Politik

Nordkorea sprengt Gesprächsfaden "Das ist ein diplomatischer Balanceakt"

2020-06-13T000000Z_206799925_RC2E8H9Q93FF_RTRMADP_3_NORTHKOREA-SOUTHKOREA.JPG

Kim Yo Jong, die Schwester von Machthaber Kim Jong Un, wird immer einflussreicher in Nordkorea.

(Foto: REUTERS)

Die vergangenen zwei Jahre waren im Korea-Konflikt geprägt von Hoffnungsschimmern. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und Südkoreas Präsident Moon Jae In hatten sich gleich drei Mal getroffen. Doch jetzt ist von den Zeichen der Entspannung nichts mehr übrig. Der diktatorische Norden sprengt das gemeinsame Verbindungsbüro mit dem Süden und damit auch den Gesprächsfaden. Nordkorea-Experte Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien, erklärt im Interview mit ntv.de, wie es dazu kommen konnte und warum nicht Kim Jong Un persönlich den Hardliner spielt.

ntv.de: Erst vor zwei Jahren gab es klare Anzeichen der Entspannung im Korea-Konflikt. Nordkoreas Machthaber Kim und Südkoreas Präsident Moon hatten sich gleich drei Mal innerhalb eines Jahres getroffen. Was ist seitdem passiert?

Rüdiger Frank: In den vergangenen zwei Jahren hat Nordkorea immer wieder Druck auf Südkorea ausgeübt. Ganz konkret fordert Nordkorea Wirtschaftshilfen, sei es in Form von Handel, Direktüberweisungen oder technischer Kooperation. Das kollidiert aber mit den bestehenden UN- und US-Sanktionen. Jetzt bringen die Nordkoreaner ihre Unzufriedenheit mit dem mangelnden Fortschritt zum Ausdruck, indem sie ein Gebäude sprengen, das sich sowieso auf ihrem Territorium befindet. Wir befinden uns also noch auf einer eher niedrigen Eskalationsstufe.

Dennoch haben die Nordkoreaner mit der Sprengung des Verbindungsbüros ziemlich abrupt Fakten geschaffen, oder? Das Verbindungsbüro ist ja erst vor zwei Jahren eröffnet worden.

Das hat sich durchaus angebahnt. In nordkoreanischen Medien war die Kritik in Richtung Südkorea zuletzt immer deutlicher geworden. Grundsätzlich haben die Nordkoreaner schon seit dem letzten Jahr immer wieder gesagt, dass man endlich Fortschritte sehen möchte.

Zuletzt hatten Aktivisten aus Südkorea regimekritische Flugblätter über die Grenze geschickt. Haben die das Fass zum Überlaufen gebracht?

Aus nordkoreanischer Sicht liegt alles, was ein Südkoreaner oder eine Südkoreanerin macht, letztlich in der Verantwortung der südkoreanischen Regierung. Eine Zivilgesellschaft, die unabhängig von der Regierung agiert, ist für die nordkoreanische Führung überhaupt nicht vorstellbar. In Südkorea hat man sich dagegen lange Zeit auf den Standpunkt gestellt: Wir können unseren Bürgerinnen und Bürgern schon nahelegen, was wir gut fänden, aber wir können uns natürlich nicht in alle ihre Belange einmischen. Das heißt, wenn NGOs Ballons nach Nordkorea schicken, dann haben sie das gute Recht dazu. Allerdings hat Südkoreas Regierung diese Haltung nun revidiert. Nachdem die Nordkoreaner sich so kritisch geäußert haben, hat die südkoreanische Regierung tatsächlich begonnen, rechtliche Schritte zu prüfen gegen die NGOs, die diese Ballons starten. Dafür hat Südkorea international viel Kritik kassiert, weil das eben nicht das ist, was man von einem demokratischen Vorzeigeland wie Südkorea erwarten würde.

Dieses Einknicken der Südkoreaner hat den Norden aber nicht besänftigt. Kim Jong Uns Schwester hat vor der Sprengung gesagt, es sei höchste Zeit, mit den südkoreanischen Behörden zu brechen. Warum ist sie aktuell die Scharfmacherin und nicht Kim Jong Un?

Nun ja, das lässt Kim Jong Un immer noch die Möglichkeit, später selber wiederum als Diplomat tätig zu werden. Man muss dann nicht den Leuten Auge in Auge gegenübersitzen, die man ein paar Wochen zuvor noch beleidigt hat. Gleichzeitig weiß man aber, dass diese Kritik schon von ganz oben kommt und ernst gemeint ist. Das ist ein, technisch gesehen, sehr interessanter diplomatischer Balanceakt, den die Nordkoreaner da vollziehen. Sie machen das recht geschickt. Kim Yo Jong ist ja vorher auch schon stellvertretend für ihn tätig geworden. Zum Beispiel bei den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea ist sie nach Pyeongchang gereist und hat einen Brief von ihm überbracht. Das war etwas Besonderes. Jetzt haben wir aber das Gegenbeispiel. Sie spielt die aggressive Rolle.

