Panorama

Neuinfektionen, R-Wert und Co. Was sagen uns die aktuellen Corona-Zahlen?

Eine Mikroskopaufnahme zeigt das Coronavirus. Foto: Uncredited/Centers for Disease Control and Prevention/AP/dpa/Archivbild

Eine Mikroskopaufnahme zeigt das Coronavirus vom Typ Sars-CoV-2

(Foto: Uncredited/Centers for Disease Control and Prevention/AP/dpa/Archivbild)

Einen Rekordwert an Neuinfektionen meldet das Robert-Koch-Institut (RKI). Gleichzeitig sinkt der R-Wert auf 0,81. Aber das Durchschnittsalter der Infizierten steigt. Und die Positivquote der Tests auch. Was bedeuten diese Zahlen also? Versuch einer Einordnung.

Zahl der Neuinfektionen

19.900 neue Infektionen meldet das RKI. Doch die einzelnen Tageswerte des RKI sind nicht sonderlich aussagekräftig. Immer wieder kommt es zu Schwankungen, besonders am Wochenende. Denn am Wochenende werden weniger Daten übermittelt, viele Praxen haben geschlossen, weshalb auch die Zahl der Tests deutlich abnimmt. Daher sind immer erst ab Dienstag in den Zahlen des RKI die Nachmeldungen vom Wochenende enthalten. Dies und die ab dem jeweiligen Montag wieder stattfindenden Tests führen deshalb dazu, dass die täglich gemeldete Zahl der Neuinfektionen von Donnerstag bis Samstag am höchsten liegt. Auch in dieser Woche sind die stärksten Meldetage wieder vor dem Wochenende zu erwarten.

Dennoch: Insgesamt scheint sich der Anstieg bei den Neuinfektionen leicht abzuschwächen. Das zeigt der Vergleich mit den Vorwochen. Den bislang höchsten Tageszuwachs hatten die Behörden der Länder am vergangenen Samstag verzeichnet.

Das Bild aus der Vorwoche:

Donnerstag, 29. Oktober: 16.774
Freitag, 30. Oktober: 18.681
Samstag, 31. Oktober: 19.059

Eine weitere Woche zuvor, also vor 14 Tagen, sah es so aus:

Donnerstag, 22. Oktober: 11.287
Freitag, 23. Oktober: 11.242
Samstag, 24. Oktober: 14.714
(leicht erhöhte Zahlen aufgrund RKI-Serverausfall am Freitag )

Die Zahlen steigen also nicht mehr ganz so stark wie in den beiden Vorwochen. Aber sie steigen. Die Kurve ist nur flacher geworden. Ob dies ein echter Trend ist, wird man an den nächsten beiden Tagen sehen, dann nämlich, wenn die Zahlen der Neuinfektionen auch am Freitag und Samstag den Eindruck eines abgeschwächten Anstiegs erhärten. Noch ist es in jedem Falle viel zu früh, um bereits etwaige Auswirkungen des Lockdowns erkennen zu können.

R-Werte über 4 Tage und über 7 Tage

Auch die vom Robert-Koch-Institut (RKI) geschätzte Ansteckungsrate entwickelt sich seit Tagen leicht rückläufig. Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag in Deutschland laut RKI-Lagebericht am Mittwoch bei 0,81 (Vortag: 0,94). Das heißt, dass ein Infizierter im Mittel etwas weniger als einen weiteren Menschen ansteckt, oder anders: 100 Infizierte stecken momentan 81 weitere Menschen an. Alle R-Werte über 1 zeigen, dass sich die Pandemie dynamisch entwickelt und die Fallzahlen kontinuierlich zunehmen.

Um Schwankungen und Spitzen auszugleichen, weist das RKI auch einen 7-Tage-R-Wert aus. Der 7-Tage-R-Wert verläuft deutlich gleichmäßiger, da jeweils alle Wochentage in die Bestimmung eines Wertes eingehen. Er liegt aktuell bei 0,92, damit ebenfalls unter 1 und so niedrig, wie seit dem 1. September nicht mehr.

Aber auch dies ist kein Grund zur Entwarnung, wie ein Blick auf die Intensivbetten und die Laborkapazitäten zeigt.

