Panorama

Lebenslang und Berufsverbot Högel für 85 weitere Morde verurteilt

Der Mammutprozess um die beispiellose Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels Högel geht mit einem klaren Schuldspruch zu Ende. Der 42-Jährige wird wegen 85 weiterer Morde an Klinikpatienten zu lebenslanger Haft verurteilt.

Das Landgericht Oldenburg hat den Ex-Pfleger Niels Högel wegen Mordes in 85 Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Zugleich stellte die Kammer die besondere Schwere der Schuld des 42-Jährigen fest, was eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren ausschließt. Zudem wird Högel mit einem lebenslangen Berufsverbot belegt. Der Pfleger tötete seine Opfer von 2000 bis 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst. Seine Taten gelten als beispiellose Mordserie.

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann sagte in seiner Urteilsbegründung, bei den Taten Högels handele es sich "um etwas, was jegliche Grenzen sprengt und jeglichen Rahmen überschreitet". Högels Schuld sei "unfassbar". "Herr Högel, Ihre Taten sind unbegreiflich - es ist so viel, dass der menschliche Verstand kapituliert vor der schieren Anzahl der Taten", sagte Bührmann.

Ursprünglich waren 100 Morde an Patienten im Alter von 34 bis 96 Jahren angeklagt, nach der komplexen mehrmonatigen Beweisaufnahme hielt die Staatsanwaltschaft 97 Taten für belegt. Ihrer Auffassung nach wollte Högel die Patienten durch Medikamentenvergiftungen in eine lebensbedrohliche Lage bringen, um sie wiederzubeleben und damit Ärzte und Kollegen zu beeindrucken. Viele überlebten nicht.

Gestört, aber schuldfähig

Der Angeklagte habe sich "als Retter gerieren" und feiern lassen wollen, sagte die Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohrmann in ihrem Plädoyer. Auch andere Motive wie die "Lust" am Entscheiden über Leben und Tod seien möglich. Die Frage lasse sich aber nicht sicher beantworten, weil Högel sich dazu nicht geäußert habe.

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Niels Högel sitzt bereits wegen eines vorangegangenen Mordurteils in Haft.

(Foto: dpa)

Laut dem vom Gericht beauftragten psychiatrischen Gutachter leidet Högel an einer Persönlichkeitsstörung, ist aber schuldfähig. Der Experte geht davon aus, dass Högel von einem Bündel verschiedener Motive angetrieben wurde. Darunter seien Geltungsbedürfnis und Selbstüberhöhung, Sensationslust und der Wunsch, sich auf eine Stufe mit Ärzten zu stellen. Dazu komme ein Mangel an Empathie.

Högel gestand in dem aktuellen Verfahren 43 Taten. An 52 wollte er sich nicht mehr erinnern können, fünf Mordvorwürfe stritt er ab. Anders als in den zwei früheren Prozessen äußerte er sich auch selbst. Die Vertreter von Angehörigen mutmaßlicher Opfer, die als Nebenkläger an den Prozess teilnehmen, forderten eine Verurteilung wegen 99 Morden, außerdem die Anordnung der Sicherungsverwahrung.

Die Verteidigung forderte ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe. Sie ging von 55 Morden und 14 Mordversuchen aus, in 31 angeklagten Fällen beantragte sie Freispruch.

Schleppende Aufarbeitung

Aufgrund der vorangegangenen Verurteilungen sitzt Högel bereits seit 2009 im Gefängnis. Entdeckt wurde er 2005 auf frischer Tat, danach begann die Aufarbeitung. Diese verlief jedoch schleppend und kam erst während des zweiten Prozesses gegen ihn ab Ende 2014 auch systematisch in Gang. Auch die beiden Krankenhäuser, an denen Högel früher arbeitete, stehen seit längerem massiv in der Kritik.

Es gibt Hinweise, dass Kollegen und Vorgesetzte teils relativ früh Verdacht schöpften, ohne dass entsprechende Konsequenzen folgten. Vier Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst sind deshalb bereits angeklagt und müssen sich demnächst vor Gericht verantworten. Auch gegen Verantwortliche des Oldenburger Krankenhauses wird ermittelt.

Quelle: n-tv.de, sba/AFP

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