Politik

Experte Ruttig im Interview "Die Taliban sitzen fest im Sattel"

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Viele Taliban-Kämpfer arbeiten jetzt für die Regierung - in Polizei oder Armee.

(Foto: Oliver Weiken/dpa)

Seit einem Jahr haben die Taliban wieder die Macht in Afghanistan. "Eine Gesellschaft umzubauen dauert natürlich sehr viel länger", sagt dazu Afghanist Thomas Ruttig, der selbst lange im Land gelebt hat. Doch die Taliban würden die Menschen mit physischer und politischer Gewalt zwingen, sich ihren Vorstellungen unterzuordnen. Im Interview spricht er über Parallelen zur ersten Taliban-Herrschaft, die tiefe Zäsur für Mädchen und Frauen und die Wirtschaftspolitik. "Die Taliban sind irgendwie auch Marktliberale", sagt Ruttig.

ntv.de: Sind die Taliban, die jetzt regieren, politisch und ideologisch dieselben, die von 1996 bis 2001 regiert haben?

Thomas Ruttig: Ich sehe mehr Parallelen und Kontinuitäten als Unterschiede. Kontinuitäten gibt es beim Führungspersonal: Dort gibt es viele, die schon vor 2001 in hohen Positionen gewesen sind, oder in manchen Fällen auch deren enge Verwandte. Es gibt da eine Art "dynastisches Prinzip". Beide Taliban-Stellvertreter sind Söhne von inzwischen verstorbenen hohen Taliban-Führern, der Sohn des Gründers Mullah Muhammad Omar und der Sohn von Jalaluddin Haqqani. Ein Unterschied ist, dass die Taliban seit ihrem Sturz 2001 an politischer Erfahrung hinzugewonnen haben. In ihrer jungen Generation gibt es viele gut Gebildete. Sie sind durchaus bemüht, in bestimmten Bereichen konstruktiv zu arbeiten, zum Beispiel in der Wirtschaftspolitik, oder dabei, offizielle Beziehungen mit der Außenwelt herzustellen. Allerdings steht dabei ihre Führung mit Maßnahmen im Wege, die nicht ins 21. Jahrhundert passen.

Diese Maßnahmen beruhen auf ihrer Ideologie?

Die Hauptparallele zu der Zeit vor 2001 ist für mich die Konzentration der Taliban auf ideologische Fragen und ihre Konzentration auf das islamische Recht. Gerade erklärte Taliban-Chef Hebatullah Akhundzada, nur Gottes Gesetze könnten umgesetzt werden, aber keine von Menschen gemachten. Diese Einstellung geht zulasten einer pragmatischen Politik, die eigentlich wichtig wäre in einem der ärmsten Länder der Welt, das derzeit durch zusätzliche Krisen gebeutelt wird. Und auch die Klimakrise hat in Afghanistan starke Auswirkungen.

War es naiv, zu Zeiten der Machtübernahme vor einem Jahr darauf zu hoffen, dass die heutigen Taliban gemäßigter sind?

Darauf gab es berechtigte Hoffnungen. Die Taliban sind eine breitgefächerte Organisation, in der es immer einen gewissen Spielraum für Debatten gibt. Allerdings wurde dabei übersehen, dass auch als gemäßigt geltende Taliban ihr hauptsächliches ideologisches Dogma, das Primat der Scharia, nicht infrage stellen. Zudem gab es Zeichen von Kompromissbereitschaft vor allem während der Verhandlungen mit den USA, als es noch um eine Machtteilung mit der bestehenden Regierung ging. Die USA zogen aber ab, die alte Regierung kollabierte - und danach sahen die Taliban kaum noch Anlass, Kompromisse einzugehen.

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Thomas Ruttig ist Diplom-Afghanist, er hat lange in dem Land gelebt und auch an UN-Missionen teilgenommen. Zudem ist er Mitgründer des Afghanistan Analyst Network (AAN).

(Foto: privat)

Die Taliban sind jetzt seit einem Jahr wieder an der Macht. Inwieweit haben sie es bisher geschafft, die Gesellschaft umzubauen?

Eine Gesellschaft umzubauen dauert natürlich sehr viel länger als ein Jahr. Die Taliban setzen dabei aber nicht mit auf demokratische Überzeugungsarbeit, sondern zwingen die Menschen mit physischer und politischer Gewalt, sich ihren Vorstellungen unterzuordnen.

Ein Aspekt, der im Westen besonders beobachtet wird, sind die Rechte von Frauen und zum Beispiel ihr Zugang zu Bildung. Was ist da im vergangenen Jahr passiert?

