Politik

Spahn wirbt für Corona-Impfungen Antworten, die verunsichern könnten

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Jens Spahn rechnet mit emotionalen Diskussionen in den Arztpraxen.

(Foto: imago images/Ralph Sondermann)

Die Impfskepsis der Deutschen ist hoch - trotz der Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Gesundheitsminister Spahn stellt sich deshalb gemeinsam mit Fachleuten den Fragen der Nation. Doch nicht alle kann er beantworten.

Trotz der Gefahr, schwer zu erkranken, wollen sich Umfragen zufolge nur 55 bis 61 Prozent der Deutschen gegen Sars-CoV-2 impfen lassen. Zu groß sind die Bedenken bei vielen, es könnte kaum zu kalkulierende Nebenwirkungen geben - wenn nicht sofort, dann vielleicht nach Jahren. Für Jens Spahn ist das ein Problem. Der Bundesgesundheitsminister weiß, dass er das Vertrauen dieser Menschen gewinnen muss, um eine möglichst hohe Impfquote zu erreichen. Sein Angebot an alle Verunsicherten war deshalb, ihre Fragen zur Corona-Schutzimpfung in einer virtuellen Fragerunde an ihn, den RKI-Chef Lothar Wieler und den Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, zu stellen. Auch Ärzte, Pfleger und medizinisches Personal sollten sich beteiligen - und das taten sie.

Das große Interesse brachte den Server der Website anfangs zum Erliegen. Vielen Besuchern des Livestreams bot sich nur der Blick auf den Ladebalken. Zwischenzeitlich hatten sich mehr als 3000 Besucher zugeschaltet - das kann man einen Erfolg nennen. Doch hat die Runde auch Vertrauen geschaffen? Tatsache ist, dass weder die beiden Wissenschaftler noch der Minister auf alle Fragen eine Antwort haben. Zu vieles liegt noch im Vagen. Das müsste nicht unbedingt ein Problem sein, wäre da nicht diese EINE Frage, die über allem steht. Wer ist jetzt eigentlich verantwortlich? Vor allem Lothar Wieler verweist bei vielen Fragen auf die Ständige Impfkommission (Stiko). Bis Ende des Monats soll sie Empfehlungen herausgeben, wer zuerst mit welchem Impfstoff geimpft werden soll.

Spahn hingegen zeigt allgemeiner auf die Wissenschaft. "Die Politik setzt nur den Rahmen, die Wissenschaft entscheidet", sagt er. Ob der Staat denn Verantwortung übernehmen werde, sollte es zu Nebenwirkungen durch die Impfungen kommen, lautet eine Frage. Der Minister betont, dass es keine Impfpflicht, sondern lediglich eine Empfehlung gebe. Wer sich also gegen Corona impfen lässt, tut das in erster Linie freiwillig. Trotzdem gelte bei nachgewiesenen Impfschäden die gleiche gesetzliche Regelung wie bei anderen Impfempfehlungen auch. Soll heißen: Betroffene können im Ernstfall Unterstützung nach dem Bundesversorgungsgesetz beantragen.

Wieler würde sich "sofort" impfen lassen

Auch Klaus Cichutek versucht, die Zweifel am neuen Impfstoff auszuräumen. Dafür, dass die Impfung Autoimmunkrankheiten auslösen oder zu Unfruchtbarkeit bei Frauen führen könnte, gebe es keine Hinweise. Leichte Nebenwirkungen - wie etwa Kopfschmerzen oder Schmerzen an der Injektionsstelle - seien vergleichbar mit einer Grippe-Impfung. Auch, dass es zu einer Modifikation des Erbguts komme, könne man ausschließen. "Unsere Zuversicht", sagt er, "basiert auf Daten". RKI-Chef Wieler wird später persönlicher: Er würde sich "gern sofort" impfen lassen. "Denn ich will die Krankheit nicht haben", sagt er. Allerdings gehöre er nicht zur Risikogruppe. Insofern müsse er sich noch etwas länger auf die herkömmliche Weise schützen.

