: Heute kratzt die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland an der 400er Marke. Haben wir die Lage noch unter Kontrolle?

Timo Ulrichs: Eigentlich nicht mehr. Und die Versuche der einzelnen Bundesländer, daran noch etwas zu drehen, sind ein bisschen spät! Wir hätten das mit 2G-Regelungen und all diesen Kontaktbeschränkungen, vor allen Dingen für Ungeimpfte, aber eben mittlerweile auch für Geimpfte, etwas früher machen sollen. Jetzt ist es so, dass wir in eine Situation hineinlaufen und wahrscheinlich nur noch der Lockdown die Trendwende bringen wird.

Sie haben einmal gesagt, wir bräuchten einen Lockdown für Ungeimpfte. Würden Sie heute sagen, wir brauchen den für alle? Auch für die Geimpften?

Man kann es noch versuchen. Dann müssen wir diesen Lockdown für Ungeimpfte aber wirklich flächendeckend in Deutschland umsetzen. Es ist aber so, dass uns die Zeit davonrennt. Wir können jetzt eigentlich nicht mehr länger abwarten. Die Intensivstationen in allen Bundesländern sind so voll, dass man kaum noch Spielraum hat. Wir müssen also möglicherweise tatsächlich diese Notbremse oder die Notschalter betätigen. Etwas anderes bleibt eigentlich nicht mehr richtig übrig.

Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister hat gestern gesagt, nach diesem Winter sind die Menschen entweder geimpft, genesen oder gestorben! Ist das zynisch oder hat er da recht?

Man könnte in der Tat sagen, dass es zynisch war. Aber wenn man es rein epidemiologisch betrachtet, ist diese Aussage natürlich richtig. Wir werden jetzt die Situation haben, dass viele Menschen geimpft sind, aber eben leider nicht alle. Und das Virus breitet sich unter den Ungeimpften massiv aus! Das heißt, es sorgt für eine Durchseuchung und wenn die Welle wieder abklingen wird, das wird sicherlich so Richtung Frühling der Fall sein, dann werden wir sehen, dass wir eine Grundimmunität haben. Aber eben leider für die Ungeimpften auf die harte Tour und eben mit leider sehr vielen Opfern. Und das ist das, was er wohl meinte. Dass da eben auch sehr viele Tote dabei sein werden.

Die Politik diskutiert im Moment eine Impfpflicht für alle Menschen. Ist das etwas, was es jetzt bringen würde?

Die Diskussion kommt auch sehr spät und nur unter dem Druck der Situation, in der wir uns gerade befinden. Wir würden, wenn wir sie jetzt sofort einführen würden, ja noch Wochen brauchen bis das tatsächlich wirkt. Also bis diese Impfungen auch verabreicht worden sind. Das bedeutet, dass diese Zeit immer noch so weiter läuft wie bisher. Dass also weiterhin viele Menschen, vor allen Dingen Ungeimpfte, ins Krankenhaus kommen, auf die Intensivstationen, und diese Kapazitäten binden. Wir müssen eben etwas Schnelleres machen, und das sind leider Kontaktbeschränkungen. Und damit das schnell wirksam wird, müssten diese Kontaktbeschränkungen auf die vollständig Geimpften ausgeweitet werden.

Israel impft ab heute auch Kinder ab 5 Jahren. Was bringt das für das Infektionsgeschehen?

Wenn man es jetzt sofort einführen würde, dann könnte man noch eine Gruppe mitimpfen, die bisher nicht geimpft werden konnte und bisher auch diese Sache abbekommen hat. Also passiv sozusagen, weil die Erwachsenen drum herum eben noch nicht vollständig geimpft sind, und man könnte damit sicherlich epidemiologisch noch etwas bewirken. Das müsste dann aber stringent und vor allen Dingen schnell erfolgen. Wir wollen natürlich auch so früh wie möglich eine Immunität voranbringen, damit diese Kinder bis zur Impfung nicht noch gefährdet sind. Auch wenn das Risiko ja sehr gering ist, dass daraus schwere Erkrankungen folgen. Aber immerhin gibt es ja das Risiko von Long-Covid-Verläufen.

Die Kinderärzte schlagen jetzt etwas ganz anderes vor. Sie sagen, viel wichtiger für die Kinder wäre, wenn es eine allgemeine Impfpflicht für die Erwachsenen gäbe. Sehen Sie das auch so?

Ja, da haben sie vollkommen Recht. Das ist ja das, was wir die ganze Zeit schon sagen, dass sich die Erwachsenen im Umfeld von Kindern impfen lassen sollten. Um eine Sicherheitslinie einzuziehen. Um die Schulen und Kitas sicherer zu machen. Das ist nicht erfolgt. 15 Millionen Menschen etwa sind in Deutschland noch ungeimpft. Das sind so große Lücken, dass das Virus bei diesem Infektionsdruck jetzt auch in die Schulen einbrechen kann. Wir sehen das immer häufiger, und das ist einfach schade.

Sehen Sie denn eine andere Möglichkeit außer dieser allgemeinen Impfpflicht, um die, die jetzt nicht geimpft sind unter den Erwachsenen, davon noch zu überzeugen?

Wir haben uns ja den Mund fusselig geredet. Die ganze Zeit. Und es ist keine große Änderung eingetreten. Es ist nun einmal so, das kann man noch einmal wiederholen, dass wir nur durch Impfung aus der Pandemie herauskommen! Man kann das nicht verlängern durch Testungen oder durch Vorsichtsmaßnahmen. Dann ist es immer noch so, dass das Virus das Potenzial hat zu infizieren. Wenn man diese Gemengelage nimmt, dann brauchen wir diese Grundimmunität. Das erst beendet die Pandemie! Entweder durch Durchseuchung, so wie das früher auch bei der Spanischen Grippe war, oder durch eine gute Impfkampagne. Dann müssten sich aber eben auch die Menschen impfen lassen.

Mit Professor Timo Ulrichs sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen