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Warum Putin die Hafenstadt will Der strategische Schlüssel liegt in Mariupol

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Die belagerte Stadt Mariupol wird derzeit von russischen Truppen in Schutt und Asche gelegt.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

2014 sieht es kurzzeitig so aus, als würden russische Separatisten die strategisch wichtige Stadt Mariupol einnehmen. Doch ukrainische Einheiten halten stand und erobern ihre Stadt zurück. Nun wiederholt sich die Geschichte - dieses Mal scheint Putin um keinen Preis aufgeben zu wollen.

Kaum eine andere ukrainische Stadt steht so sehr unter Beschuss wie Mariupol. Seit Wochen wird die Stadt belagert, die Menschen haben keinen Zugang zu Wasser und Nahrung. Evakuierungen werden immer wieder abgesagt. Ein Krankenhaus wird bombardiert, eine Bombe fällt auf ein Theater, in dem nach ukrainischen Angaben rund 1000 Schutzsuchende ausharren. Der Stadtrat berichtet, dass Tausende von Einwohnern aus der Stadt verschleppt wurden. Die Stadt liegt in Schutt und Asche - und das nur, weil sie für den russischen Präsidenten Wladimir Putin offenbar eines der zentralen Ziele ist.

Allein die geografische Lage der Stadt, die vor Kriegsbeginn 430.000 Einwohner hatte, macht sie zum Ziel. Östlich der Stadt liegen die von prorussischen Separatisten kontrollierten "Volksrepubliken" Luhansk und Donezk. Westlich der Hafenstadt liegt die Krim, die von Russland völkerrechtswidrig annektiert wurde. "Die Stadt ermöglicht es, eine Landbrücke zwischen dem Separatistengebiet im Donbass und der Halbinsel Krim zu schlagen", sagt Gerhard Mangott, Professor für internationale Beziehungen und Russland-Experte an der Universität Innsbruck, im Gespräch mit ntv.de.

Seit 2014 versucht Russland, den Zugang zur annektierten Krim zu sichern. Das wohl wichtigste Projekt, um dies zu gewährleisten, war die Krimbrücke, die 2018 eröffnet wurde. In das Projekt flossen umgerechnet rund drei Milliarden Euro aus dem russischen Staatshaushalt. Die Brücke verbindet die Krim direkt mit dem russischen Festland.

In der anderen Richtung, nördlich der Krim, ist das südliche Gebiet der Ukraine ebenfalls wichtig für die Versorgung der Halbinsel. Das zeigen vor allem die Vorstöße aus dem Süden. Besonders erfolgreich rücken die russischen Truppen derzeit von der Krim aus vor - also von Süden nach Norden. Sie wollen den gesamten Streifen entlang des Asowschen Meeres einnehmen. "Und ohne Mariupol ist das kein geschlossener Streifen", sagt Mangott.

Die Isolierung der Ukraine

Die Einnahme der Stadt ist nicht nur für die Versorgung der Krim entscheidend. Mariupol ist einer der wichtigsten Ausfuhrhäfen der Ukraine. Die wichtigsten Exportgüter des Landes, Stahl und Getreide, werden hier verschifft. "Wenn Mariupol fallen würde, hätte die Ukraine keinen Zugang mehr zum Asowschen Meer", sagt Mangott.

Zudem scheint ein größeres Ziel Russlands zu sein, die Ukraine insgesamt zu isolieren: Es will nicht nur den Zugang des Landes zum Asowschen Meer, sondern auch zum Schwarzen Meer blockieren. Erst Anfang dieser Woche meldete die Ukraine zum ersten Mal Angriffe auf die Hafenstadt Odessa. Sollte die am Schwarzen Meer gelegene Großstadt in russische Hände fallen, hätte die Ukraine gar keine Meereshäfen mehr. "Dann wäre die Ukraine plötzlich ein Binnenstaat, ohne Zugang zum Schwarzen Meer und zum Asowschen Meer", sagt Mangott.

Rache an Mariupol?

Es ist nicht das erste Mal, dass Mariupol im Mittelpunkt erbitterter Kämpfe steht. Im Jahr 2014 brachen in den Vororten der Stadt Gefechte zwischen Separatisten und der ukrainischen Armee aus. Kurzzeitig erklärten die Separatisten den Sieg und nahmen die Stadt ein - doch dann wurde die Hafenstadt von ukrainischen Truppen zurückerobert.

Und das, so die ukrainische Vizeministerpräsidentin Irina Wereschtschuk, sei ein Hauptgrund für den gewaltigen Angriff auf Mariupol. Im Interview mit der französischen Zeitung "Libération", sagte sie, Putin führe eine persönliche Vendetta gegen die Bewohner von Mariupol. "Das ist eine kollektive Bestrafung dafür, dass sich die Stadtbewohner nicht unter russische Vormundschaft begeben wollten."

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Russland-Experte Mangott sieht das anders. 2014 wurde die Offensive nicht von den russischen Truppen selbst angeführt. Es waren separatistische Kräfte, die ihren Kampf um die Stadt aufgeben mussten. "Es war keine russische Niederlage", sagt Mangott. "Es ist kein Fleck auf der Geschichte der russischen Streitkräfte."

Klar ist nur, dass diese Stadt für Putin strategisch wichtig ist. Wie 2014 kämpfen ukrainische Einheiten in der Stadt gegen eine russische Besetzung. Erst vor wenigen Tagen hat Russland die Kapitulation der Stadt gefordert und von Kiew ein klares Nein erhalten. Ob sie den Widerstand aufrechterhalten können, wird sich zeigen. Aber: "Russland wird alles tun, was es für notwendig hält, um diese Stadt zu erobern", sagt Mangott. "Selbst, wenn nichts mehr übrig bleibt."

Quelle: ntv.de

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