Panorama

Högel-Vorgesetzte vor Gericht Wer ist mitverantwortlich für die Patientenmorde?

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Niels Högel wurde inzwischen für 91 Morde verurteilt.

(Foto: dpa)

Die Morde des Pflegers Niels Högel sind beispiellos in der deutschen Geschichte. Er verübte die Taten allein, aber er hätte vermutlich weniger Menschen auf dem Gewissen, wenn Vorgesetzte ihn eher gestoppt hätten. Ob das auch juristisch geahndet werden kann, muss nun ein Prozess zeigen.

Dass ein Pfleger die ihm anvertrauten Patientinnen und Patienten tötet, ist unvorstellbar. Doch der Fall des früheren Krankenpflegers Niels Högel, der jahrelang auf Krankenhausstationen mordete, zeigt, dass es Realität ist. Und offenbar wurde durchaus bemerkt, dass in Högels Dienstzeiten viel mehr Menschen starben als in denen anderer Pflegerinnen und Pfleger.

Deshalb stehen nun in dem ungeheuerlichen Fall acht Verantwortliche aus den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst als Angeklagte vor dem Oldenburger Landgericht. Es sind Ärzte, leitende Pflegerinnen und Pfleger und ein Ex-Klinik-Geschäftsführer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Tötung, versuchte Tötung oder Beihilfe zur Tötung jeweils durch Unterlassen vor. Das Verfahren gegen einen Angeklagten, der als Pflegestationsleiter am Klinikum Delmenhorst arbeitet, wurde kurz vor dem Prozessstart krankheitsbedingt abgetrennt und soll später nachgeholt werden.

Die jetzt Angeklagten sollen Taten nicht verhindert haben, indem sie trotz vorliegender Verdachtsmomente nicht einschritten oder die Behörden informierten. Dabei geht es allerdings nur um insgesamt acht Fälle in eng umrissenen Zeiträumen 2001 sowie 2005. Niels Högel war 2019 vom selben Gericht wegen 85 Morden verurteilt worden. Insgesamt ist er inzwischen wegen 91 Morden rechtskräftig verurteilt.

Das Verfahren gegen seine ehemaligen Vorgesetzten wurde von der Justiz zunächst zurückgestellt, bis die Strafe aus dem bislang letzten Mordprozess gegen Högel rechtskräftig wurde. Dies hatte juristische Gründe, weil er in diesem Verfahren als Hauptbelastungszeuge gilt. Er soll am 1. März das erste Mal aussagen.

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Immer wieder "Vertuschung"

In einem ersten Strafprozess wurde Högel anfangs nur wegen der versuchten Tötung jenes Patienten, bei dessen Vergiftung er beobachtet worden war, verurteilt. Danach versandeten die weiteren Ermittlungen trotz Verdachtsmomenten für mehrere Jahre. Erst im Lauf weiterer Prozesses verdichteten sich die Hinweise auf eine weit größere Dimension des Geschehens. Unter anderem gestand Högel gegenüber einem Gutachter 30 Morde. Danach begann eine Sonderkommission von Polizei und Staatsanwaltschaft mit systematischen Ermittlungen und exhumierte verstorbene Patienten.

Die Arbeit dieser Sonderkommission legte die Grundlage für einen weiteren Prozess, in dem sich Högel 2018 und 2019 wegen Mordes an 100 Patienten verantworten musste. Am Ende sah das Gericht 85 Taten als erwiesen an. Während des Verfahrens kam auch scharfe Kritik am Verhalten seiner Vorgesetzten insbesondere am Klinikum Oldenburg auf, deren späteres Aussageverhalten gegenüber Polizei und Justiz teilweise scharf gerügt wurde. Das Gericht sprach von "Vertuschung".

Die Oldenburger Staatsanwaltschaft hatte Högels frühere Vorgesetzte ursprünglich wegen weit mehr Fällen angeklagt. Das Gericht ließ die Anklagen aber aus rechtlichen Erwägungen nur eingeschränkt zu. Diese Entscheidung wurde anschließend auch vom Oberlandesgericht in Oldenburg bestätigt. Demnach sind die äußerst strengen juristischen Voraussetzungen, unter denen jemand wegen bloßen Unterlassens für Tötungshandlungen eines Anderen mitverantwortlich gemacht werden kann, nur in Einzelfällen erfüllt.

Warten auf den Urlaub

Auf Högels Verbrechen gab es über Jahre immer wieder Hinweise. Wurden sie ignoriert, verdrängt oder bewusst vertuscht? Diese Abwägung muss das Gericht nun treffen. Konkret geht es beispielsweise laut Anklage um fünf Fälle von versuchtem oder vollendetem Totschlag durch Unterlassen im Mai und Juni 2005 im Klinikum Delmenhorst. Kurz zuvor war Högel dort von einer Kollegin bei der Verabreichung einer Injektion bei einem Intensivpatienten quasi auf frischer Tat ertappt worden, was letztlich die ganze Mordserie ans Licht brachte.

Die Krankenhausleitung ordnete intern eine Blutuntersuchung bei dem Patienten an, ließ Högel aber noch einige Tage bis zu einem ohnehin geplanten Urlaub weiterarbeiten. In dieser Zeit beging er weitere Taten, die jetzt Gegenstand der Anklage und des Strafprozesses sind.

Für Christian Marbach ist dieser Prozess persönlich wichtiger als der von 2019, in dem Högel zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Sein Großvater gehörte zu den Opfern Högels und Marbach hofft, dass die "Wand des Schweigens" die seitens der Klinikverantwortlichen aufgebaut worden sei, diesmal fällt. "Ich habe meiner Familie am Grab meines Opas geschworen, dass ich nicht nur den Mörder, sondern auch die dafür Verantwortlichen verfolgen werde", sagte er der dpa. Allerdings müssten aus seiner Sicht nicht acht, sondern 20 bis 30 Personen auf der Anklagebank sitzen.

Die Angeklagten werden vor Gericht von 20 Verteidigern vertreten. Als Gerichtssaal fungiert wie 2019 der sogenannte Große Festsaal der Weser-Ems-Halle. Damals bot der Saal für 200 Zuschauer Platz, diesmal werden es coronabedingt maximal 65 sein. Für das Verfahren sind bis November 42 Verhandlungstage angesetzt. Der Vorsitzende Richter heißt wie 2019 Sebastian Bührmann.

Quelle: ntv.de, sba/AFP/dpa

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