Panorama

Opfersprecher zum Fall Högel "Er ist einer der größten Massenmörder"

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Högel steht erneut vor Gericht und erwartet sein Urteil.

(Foto: dpa)

Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel hat Dutzende Patienten getötet. Christian Marbach verlor durch ihn seinen Großvater und ist nun Sprecher der Opfer-Angehörigen. Im Interview mit n-tv.de geht er davon aus, dass Högel mehr Taten begangen hat, als die, für er nun verurteilt wurde.

n-tv.de: Wie sind Sie darauf gekommen, dass Ihr Großvater nicht unter normalen Umständen gestorben ist? Könnten Sie uns den Fall kurz schildern?

Christian Marbach: Mein Großvater ist im Jahr 2003 von Niels Högel ermordet worden. Wir hatten damals im Krankenhaus ganz konkret den Verdacht, dass etwas schiefgelaufen ist, weil es für uns total unerklärlich war. Wir haben auf einen Behandlungsfehler getippt, aber natürlich nicht an Mord gedacht. Doch das ist wirklich schwer zu beweisen. Als dann Högel 2005 auf frischer Tat ertappt wurde, ist unsere Familie direkt mit der Polizei in Kontakt getreten. Dann haben wir gesagt, dass mein Großvater wahrscheinlich auch von ihm ermordet worden ist. 

Wie haben Sie den Prozess bis hierher erlebt?

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Christian Marbach ist Sprecher der Opfer-Angehörigen im Fall Högel.

(Foto: Privat)

Dieser Prozess unterscheidet sich maßgeblich von den vorherigen. Die Staatsanwaltschaft wusste seit 2005 von den zahlreichen Toten in Delmenhorst und Oldenburg. Jetzt führen sie den Prozess zum dritten Mal - dieses Mal endlich mal vollumfänglich. Und es sieht so aus, als würde die Staatsanwaltschaft - auch unter unserem Druck - endlich ihre Hausaufgaben machen. Das Gericht wird Högel vollumfänglich verurteilen.

Wie war denn Ihr Eindruck von Högel vor Gericht im aktuellen Fall?

Ich finde, dass er weggeschlossen werden muss. Er hat auch nicht die Chance wahrgenommen, jetzt endlich wirklich aufzuklären und sich zu erinnern. Er hat nur das zugegeben, was ihm nachweislich auch vorgeworfen worden ist. Es fehlt jede ehrliche Reue.

Fast 100 Morde werden Högel zur Last gelegt. Doch ist alles?

Es wurden knapp 100 Morde angeklagt. Da sind aber nicht jene dabei, die man nicht gerichtsfest beweisen konnte. Das sind beispielsweise alle Fälle mit Feuerbestattungen. Die wirkliche Anzahl der Morde ist wahrscheinlich deutlich höher und liegt zwischen 200 und 300 Toten.

Was waren Ihrer Meinung nach die größten Versäumnisse, die die Aufdeckung der Patientenmorde verschleiert haben?

Da gibt es ganz viele, die dazu beigetragen haben. Das Klinikum Oldenburg wusste genau, dass sie jemanden in ihren eigenen Reihen haben, der viele Menschen bei ihnen ermordet hat. In Delmenhorst ist auch 200 Mal ein Totenschein ausgestellt worden, ohne dass die Todesursache bekannt war. All die Jahre haben die Kliniken wirklich gar nichts gemacht. Und die Staatsanwaltschaft Oldenburg war ein desolat organisierter Haufen, die haben den Fall schlichtweg gar nicht behandelt. Högel ist einer der größten Serienmörder der Welt. Die Informationen lagen vor, aber sie wollten da nicht ran.

Wie viele Menschen wussten Ihrer Meinung nach denn davon?

Ich persönlich gehe davon aus, dass aus beiden Kliniken 20 Personen so intensiv Bescheid wussten, dass man ihn hätte stoppen müssen.

Wurden denn in den betroffenen Kliniken bisher Konsequenzen gezogen?

Am Klinikum Delmenhorst wurde bis vor ein, zwei Jahren noch ganz massiv gemauert. Man hat sich nicht auf Seiten der Angehörigen gestellt, sondern alles von sich geschoben. Das hat sich nun deutlich geändert. Es gibt jetzt eine größere Fehlerkultur und sie gewinnen viel Vertrauen zurück.

Wie gelingt das? 

Sie haben eine zusätzliche Leichenschau bei ungeklärten Fällen eingeführt. Außerdem gibt es ein internes Whistleblowing-System, um Verdachtsfälle zu melden. Zusätzlich gibt es Konferenzen, auf denen die Todesfälle besprochen werden.

Aber: Was Niels Högel Menschen in Delmenhorst getan hat, das kann an vielen Orten in Deutschland genauso wieder passieren. Die Politik hat bisher überhaupt keine Konsequenzen daraus gezogen. Nur in Niedersachsen wurde ein Maßnahmenkatalog beschlossen. Was passiert ist, ist sicherlich in den Ausmaßen sehr einmalig. Es ist aber auch nicht die Ausnahme, dass in Krankenhäusern entweder gemordet wird oder schlichtweg tödliche Fehler passieren und vertuscht werden, bundesweit.

Wie viel Vertrauen haben Sie noch in das deutsche Gesundheitssystem und Krankenhäuser?

Niels Högel hat das große Vertrauen, das ich grundsätzlich in die Pflege und das medizinische Personal habe, nicht so zerstören können, wie man das vielleicht glaubt. Er war eine absolute Ausnahme. Ich war selbst vor zwei Wochen im Klinikum Delmenhorst und wurde dort operiert. Das war auch eine bewusste Entscheidung.

Wie sieht es denn in diesem Fall mit den Entschädigungen aus?

Deswegen ist der Prozess auch so wichtig, damit später auch zivilrechtliche Ansprüche geltend gemacht werden können. Da geht es um Schadensersatzansprüche und Schmerzensgeld und mehr.

Was würden Sie sich für das Urteil wünschen?

Wir wünschen uns, dass Niels Högel lebenslang im Gefängnis ist und bleibt. Es soll durch eine besondere Schwere der Schuld nicht wieder herauskommen. Außerdem gibt es noch einen Folgeprozess gegen die verantwortlichen Pfleger, verantwortlichen Ärzte und das Management des Klinikums Oldenburg. Uns ist es auch ganz wichtig, dass die Verantwortlichen, die seine Morde gedeckt haben, zur Rechenschaft gezogen werden.

Wie nah sind sich die Angehörigen?

Ich habe in den letzten Jahren viele bewegende Gespräche geführt und jeder einzelne Fall ist immer eine menschliche Tragödie. Wir sind natürlich vernetzt und im Austausch. Aber unser Leben geht weiter und wir müssen lernen, damit umzugehen.

Sie haben im vorherigen Fall Briefkontakt mit Niels Högel aufgenommen. Wie schwierig war das für Sie?

Das war eine schwere Entscheidung. Meine Motivation war, dass er vor Gericht für uns aussagt. Auf der anderen Seite wollte ich ihm die Chance geben, dass er - im christlichen Sinne - auch Vergebung erfahren kann. Wenn er es wirklich bereut und seine Fehler erkannt hätte. Das ist aber nicht passiert.

Hätten Sie ihm denn "vergeben" können, wenn er Reue gezeigt hätte?

Ich glaube ja, denn man lässt damit los. Den Täter loszulassen bietet auch den Raum für persönliche Freiheit.

Mit Christian Marbach sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de