Politik

Schutz vor Rache der Taliban Bundesregierung plant große Rettungsaktion in Afghanistan

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In Lebensgefahr: Das Nachbarland Pakistan hat seinen Grenzübergang Chaman inzwischen für Flüchtende geöffnet.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die Taliban rücken schnell auf Kabul vor und wollen Rache nehmen an Afghanen, die die Bundeswehr und andere deutsche Organisationen unterstützt haben. Die Bundesregierung plant nach Informationen von ntv offenbar eine große Rettungsaktion - für einige afghanische Ortskräfte bereits zu spät.

An der Spitze der Bundesregierung laufen offenbar Planungen, in einer umfassenden Rettungsaktion mehrere Tausend afghanische Helfer auf einmal aus dem Land zu bringen und vor der Rache der radikalislamistischen Taliban zu retten. Nach Informationen von ntv berieten dazu am frühen Morgen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Innenminister Horst Seehofer, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU und Außenminister Heiko Maas von der SPD.

Vorläufiges Ergebnis der Beratungen: Für eine solche Aktion, die von massiven Kräften der Bundeswehr durchgeführt und geschützt werden müsste, braucht es ein neues Bundestagsmandat. Das alte, noch laufende Bundestagsmandat decke eine solche Aktion nicht, hieß es in Regierungskreisen. Nun soll rasch sondiert werden, ob es dafür eine parlamentarische Mehrheit in der Großen Koalition oder unter den anderen Parteien gibt. Das Verteidigungsministerium prüft derweil die militärische Machbarkeit mit Truppen und Material. Die Kanzlerin sei für die Aktion, hieße es. Kramp-Karrenbauer soll sie zunächst im neuen Afghanistan-Krisenstab der Bundesregierung vorgebracht haben.

Bei der Aktion ginge es zusammengerechnet um insgesamt womöglich bis zu 10.000 Personen, Helfer und ihre "Kernfamilien". Sie haben im Laufe der letzten Jahre unter anderem für die Bundeswehr, das Auswärtige Amt, die Entwicklungshilfe oder andere deutsche Organisationen gearbeitet und müssen nun um ihr Leben fürchten: Die rasch auf Kabul vorrückenden Taliban haben ihnen als "Kollaborateuren" Rache geschworen. Erste Helfer, auch deutscher Medien, wurden bereits ermordet.

In den letzten Tagen hatte es bereits Kritik an der schleppenden Rückholung der sogenannten "Ortskräfte" der Bundeswehr gegeben. Rund 2000 von ihnen sind inzwischen in Deutschland.

Aus Regierungskreisen heißt es, dass Maas im Bundeskabinett schon vor mehreren Wochen aufgefordert worden sei, eine umfassende Rückholaktion zu planen. Das Auswärtige Amt soll dies aber versäumt haben, weil erwartet wurde, dass der Vormarsch der Taliban sehr viel länger dauern würde.

Kämpfe mit Taliban nahe Ex-Bundeswehr-Quartier

Die Lage derjenigen, die noch im Land sind, wird mit jeder Stunde brenzliger: Am Morgen habe es Gefechte um Maidan Schar mit den Taliban gegeben - die Hauptstadt der nur rund 35 Kilometer von Kabul entfernt gelegenen Provinz Maidan Wardak. Das sagte die Abgeordnete Hamida Akbari. Die Taliban beherrschten bereits einen Großteil der Bezirke in der Provinz.

Landesweit setzten sich die Kämpfe zwischen den Taliban und Regierungstruppen in mindestens fünf Provinzen fort. Auch Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr noch bis Juni ihr Hauptquartier hatte, ist ein klares Ziel der Islamisten. Die Taliban versuchten am Morgen, in die Stadt im Norden einzudringen, konnten aber nach Angaben örtlicher Politiker zurückgedrängt werden. Der Ex-Provinzgouverneur Mohammad Atta Nur und der ehemalige Kriegsfürst Abdul Raschid Dostum haben in der Provinz Balch, in der Masar-i-Scharif liegt, eine Verteidigungslinie aufgebaut. Die Taliban haben umliegende Provinzen bereits eingenommen.

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Zudem konnten die Islamisten die mittlerweile 19. der 34 Provinzhauptstädte des Landes übernehmen. Scharana mit seinen geschätzt 66.000 Einwohnern in der Provinz Paktika im Südosten des Landes sei nach Vermittlung Ältester kampflos an die Taliban gegangen, bestätigten drei lokale Behördenvertreter. Im Osten wurden Kämpfe um die Provinzhauptstädte von Paktia und Kunar gemeldet. Diese Woche fielen mit Herat und Kandahar bereits die dritt- und die zweitgrößte Stadt des Landes an die Islamisten.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani sagte in einer kurzen TV-Ansprache, er wolle nicht, dass weiter das Blut unschuldiger Menschen in Afghanistan vergossen werde. Er habe Konsultationen mit politischen Führern des Landes und internationalen Partnern abgehalten und wolle die Ergebnisse seinen Landsleuten "bald" mitteilen.

Quelle: ntv.de, nik/joh/dpa

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