Die Machtübernahme der Taliban im vergangenen August war für Frauen und Mädchen eine besonders tiefe Zäsur. Von ihrer politischen und gesellschaftlichen Beteiligung, sowohl auf kommunaler wie nationaler Ebene, ist nichts übrig geblieben. Von Bildung sind sie mehr und mehr ausgeschlossen. Dabei ist das nicht nur für die Frauen und Mädchen selbst eine Überlebensfrage, sondern für das gesamte Land, denn wenn die Hälfte der Bevölkerung ausgeschlossen wird, kommt es nicht weit. Wo sollen die Ärztinnen für Frauen und Lehrerinnen für Mädchenschulen herkommen, wenn sie keinen Zugang zu höherer Bildung haben? Diese Frage haben die Taliban bis heute nicht beantwortet. Im Übrigen waren die Klassen an afghanischen Schulen schon immer nach Geschlechtern getrennt, es gab Schicht-Unterricht. Manche in der Taliban-Führung wollen nun aber offenbar auch getrennte Schulen durchsetzen. Das wäre ein Programm auf viele Jahre und würde so lange Bildungschancen für Mädchen generell einschränken.

Gibt es innerhalb der Taliban eine Diskussion über die schlichte Notwendigkeit von Frauenbildung?

Es gibt pragmatischere Stimmen, die sich dafür einsetzen, auch aus der Geistlichkeit. Aber die ultrakonservative Taliban-Führung hat sich dem in den Weg gestellt. Die Debatte innerhalb der Taliban geht aber weiter. Möglich wäre, dass irgendwann der Druck des Faktischen für ein Umdenken sorgt. Für viele Mädchen und Frauen käme das aber zu spät.

Nach 2001 gab es viele Frauen, die mehr Freiheiten und Bildungschancen erlebt und genutzt haben. Haben sie sich jetzt zurückgezogen oder sind sie aus dem Land geflohen?

Viele sind aus dem Land geflohen, aber der Großteil dieser Menschen ist dazu weder gewillt noch in der Lage - schon wegen der Restriktionen, die es etwa in Deutschland bei der Aufnahme gibt, gerade von Aktivistinnen und Aktivisten für Menschen- und Frauenrechte. Auf der anderen Seite darf nicht vergessen werden, dass viele Fortschritte im Bildungsbereich oder bei der Erwerbsarbeit von Frauen eher auf Städte beschränkt waren. Frauen in ländlichen Gebieten haben selten davon profitiert. Das hat auch dazu geführt, dass die Taliban dort Fuß fassen konnten, weil westliche Versprechungen in manchen Gebieten nie umgesetzt wurden. Das liegt aber nicht nur an der westlichen Politik, sondern auch an der Korruption der alten Regierung und der konservativen Einstellung bei großen Teilen der ländlichen Bevölkerung, die eine soziale Teilhabe von Frauen ablehnen.

Was ist nach der Machtübernahme im vergangenen Jahr mit den Taliban-Kämpfern passiert? Sind sie in ihre Heimatorte zurückgekehrt?

Es gibt keine größere Demobilisierung oder Abwanderungsbewegungen. Afghanistans sehr schwache Wirtschaft hätte auch kaum Aufnahmekapazitäten. Gerade im ländlichen Bereich sind die Kriegsfolgen enorm, dazu hat die Klimakatastrophe dramatische Folgen. Die Kämpfer können also gar nicht in ihre Dörfer zurückkehren. Würden sie massenhaft nach Hause geschickt, obwohl sie dort kaum überleben könnten, drohten Revolten. Das weiß natürlich auch die Taliban-Führung und versucht deswegen, die Leute als Polizisten, Armeeangehörige oder in anderer Weise weiter zu bezahlen.

Gibt es Widerstand gegen das Taliban-Regime?

Es gibt sowohl politischen als auch bewaffneten Widerstand. Beides ist allerdings relativ marginal. Die Taliban sitzen auf absehbare Zeit fest im Sattel. Den politischen Widerstand, zum Beispiel die Demonstrationen kleinerer Frauengruppen gegen die Entrechtung, haben sie schnell niedergeschlagen. Zudem sorgen ihre bewaffneten Kämpfer für eine Atmosphäre der Angst, so dass sich Menschen immer weniger zum Protest auf die Straße trauen. Andere Institutionen, auch die Zivilgesellschaft, sind nach dem Abzug der westlichen Truppen zusammengebrochen, weil die Entwicklungszahlungen eingestellt wurden.

Und militärischer Widerstand?

