Politik

Krieg im Süden der Ukraine "Cherson will auf keinen Fall russisch werden"

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Eine ukrainische Patroulle in der Nähe der Front bei Mykolajiw. Auf der anderen Seite beginnt das derzeit russisch kontrollierte Gebiet in der Oblast Cherson.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

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Die Hälfte der Bewohner ist bereits geflohen, die andere Hälfte hofft auf ihre Befreiung, sagt einer, der noch in Cherson ist. Die Russen planen derweil mit einem von ihnen eingesetzten Politiker den Anschluss der Region an Russland - dieses Mal offenbar ohne pseudo-demokratische Inszenierung.

Die Hafenstadt Cherson an der Mündung des Dnipro ist eine Besonderheit im russischen Krieg gegen die Ukraine: Es ist die einzige ukrainische Bezirkshauptstadt, die russische Truppen einnehmen konnten - Mariupol ist zwar größer als Cherson, gehört aber zum Oblast Donezk, dessen gleichnamiges Zentrum bereits seit 2014 unter russischer Kontrolle ist.

Anfang März meldeten russische Truppen die Einnahme von Cherson. Bereits seit Wochen gibt es Gerüchte, die Russen wollten auch hier ein Referendum inszenieren, um wie in den besetzten Gebieten im Donbass, in Luhansk und Donezk, eine "Volksrepublik Cherson" zu bilden oder wie im Fall der Krim die direkte Annexion zu rechtfertigen. Erst am vergangenen Freitag kam der Generalsekretär der Kreml-Partei "Geeintes Russland", Andrej Turtschak, nach Cherson. Dort verkündete er, dass Russland "für immer hier" sei.

Nicht alle Einwohner von Cherson glauben, dass dieser Plan aufgeht. "Das Referendum wird es nicht geben", sagt einer, der in Cherson lebt und in diesem Text Jimmy genannt werden soll, in einem Telefonat mit ntv.de. "Am 27. April ist zuletzt darüber gesprochen worden, seither nicht mehr." Damals, vor zwei Wochen, habe in Cherson eine Demonstration gegen das geplante Referendum stattgefunden. Jimmy schätzt, dass an dem Tag 500 Leute zusammenkamen, sie seien mit Blendgranaten und Schüssen auseinandergejagt worden. Klingt nach einem Misserfolg. Aber: "Danach war das Referendum kein Thema mehr."

Das Referendum fällt aus

Proteste gegen die Russen gab es in Cherson immer wieder. Dennoch zitierte die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti am vergangenen Freitag einen Regionalpolitiker namens Kirill Stremoussow mit den Worten, Cherson werde sich "maximal in den Aufbau der Russischen Föderation integrieren". In russischer Darstellung ist Stremoussow der stellvertretende Leiter der militärisch-zivilen Gebietsverwaltung von Cherson. Jimmy kennt den Mann. "Das ist eigentlich ein Journalist, aber ein Bestelljournalist", sagt er. "Er hat Skandale aufgedeckt, wenn es ihm oder seinen Auftraggebern genutzt hat."

"Ich halte ihn schon für ein helles Köpfchen", so Jimmy über Stremoussow. "Aber er hat die dunkle Seite gewählt. Das jetzt ist seine Sternstunde."

Am Mittwoch meldet sich Stremoussow erneut zu Wort. Tatsächlich soll es kein Referendum geben, sagte er Ria, auch eine Volksrepublik werde in Cherson nicht ausgerufen. Stattdessen würden die "Behörden" der Region direkt an Putin appellieren, das Gebiet in die Russische Föderation aufzunehmen. Zur Begründung sagte Stremoussow, das Referendum auf der Krim sei ja ohnehin nicht von der internationalen Gemeinschaft anerkannt worden. Mit anderen Worten: Dann muss man sich auch nicht die Mühe machen, es demokratisch aussehen zu lassen.