Ist sie die heimliche Nummer zwei hinter Führer Kim Jong Un?

Als Nummer zwei bezeichne ich sie nur sehr ungern, weil das impliziert, dass es so etwas gibt wie eine Nummer zwei. Sie ist aber definitiv diejenige, die aus der Kim-Familie - soweit uns das bekannt ist, wir kennen ja nicht alle Mitglieder - tatsächlich am engsten mit ihrem Bruder zusammenarbeitet. Sie spielt schon eine besonders exponierte Rolle, gerade auch, was die Medien betrifft. Nach meinem Verständnis des derzeitigen nordkoreanischen politischen Systems gibt es aber eben nur eine Nummer eins, und alle anderen sind dieser untergeordnet. Eine Stellvertreter-Rolle wäre in diesem führerbasierten System auch schwer denkbar. Und vergessen wir nicht, dass Leute, die tatsächlich irgendwann mal zu hoch aufgestiegen sind und dem Führer zu nahe gekommen sind, ganz schnell verschwunden sind. Ich rede hier zum Beispiel von Jang Song Thaek, dem angeheirateten Onkel von Kim Jong Un. Der ist 2013 vor Gericht gestellt und dann wohl auch hingerichtet worden.

imago0079197851h.jpg

Rüdiger Frank war schon mehrfach in Nordkorea.

(Foto: imago/Future Image)

In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Gerüchte um den Gesundheitszustand von Kim Jong Un, weil er einige Zeit von der Bildfläche verschwunden war. Was ist davon zu halten?

Die Spekulationen über den Gesundheitszustand waren größtenteils sehr unsachlich und nicht faktenbasiert. Ich bin zweigeteilt, was diese Diskussion um sein Verschwinden angeht. Einerseits war es relativ plump und sinnlos, wild zu spekulieren. Andererseits halte ich es für legitim, laut darüber nachzudenken: Was wäre, wenn Kim Jong Un nicht mehr da ist? Das ist nämlich die große Schwäche eines Systems, das primär auf einen Führer aufgebaut ist. Wenn diese Person weg ist, weiß kein Mensch, wie es weitergeht. Es gibt keine etablierten Prozesse, die dann stattfinden müssen. Das heißt, es hat sich gezeigt, wie verletzlich Nordkorea letztlich als System ist und wie stark es doch von dieser einen Führerperson abhängt.

Was ist denn aus den Annäherungen zwischen Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump geworden?

Das Problem ist das zweite Treffen in Hanoi gewesen. Die Nordkoreaner sind mit vorverhandelten Ergebnissen angereist und waren dann der Meinung, das unterschreiben wir jetzt. Wie es aussieht, haben die Amerikaner quasi in letzter Sekunde in typischer Trump-Manier nochmal ihre Ansicht geändert und andere Bedingungen gefordert. Die Nordkoreaner sind aber knallhart geblieben. Seitdem sehen wir eine schrittweise Abkühlung des Verhältnisses.

Welche Bedeutung haben die USA für Nordkorea?

Es ist so, dass für Nordkorea die USA das Haupthindernis auf dem Weg zu internationalem Handel und internationalen Finanztransaktionen sind. Der Grund sind ihre direkten Sanktionen und ihr Einfluss auf Verbündete oder Wirtschaftspartner. Sie können heute so gut wie überhaupt nichts mehr mit Nordkorea machen, ohne sich sofort verdächtig zu machen. Und niemand möchte in Konflikt mit dem US-Finanzministerium geraten, weil das einem das Geschäft ruinieren kann. Und deswegen wollen die Nordkoreaner mit den Amerikanern wenigstens eine Normalisierung erreichen, weil sie im Augenblick am Welthandel nicht teilnehmen können.

Nordkorea bräuchte also gewissermaßen den "Segen" der USA, um Zugang zum Weltmarkt zu bekommen?

Momentan ist das so, ja. Aber wenn die Chinesen für sich entscheiden, dass sie vor einem Konflikt mit den USA nicht mehr weglaufen, würde es Nordkorea reichen, wenn die Chinesen ihnen ihren Markt und ihr Finanzsystem weiter öffnen würden. Nordkorea ist klein genug und China groß genug, um alles zu liefern, was die Nordkoreaner für einen Wirtschaftsaufschwung brauchen. Und dann wird das Interesse an den USA auch ganz rapide nachlassen.

Mit Rüdiger Frank sprach Kevin Schulte.

Quelle: ntv.de