Der bewaffnete Widerstand gründet sich im Wesentlichen auf Kräfte des alten Regimes. Es gibt ungefähr ein Dutzend solcher Gruppen, die kleinere Anschläge verüben. Sie haben nur begrenzt und lokal Rückhalt in der Bevölkerung, wegen der Korruption der früheren Regierung oder ihrer Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen, und entwickeln sich häufig entlang ethnischer Linien. Zudem haben die Menschen nach 40 Jahren den Krieg satt. Auch innerhalb des Taliban-Regimes gab es mehrere Revolten, aber auch sie sind lokal begrenzt und wurden schnell niedergeschlagen oder eingedämmt.

Welche Rolle spielen derzeit Terrorgruppen im Land?

Es gibt den örtlichen Ableger des Islamischen Staates, ISKP, der weiterhin bewaffnet gegen die Taliban kämpft, Anschläge verübt. ISKP würde gern den Staat übernehmen - was allerdings unrealistisch ist, denn der Gruppe fehlt jegliche soziale Basis in Afghanistan. Das ist der Unterschied zu den Taliban, die immer auf traditionelle, von der Geistlichkeit beeinflusste konservative Teile der Bevölkerung zurückgreifen konnten. Ansonsten gibt es Al-Kaida und militante Gruppen, die aus Nachbarländern kommen. Die Taliban haben sie meiner Meinung nach aber relativ sicher im Griff. Sie haben auch kein Interesse, dass erneut von Afghanistan aus Anschläge ausgeführt werden, denn man will nicht erneut die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Afghanistan erlebt derzeit verschiedenste Krisen: eine Hungerkatastrophe, die schwache Wirtschaft, die Erdbeben der vergangenen Monate. Können die Taliban damit umgehen?

Die Taliban versuchen zu reagieren, auch über ihre regionalen Behörden. Aber sie sind genauso wenig in der Lage, umfangreich und umfassend Hilfe zu leisten, wie es die vorhergehende Regierung gewesen wäre. Sie sind also auf internationale Unterstützung angewiesen und hier gibt es realistischere Ansätze in ihrer Praxis: Sie arbeiten mit der UNO und mit Hilfswerken zusammen, die oft schon seit Jahrzehnten im Land tätig sind. Humanitäre Gelder fließen auch aus dem Westen weiter nach Afghanistan, in konkreten Krisen kann also geholfen werden. Allerdings werden so deren Ursachen nicht behoben. Das heißt letztlich, dass Afghanistan sich von Jahr zu Jahr, von Krise zu Krise hangeln muss. Das kann auch nicht im Interesse der internationalen Gemeinschaft sein.

Wo liegen die Ursachen der tiefen Wirtschaftskrise?

40 Jahre Krieg haben zu einer Verarmung großer Teile der Bevölkerung geführt. Dann verschärfte der westliche Abzug die Situation, der sich über mehrere Jahre hinzog. Wichtige Sektoren der afghanischen Wirtschaft waren abhängig von der Anwesenheit der internationalen Soldaten und brachen nach 2014 zusammen, als der IASF-Einsatz endete. Damit gingen auch die Entwicklungsgelder aus dem Ausland zurück und viele Arbeitsplätze, auch in der Zivilgesellschaft und bei Hilfsorganisationen brachen weg. Nach dem überstürzten Restabzug im vorigen August und der Taliban-Machtübernahme wurden sie ganz eingestellt und große Teile des Gesundheits- und Bildungssektors konnten nicht mehr bezahlt werden, weil sie aus dem Ausland finanziert wurden. Hinzu kommt die Klimakrise, Afghanistan ist überdurchschnittlich von der Klimaerwärmung und damit Austrocknung betroffen. Die Landwirtschaft, die wirtschaftliche Basis des Landes, wird dadurch erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Dem kann man nur mit langfristigen Entwicklungsprogrammen begegnen.

Haben die Taliban eine Wirtschaftsstrategie?

Die gibt es ansatzweise. So komisch sich das anhört: Die Taliban sind irgendwie auch Marktliberale. Sie lassen den Privatsektor, der das Land über viele Jahrzehnte durch die Krisen gebracht hat, weiter wirtschaften. Zudem ist der Krieg beendet und die Wirtschaftstätigkeit lebt wieder auf. Zum Beispiel wird mehr exportiert. Die Taliban gehen auch hart gegen Korruption vor, wodurch die Staatseinnahmen ansteigen. Insgesamt wirtschaftet Afghanistan aber immer am unteren Ende des Überlebensspektrums und jede neue, zusätzliche Krise kann das Land in eine Katastrophe stürzen.

Mit Thomas Ruttig sprach Markus Lippold

(Dieser Artikel wurde am Montag, 15. August 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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