Die Hälfte der Einwohner ist geflohen

Nach ukrainischen Angaben ist mittlerweile fast die Hälfte der Einwohner aus Cherson geflohen. Jimmy will seine Stadt nicht verlassen, aber er kennt die Fluchtwege. "Ich lese in verschiedenen Telegram-Kanälen, dass man über Schleichwege aus der Stadt kommt. Aber das ist gefährlich." Am sichersten sei der Weg über die Krim. "An der Grenze zur Krim muss man bis zu zwölf Stunden warten, und vor allem Männer werden befragt und durchsucht. Aber von der Krim kann man nach Russland fliegen." Er hat von Ukrainern gehört, die auf diesem Weg über Georgien und Polen nach Odessa geflohen sind - also in eine Stadt, die normalerweise mit dem Auto nur drei Stunden entfernt ist.

Auch unter den verbliebenen Einwohnern der Stadt gibt es nach Einschätzung von Jimmy keine relevante Unterstützung für die Besatzer. Am 9. Mai, an dem auch in der Ukraine traditionell an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert wird, gab es in Cherson eine Kundgebung, um den "Tag des Sieges" auf russische Art zu feiern - mit sowjetischen und russischen Fahnen und ohne jeden Hinweis auf die Ukraine. In einem Bericht von Ria Novosti heißt es, "Hunderte" Einwohner der "befreiten" Stadt hätten an einer Kundgebung teilgenommen. Jimmy hat entsprechende Bilder auch gesehen. Er geht davon aus, dass es hauptsächlich Leute von der Krim waren, die zu Propagandazwecken nach Cherson gefahren worden waren.

Selenskyj kündigt Befreiung von Cherson an

Ob Cherson für die Russen ein Erfolg oder eine Niederlage ist, hängt von der Perspektive ab. Putins ursprünglicher Plan scheint gewesen zu sein, von Cherson aus auch Mykolajiw und Odessa zu erobern und bis Transnistrien zu marschieren, dem Landstrich, der zur Republik Moldau gehört und von pro-russischen Separatisten kontrolliert wird. Die Ukraine hätte ihren gesamten Osten und Süden verloren und wäre komplett vom Schwarzen Meer abgeschnitten. Erst Anfang Mai berichtete der Sender Radio Free Europe über ein "Manifest" der Kreml-Partei "Geeintes Russland", in dem gefordert wird, in der Ukraine einen Staat namens "Südliche Rus" zu gründen. Welche Regionen genau darin liegen sollen, wird in dem Papier nicht ausgeführt - vielleicht nur der Süden, vielleicht die ganze Ukraine, der in dem "Manifest" insgesamt die Legitimität abgesprochen wird.

Doch der Vorstoß stockt seit Wochen, bislang sieht es nicht so aus, als könnten die Russen Odessa einnehmen. Jimmy geht fest davon aus, dass sie auch in Cherson keine Zukunft haben. "Es wird bald vorbei sein. Die Menschen in Cherson wollen auf keinen Fall russisch werden." Er widerspricht Berichten, dass bereits russische Pässe in Cherson ausgegeben würden. Lange vor der russischen Invasion in die übrige Ukraine ist das in den "Volksrepubliken" in Luhansk und Donezk passiert. Auch dass der Rubel in Cherson eingeführt würde, bestreitet Jimmy - das hatte ebenfalls Stremoussow angekündigt. Demnach sollte die russische Währung ab dem 1. Mai gelten; die ukrainische Währung Hrywnja könne noch für vier Monate während einer Übergangszeit genutzt werden, danach nicht mehr. "Wir haben noch immer genug Hrywnja", betont Jimmy.

Die ukrainische Regierung dürfte hoffen, dass die russische Besatzung von Cherson in vier Monaten längst beendet ist. Am 9. Mai kündigte Präsident Wolodymyr Selenskyj die Befreiung der Stadt an. So wie die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg Donezk, Luhansk, Mariupol, Cherson, Melitopol, Berdjansk und die Krim von den Nazis befreit habe, würden auch die heutigen Besatzer vertrieben werden, sagte er.

Quelle: ntv.de

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