Politik

Showdown in Frankreich Madame Verbissen gegen Monsieur Gönnerhaft

Frankreich entscheidet am kommenden Wochenende zwischen Macron und Le Pen und damit auch über das Schicksal Europas. Die einzige TV-Debatte vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen ist ein Straßenfeger.

Besonders spannend ist, was kurz vor der Debatte geschieht: Da pudern die Maskenbildnerinnen an den Kandidaten herum, und während Marine Le Pen verbissen ihre Notizen durchgeht, scherzt und plaudert Emmanuel Macron mit den Umstehenden.

Das gibt den Ton an für die nächsten fast drei Stunden. Eigentlich waren nur zweieinhalb geplant, doch die Moderatoren überziehen, und die Kandidaten lassen es zu.

Vor fünf Jahren ging die gleiche Konstellation katastrophal aus für Le Pen. Sie war nicht angriffslustig, sie war aggressiv, ihre Stimme überschlug sich, sie machte grobe inhaltliche Fehler. Seither scheint sie trainiert zu haben. In der Debatte gestern Abend wirkt sie konzentriert, fährt nicht aus der Haut und vermeidet inhaltliche Fehler - auch, weil sie sich zwischendurch ständig Notizen macht und immer wieder darin nachschaut, was sie durchaus verbissen wirken lässt.

Macron dagegen macht nicht eine Notiz. Stattdessen changiert er zwischen Schuljunge und kokettem Monsieur. Wenn er das Kinn auf die Hand stützt und Le Pen fast träumerisch anschaut, wirkt er genau so arrogant, wie ihn viele Franzosen sehen. Gönnerhaft wirkt das, und es kommt nicht gut an.

Le Pen gibt sich als Kümmerin

Und inhaltlich? Le Pen hat den Imagewandel vollzogen, sich von Rechtsaußen losgesagt, ihre Partei von "Front National" umbenannt in "Rassemblement National", nationale Versammlung, das klingt weniger rechtsextrem. Sie selbst gibt die bürgernahe Kümmererin. "Ich kenne das französische Volk gut, seit vielen Jahren. Ich möchte die Präsidentin des Alltags sein." Eine, die sich um gute Bezahlung, die Krankenversorgung, die Schulen kümmert. Das kommt an in einem Volk, das sehr unter steigenden Preisen leidet. Le Pen will die Mehrwertsteuer senken, das soll den Bürgern 200 Euro pro Monat und Haushalt mehr lassen.

*Datenschutz

Macron verweist auf seine Bilanz: "Es gab so viele Krisen, die Pandemie, nun der Krieg in Europa." Er will sagen: Ich habe das alles gemanagt. Immer wieder spricht er über Ökologie, will Frankreich zur führenden Energiewende-Nation machen - in Frankreich stützt die Atomkraft die neuen Technologien und hält die Preise niedrig. Bei diesem Thema ist Le Pen blank, ihre Partei hat in Sachen Ökologie nichts zu melden. Hier kann er linke Wähler einsammeln.

Und er betont immer wieder das deutsch-französische Tandem, will Europa stärken, denn Frankreich funktioniere nur in der EU. Le Pen weist das zurück, etwa beim europäischen Strommarkt. Deutschland habe die Preise versaut, kaufe teuer ein, sei abhängig von Russland. Sie verhakt sich in den Zahlen - und Macron retourniert, was denn die Bauern sagen würden, wenn Frankreich der EU die kalte Schulter zeige. Die seien schließlich sehr gut dran mit den EU-Subventionen. Rums, das sitzt.

Le Pen malt schwarz, Macron hält dagegen

Ich schaue die Debatte in Rouen in der Normandie, hier habe ich am Tage in kleinen Dörfern mit Wählern gesprochen. Doch nun, kurz nach zehn, ist niemand mehr zu sehen auf der Straße, stattdessen glimmen in den Wohnungen ringsum die Fernseher - die einzige TV-Debatte vor der Stichwahl am kommenden Sonntag ist ein Straßenfeger.

Beim Thema Russland setzt Macron den nächsten Wirkungstreffer: Le Pen habe viel Geld aus Russland bekommen. Ihre Fotos mit Putin verfolgen sie, ebenso wie ihre einstigen "Liebeserklärungen" an den Diktator in Moskau.

Was auffällt: Spricht Le Pen über Frankreich, malt sie schwarz: Nichts funktioniere, Altenheime, Schulen, wo seien denn die großen Startups? Macron hält dagegen: Frankreich habe die besten jungen Unternehmer, und die brauchten die EU - wo sonst hätten sie einen so großen Markt? Er zeichnet das Bild eines wachsenden und kreativen Landes.

"Ich bin eben älter geworden", sagt Le Pen

Ihre Dystopie, seine Utopie: Beides sind Zerrbilder, doch man möchte lieber Macrons Bild glauben - und Macrons Bild wählen.

Am Ende sehen die Zuschauer den Amtsinhaber vorne: 59 Prozent finden ihn überzeugender, 39 Prozent Le Pen. Klar ist: Fast drei Stunden Debatte sind zu lang, beide wirken irgendwann unkonzentriert und das Gespräch verliert sich in Details. Da können einem die Gebärdensprecher leidtun, die jeden Satz übersetzen müssen.

Irgendwann sagt Macron: "Sie sind so diszipliniert geworden, Madame Le Pen." Sie lacht kokett und sagt: "Ich bin eben älter geworden."

Am Ende sagt Le Pen: "Wenn ich gewählt werde, will ich ein Referendum abhalten zur Migration." Doch wie sie das sagt, da wirkt es so, als würde sie schon selbst wissen, dass sie eben nicht gewählt wird. Zum dritten Mal dann.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen