Politik

Der Kriegstag im Überblick Chemiefabrik in Sjewjerodonezk brennt - Polen enttäuscht von Scholz

In der Chemiefabrik in Sjewjerodonezk bricht ein Großbrand aus, doch die ukrainischen Truppen leisten weiterhin Widerstand, meldet der ukrainische Generalstab. Auch im südlichen Cherson soll es Rückschläge für die Kreml-Truppen geben, obwohl Russland bereits Pässe an Zivilisten austeilt. EU-Kommissionschefin von der Leyen reist überraschend nach Kiew, während Bundeskanzler Scholz dies möglicherweise plant. Warschau ist unzufrieden mit der Bundesregierung. Der 108. Kriegstag im Überblick.

Ukrainisches Militär leistet Widerstand

Die Kämpfe um die Großstadt Sjewjerodonezk in der Ostukraine halten nach Angaben des ukrainischen Militärs weiter an. Die russische Armee habe die zivile Infrastruktur in der Stadt sowie im benachbarten Lyssytschansk und drei weiteren Orten beschossen, teilte der Generalstab der ukrainischen Armee per Facebook mit. Die ukrainischen Soldaten seien dabei, sich Angriffen der Russen in Sjewjerodonezk zu widersetzen. In dem Vorort Metelkino sei ein Angriff erfolgreich abgewehrt worden, die russische Armee habe sich zurückgezogen, hieß es in dem Lagebericht. In einem weiteren Vorort hielten die Kämpfe an.

Gouverneur: "Russen haben Sjewjerodonezk ruiniert"

Der Gouverneur von Luhansk, Serhij Gaidai, sagte auf Telegram, Sjewjerodonezk sei von den russischen Streitkräften "ruiniert" worden. "Das ist ihre Taktik - Menschen werden nicht gebraucht, die Infrastruktur wird nicht gebraucht, Häuser werden nicht gebraucht, alles soll einfach ruiniert werden." Die Zahl der zivilen Opfer sei "enorm und schrecklich". Der russische Beschuss habe in der Chemiefabrik Azot zu einem Großbrand geführt. Zuvor sei tonnenweise Öl aus dem Werk ausgetreten, sagte Gaidai im Staatsfernsehen. In der Fabrik befinden sich ukrainischen Informationen zufolge noch Hunderte Zivilisten. Gaidai sagte nicht, ob das Feuer bereits gelöscht ist.

Der Gouverneur der südlich der Frontlinie gelegenen Stadt Mykolajiw, Witalyj Kim, appellierte an den Westen, sein Land militärisch stärker zu unterstützen. "Die russische Armee ist stärker, sie hat viel Artillerie und Munition", betonte Kim. Die Kämpfe in der Ukraine würden aktuell als "Artillerie-Krieg" geführt - "und uns geht die Munition aus".

Hinweise auf Munitionsmangel der Kreml-Truppen

Allerdings gibt es Hinweise, dass die russische Munition nicht mehr ewig reicht: Bei der Bombardierung von Zielen in der Ukraine nutzen die russischen Streitkräfte laut britischen Informationen inzwischen auch alte Anti-Schiffs-Raketen. Seit April hätten russische Bomber wahrscheinlich Dutzende unpräzise Marschflugkörper vom Typ Kh-22 (NATO-Bezeichnung: AS-4 Kitchen) gegen Landziele abgefeuert, teilte das Verteidigungsministerium in London auf Basis von Geheimdienstinformationen mit. Einen Munitionsmangel auf russischer Seite sieht auch der Vizechef des ukrainischen Militärgeheimdienstes. Im ersten Kriegsmonat habe Moskau die Ukraine ständig mit Raketen angegriffen, aber in den letzten zwei Monaten habe der Beschuss etwas nachgelassen, sagte Vadym Skibitsky dem britischen "Guardian".

Gebietsgewinne für Ukraine im Süden

Im Süden konnte die ukrainische Armee wohl kleinere Gebietsgewinne verbuchen. Wie die "New York Times" unter Berufung auf lokale ukrainische Stellen berichtete, griffen ukrainische Soldaten die russischen Truppen in der Region Cherson an mehreren Stellen an. Dabei hätten sie ein Dorf namens Tawrijske eingenommen und seien auf mehrere andere vorgerückt. Weiter hieß es, ukrainische Kampfhubschrauber hätten eine Gruppe russischer Kräfte "zerstört". In einem anderen Gefecht sei eine Einheit russischer Fallschirmspringer getötet worden.

Russen verteilen Pässe in Cherson

Russland händigte derweil in der besetzten ukrainischen Stadt Cherson erste russische Pässe an Einwohner aus. 23 Bewohner der Stadt im Süden der Ukraine erhielten während einer Zeremonie diesen Samstag ihre Ausweispapiere, wie die amtliche russische Nachrichtenagentur Tass berichtete. Die Region Cherson war zu Beginn der russischen Offensive in der Ukraine fast vollständig von der russischen Armee erobert worden.

Überraschungsbesuch: Von der Leyen in Kiew

Die EU-Kommission will bis Ende kommender Woche ihre Einschätzung zu der Frage vorlegen, ob der Ukraine der Status als Beitrittskandidat gewährt werden soll. Dies kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Nachmittag bei einem überraschenden Besuch in Kiew an. Gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wolle sie eine "Bestandsaufnahme der für den Wiederaufbau benötigten gemeinsamen Anstrengungen und der Fortschritte der Ukraine auf ihrem europäischen Weg vornehmen", sagte von der Leyen bei ihrer Ankunft in der ukrainischen Hauptstadt.

Nach dem Treffen mit Selenskyj sagte sie, die Ukraine habe "viel für die Stärkung der Rechtsstaatlichkeit getan, aber es müssen noch Reformen vorgenommen werden, um beispielsweise die Korruption zu bekämpfen oder diese gut funktionierende Verwaltung zu modernisieren, um Investoren anzuziehen".

Unbestätigter Bericht: Reisepläne von Scholz mit Macron und Draghi

Bundeskanzler Olaf Scholz plant einem Medienbericht zufolge noch vor dem G7-Gipfel Ende Juni eine gemeinsame Reise nach Kiew mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi. Das berichtet die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf ukrainische und französische Regierungskreise. Ein Regierungssprecher in Berlin wollte dies am Abend auf ntv-Anfrage nicht bestätigen.

Warschau vermisst guten Willen bei deutschen Panzerlieferungen

Polen warf der Bundesregierung mangelndes Engagement bei der versprochenen Lieferung von Panzern vor. "Die Gespräche sind ins Stocken geraten. Man sieht keinen guten Willen, hoffen wir, dass sich das ändert", sagte der Chef des Nationalen Sicherheitsbüros beim Präsidenten, Pawel Soloch, dem Sender Radio Rmf.fm. Die Verteidigungsministerien seien dazu im Kontakt. Man habe in Berlin darum gebeten, Panzer zu erhalten, mit denen Panzer ersetzt werden sollen, die Polen an die Ukraine abgegeben hat, sagte Soloch. "Die deutsche Militärhilfe - sei es für die Ukraine oder sei es die Unterstützung von Ländern, die diese Hilfe leisten - bleibt hinter den Erwartungen zurück."

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Quelle: ntv.de, mau/AFP

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