Labore stoßen an ihre Grenzen

In den Laboren gibt es ein Problem. Seit Ende März weist das RKI in seinen Situationsberichten auch die Zahl der Labore aus, die einen Probenrückstau aufgrund zu geringer Testkapazität oder Engpässe bei der Belieferung mit Reagenzien melden. Rückgrat der deutschen Teststrategie waren bisher die sogenannten PCR-Tests. Und hier zeichnen sich neue Engpässe ab: "Insgesamt hat der Rückstau an PCR-Proben seit KW 32 stark zugenommen", stellt das RKI fest. Konkret bedeutet das: Fast 100.000 PCR-Tests schlummern unausgewertet in den deutschen Laboren. Unter den unbearbeiteten Tests werden auch solche mit positivem Ergebnis sein. Abgesehen davon, dass die Betroffenen und die Kontaktpersonen davon nichts wissen: Sie fließen auch nicht in die Statistik ein. Möglicherweise ist also die Zahl der täglichen Neuinfektionen und damit auch der R-Wert höher, als in den Daten derzeit vermerkt.

Entwicklung der Positivquote

Zumal sich die Positivquote (Anteil positiver Test an allen Tests) in den letzten Wochen signifikant verändert hat. Während der ersten Welle im Frühjahr lag der Anteil positiver Befunde - also jene Fälle, in denen das Virus nachgewiesen wurde - an der Gesamtzahl der durchgeführten Tests phasenweise bei etwa 9 Prozent. Mit der Entspannung der Corona-Lage ab Mai sank die Positivquote, während die Zahl der Tests kontinuierlich anstieg.

Seit Anfang September (Kalenderwoche 36) ist eine Umkehr dieses Trends zu beobachten: Obwohl die Zahl der Tests weiter steigt, bewegt sich auch die Positivquote wieder nach oben. Mitte Oktober erreichte sie den inzwischen höchsten Stand seit Anfang Mai und liegt nun bei über 7 Prozent. Unter den 100.000 Tests, deren Auswertung noch aussteht, dürften sich also rund 7.000 positive Corona-Tests, sprich 7.000 zusätzliche Infizierte verstecken.

Selbst wenn es aber gelungen ist, den Anstieg der Pandemieausbreitung und damit die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen und den R-Wert unter 1 zu drücken, steht Deutschland in den nächsten Wochen vor einer Herausforderung: Sie betrifft die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Patienten.

Alter der Infizierten steigt

Eine Infektion mit Sars-CoV-2 ist für viele Menschen im Alter unter 40, 50 Jahren unschön, aber in der Regel kein lebensbedrohliches Problem. Wohl aber für ältere Menschen. Infizieren sich immer mehr Menschen mit dem Coronavirus, werden unweigerlich auch wieder die vulnerablen (verwundbaren, verletzlichen) Personengruppen, also ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen, mit dem Virus angesteckt. Nach dem Sommer, mit einem durchschnittlichen Alter der Neuinfizierten von 32 Jahren, lag das Durchschnittsalter der Neuinfizierten in der vergangenen Woche bereits wieder bei 41 Jahren. Das RKI weist inzwischen einen eigenen Inzidenz-Wert für die Gruppe der über 60-Jährigen aus. Er zeigt, wie viele über 60-Jährige pro 100.000 über 60-jährige Einwohner sich derzeit infizieren. Der Wert kletterte bis heute auf 82,4.

Auslastung der Intensivbetten

Das, was heute in den Krankenhäusern geschieht, zeigt den Infektionsstand von vor ein, zwei oder sogar drei Wochen an. Menschen infizieren sich, dann kommen nach ein paar Tagen Symptome, dann wird es schlimmer, die Patienten werden in die Kliniken gebracht, landen auf der Intensivstation und schließlich an den Beatmungsgeräten. Jeder vierte beatmete Patient überlebt Covid-19 nicht. Die Belegung der Intensivbetten hat in den letzten Wochen deutlich zugenommen und sich seit Mitte September verzehnfacht (Covid-19-Intensivpatienten / davon beatmet):

30. September: 355 / 195
07. Oktober: 470 / 233
14. Oktober: 602 / 323
21. Oktober: 943 / 424
28. Oktober: 1569 / 764
04. November: 2546 / 1349

Darum ist es noch zu früh für eine Entwarnung. Und auch ein R-Wert unter 1 hilft dauerhaft nur dann, wenn die absoluten Zahlen gedrückt werden. Denn selbst wenn sich die Fallzahlen ab morgen halbieren, wäre der Höhepunkt der Belastung in den Intensivstationen erst in den kommenden Wochen erreicht. Ziel bleibt es weiterhin, Intensivbetten freizuhalten und Menschenleben nicht zu gefährden. Immerhin liegt die durchschnittliche Zahl täglicher Todesfälle (im 7-Tages-Mittel) inzwischen wieder bei knapp 100. Und damit so hoch wie Mitte Mai.

Quelle: ntv.de

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