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Berliner Tierheim wird digital Wie Katzen Kindern in der Krise helfen

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Auch die Vierbeiner profitieren: Die Stimmen der Kinder entspannen die Katzen.

(Foto: Tierschutzverein für Berlin)

Ein Projekt im Berliner Tierheim hilft gegen Leseschwäche bei Kindern und sorgt gleichzeitig für Vertrauen bei Katzen. Doch seit dem Ausbruch des Coronavirus müssen die tierischen Lesestunden ausfallen. Dank einer kreativen Lösung kommen Kinder und Katzen trotzdem auf ihre Kosten.

Erst vor ein paar Wochen war die Welt noch in Ordnung: Ende Februar sitzt Leonie auf einem Sessel mitten in einem Raum, der an ein kleines Wohnzimmer erinnert. Auf ihrer Wange glitzern die Überreste ihres Faschingskostüms. Mit fester Stimme liest die Neunjährige aus dem Buch in ihrer Hand vor. Dabei wandert ihr Blick immer wieder zu dem getigerten Fellknäuel, das auf einem Kratzbaum neben ihr zufrieden schnurrt. Als Leonie stockt, springt ihr die betagte Katzendame Larissa leichtfüßig zur Seite und schmiegt sich an sie. Zeit für Schmuseeinheiten. Der für Leonie schwer zu lesende Satz kann erst einmal warten.

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Ein super Team: Leonie liest. Larissa hört geduldig zu.

Leonie ist eine von 22 Kindern, die an dem Förderprojekt des Berliner Tierheims "Kinder lesen Katzen vor" teilnimmt. Einmal die Woche lesen die Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren den Stubentigern im Seniorenkatzenhaus vor und verbessern so ihre Lesefähigkeiten. Die Katzen sind sehr aufmerksame Zuhörer. Sie lauschen geduldig dem Klang der Stimme, und es macht ihnen nichts aus, wenn der Lesefluss einmal ins Stocken gerät. Damit sind sie das ideale Publikum für Kinder, die wie Leonie mit dem Lesen Probleme haben.

Nach zwei Kapiteln und vielen Streicheleinheiten muss sich Leonie schweren Herzens von Larissa verabschieden. Denn vor der Tür wartet bereits das nächste Mädchen, ein Buch fest umklammernd. Leonie zeigt stolz ihre Stempelkarte. Die Tinte auf dem vierten von zehn Kreisen glänzt noch feucht. "Ich darf noch sechsmal", sagt Leonie. Sie kann es kaum erwarten, nächste Woche wiederzukommen.

Das Projekt zieht ins Kinderzimmer

Doch daraus wird nun nichts. Kurze Zeit später muss auch das Tierheim für Besucher schließen. Eine Schutzmaßnahme gegen das Coronavirus. Dass das Tierheim, das sich fast ausschließlich durch Spenden finanziert, früher als andere Einrichtungen schloss, sei ihre eigene Entscheidung gewesen, sagt Annette Rost, die Sprecherin des Tierheims. "Wir müssen schließlich dafür sorgen, dass wir jederzeit in der Lage sind, unsere 1300 Tiere zu versorgen." Die zeitige Schließung diente dem Schutz der Gesundheit der Mitarbeiter und ehrenamtlichen Unterstützer. Für die Vorlese-Kinder sei das allerdings ein herber Schlag gewesen. "Natürlich ist diese Krise für jeden eine Belastung." Doch gerade für Kinder, denen alles an Normalität wegbricht, sei es besonders schwer.

"Wir wussten, dass die Kinder den wöchentlichen Besuch der Katzen vermissen werden", sagt Rost. Da kam die Idee zum digitalen Vorlesen: "Wenn die Kinder nicht ins Tierheim kommen können, gehen wir einfach in die Kinderzimmer." Dort können die Kinder ihre selbstgeschriebenen Geschichten oder aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen und dem Tierheim eine Aufnahme davon schicken. Das Video wird dann den Katzen vorgespielt. "Das Tablet stellen wir auf den Stuhl, auf dem sonst die Kinder sitzen", erzählt Rost. Und tatsächlich: Die Katzen reagieren auf die vertrauten Stimmen der Kinder. Natürlich sei es etwas anderes, wenn ein Kind dort sitzt, sagt Rost. Aber in der momentanen Situation sei das ein guter Kompromiss.

Außerdem kann nun jedes Kind mitmachen, egal ob es in Berlin, Köln oder München wohnt. Viele nehmen die Möglichkeit dankbar an. "Mittlerweile haben wir Dutzende Videos und Tonaufnahmen zugeschickt bekommen", erzählt Rost. "Es ist großes Interesse da." Viele Kinder riefen auch an, um sich zu erkundigen, wie es den Katzen ginge. Bei geschlossenen Schulen und Spielplätzen ist die Aktion für die Familien eine willkommene Abwechslung. Aber auch die Katzen profitieren vom digitalen Vorlesen. "Stimmen und Alltagsgeräusche sorgen dafür, dass die Tiere entspannt sind und sich gut fühlen", erklärt Rost.

Tiere spenden Trost in schwierigen Zeiten

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Für das Tierheim ist das Projekt nach wie vor ein großer Erfolg. Denn eine große Aufgabe sieht der Verein darin, Kinder für den Tierschutz zu sensibilisieren. "Wir machen ganz viel im Bereich Kinder und Jugend - auch in Corona-Zeiten", sagt Rost. So wurde zuletzt die Kinder-Konferenz ins Leben gerufen. "Über Zoom lernen die Kinder spielerisch etwa den richtigen Umgang mit Hunden und Katzen und was die Tiere brauchen, um glücklich zu sein." Das macht sie später zu guten Haustierhaltern.

In der Corona-Zeit schmieden viele Menschen den Plan, ein Tier zu adoptieren, erzählt Rost. Gerade zu Beginn der Pandemie habe es sehr viele Anfragen gegeben, ein Tier für einen gewissen Zeitraum zu nehmen, um es dann nach der Krise wieder zurückzugeben. "So etwas machen wir nicht", sagt Rost entschieden. "Das wäre für das Tier sehr traumatisierend. Wir suchen ein zu Hause für immer." Gleichzeitig hätten sie weniger Tierabgaben. In der Krise trennten sich Rost zufolge weniger Menschen von ihren Haustieren. "Jetzt merken viele, dass Tiere auch ein ganz großer Trost sein können in so schwierigen Zeiten wie diesen." Das sei ein sehr schönes Signal und ein Zeichen für eine empathische Gesellschaft.

Quelle: ntv.de