An anderer Stelle wird es fachlich. Kaum ein Laie kann dem noch folgen. Ein paar zentrale Erkenntnisse gibt es trotzdem - hier eine Übersicht:

Wie lange hält der Impfschutz an?
Bisher ist der Impfschutz für ein paar Monate sicher nachgewiesen. Laut Cichutek ist aber nicht auszuschließen, dass sich die Menschen jedes Jahr aufs Neue - wie bei der Grippe auch - impfen lassen müssen.

Werden auch Genesene geimpft?
Ja, bei den ersten klinischen Studien wurden auch Corona-Genesene geimpft - auch, weil bisher unklar ist, wie lange eine Immunität nach überstandener Erkrankung anhält. Bei Genesenen ist eine Impfung laut Cichutek aber auch deshalb sinnvoll, weil sie den Immunschutz noch einmal erhöht.

Wie oft wird geimpft?
Für die Grundimmunisierung wird zweimal geimpft. Nach der ersten Impfung vergehen etwa drei bis vier Wochen, dann folgt die zweite Injektion. Ein vollständiger Schutz tritt dann nach etwa zwei bis drei Wochen ein. "Wir rechnen damit, dass nach zweimaliger Impfung fast 100 Prozent der Geimpften immunisiert sind", sagt Cichutek.

Wird man vor der Impfung getestet?
Nein, weil beide Gruppen - Genesene und Menschen, die noch keinen Kontakt mit dem Virus hatten - gleichermaßen geimpft werden sollen.

Wer entscheidet, wer welchen Impfstoff bekommt?
Die Stiko legt fest, wer zur Risikogruppe gehört und sie gibt auch Empfehlungen ab, wer welchen Impfstoff bekommen soll - je nachdem, wie viele Impfstoffe zur Verfügung stehen. Bis zum Ende des Monats soll feststehen, welche Gruppen zuerst geimpft werden. Welcher Impfstoff zum Einsatz kommt, "das kann man sich erst aussuchen, wenn weitere Impfstoffe zugelassen sind", sagt Wieler.

Wer wird zuerst geimpft?
Zu dieser Frage gibt es bereits Empfehlungen der Stiko, des deutschen Ethikrats und der Leopoldina: Zuallererst werden Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen berücksichtigt, dann medizinisches und Pflegepersonal - und schließlich Gruppen, die systemrelevant sind: Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer, Erzieher.

Sollten Schwangere und Kinder geimpft werden?
Wieler verweist wiederum auf die Stiko, die auch zu Schwangeren noch eine Impfempfehlung aussprechen will. Für Kinder und Jugendliche gelten bei Impfstoffen generell strengere Zulassungsregeln. In die letzten klinischen Studien sind laut Cichutek inzwischen zwar auch Kinder integriert worden, doch die meisten Daten liegen für Menschen ab 16 Jahren und älter vor.

Wie werden Menschen benachrichtigt?
Diese Frage ist datenschutzrechtlich heikel. Wie die Menschen kontaktiert werden können, die zur ersten Gruppe der zu Impfenden gehören, wird laut Wieler gerade ausgearbeitet. Womöglich könnten Hausärzte bescheinigen, dass jemand zur Risikogruppe gehört, und die Arbeitgeber einen Nachweis darüber ausstellen, wenn jemand in einem medizinischen Beruf arbeitet.

Warum soll in Impfzentren geimpft werden?
Laut Spahn ist die anfangs notwendige, "enge und absolute Priorisierung" nach Risikogruppen nicht ohne Impfzentren umzusetzen - auch, weil im Januar erst drei Millionen Impfdosen von Biontech zur Verfügung stehen werden. Bei einem möglichen Bedarf von 40 Millionen Impfdosen fürchtet Spahn, könnten Arztpraxen schnell überfordert werden. Allein schon mit emotionalen Diskussionen am Tresen. "Wenn wir mehr Impfstoffe haben, werden wir auf die Arztpraxen umswitchen", so Spahn. Außerdem sei die Lagerung ein Problem. Nicht jede Arztpraxis habe die Voraussetzungen, um den Impfstoff bei -70 Grad zu lagern.

Wie werden die Impfzentren geschützt?
Sicherheitskonzepte werden bereits erarbeitet - "bis hin zu polizeilichem Schutz der Impfzentren", sagt Spahn. Auch das diene letztlich der Entlastung von Arztpraxen.

Quelle: ntv.de