Politik

"Klartext" mit Scholz im ZDF "Mein Staatssekretär twittert viel"

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Scholz wirkte bei seinem Auftritt im ZDF wie ausgewechselt.

(Foto: imago images/photothek)

Mit einer weiteren Ausgabe der Sendung "Klartext" im ZDF beginnt die zweite Woche der Kanzlerkandidaten bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern. Dabei ist diesmal der SPD-Kandidat Olaf Scholz zu Gast. Der zeigt sich von einer Seite, die er bisher verborgen hat.

Es war eine Überraschung, die viele Zuschauer so nicht erwartet haben dürften. In der zweiten Woche der Kanzlerkandidaten bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern präsentierte sich Olaf Scholz von der SPD am Dienstagabend im ZDF. Scholz wirkte dabei wie verwandelt. Die Zuschauer erlebten einen Kandidaten, der erstmals so wirkte, als habe er Lust auf Kanzler. Er war locker, bekam Applaus, versprach zwei Gästen seine Hilfe. Scholz wirkte wie ausgewechselt: Er interessierte sich für die Probleme der Fragesteller, sprach die Gäste direkt an. Nur da, wo es nottat, zeigte er die für ihn typische nordische Ruhe.

Wie schon am vergangenen Donnerstag, als Armin Laschet beim ZDF zu Gast war, wurde die Sendung live aus Berlin übertragen. Das Moderatorenduo Bettina Schausten und Peter Frey hielt sich zurück und überließ die Fragen dem Publikum. Viel Neues war dabei nicht zu erwarten, einige interessante Aussagen gab es dann aber doch.

Zum Beispiel zu seinem Staatssekretär Wolfgang Schmidt. Der soll nach den Durchsuchungen im Finanzministerium am Sonntag Teile des Gerichtsbeschlusses auf Twitter veröffentlicht haben. Nun hat die Staatsanwaltschaft Osnabrück Ermittlungen gegen ihn aufgenommen. Laut Scholz hat das für Schmidt zunächst keine Konsequenzen. "Mein Staatssekretär twittert viel, ich kann nicht nachvollziehen, was der da macht", erklärte er. Schmidt habe ihm gesagt, der Tweet sei rechtlich in Ordnung. Die Angelegenheit werde nun in einem Verfahren geprüft.

"Guten Abend, lieber Olaf"

In der Diskussion ging es kurz nach Beginn schon zur Sache. Da war zum Beispiel der junge Mann, der sich bei einem Zukunftsgespräch in Leipzig mit Scholz unterhalten hatte und gleich mal zum freundschaftlichen Du überging. Er beklagte sich darüber, dass so viele Arbeitslose kein Vertrauen zum Jobcenter hätten, das ihm, dem Fragesteller, ohne ersichtlichen Grund die Leistungen gekürzt habe.

Scholz, der bei seiner Antwort das Du vermied, zeigte Verständnis für den Fragesteller. Die SPD wolle ein Bürgergeld einführen, sagte er. Die Menschen sollten sich durch die Jobcenter unterstützt fühlen. Sie sollten zum Beispiel durch Weiterbildungsmaßnahmen gefördert werden. Dem Fragesteller reichte die Antwort nicht aus. Was denn passieren würde, solange es das Bürgergeld noch nicht gebe, fragte er. Das sei zwar eine große Reform, aber die werde gleich nach der Wahl angepackt, und so lange würde die Einführung gar nicht dauern, meinte Scholz.

Den ersten Applaus der Sendung gab es für eine Potsdamerin, die ihr Geld durch den Kauf von Wirecard-Aktien verloren hatte. Die "Financial Times" habe schon Anfang 2019 über Unregelmäßigkeiten bei dem Unternehmen berichtet. Warum Scholz nicht rechtzeitig gehandelt habe, wollte die Frau wissen. Das sei eine Katastrophe.

Scholz verwies auf bereits beschlossene Gesetzesänderungen, die unter anderem der Finanzaufsichtsbehörde BaFin mehr Möglichkeiten gebe, Unternehmen zu prüfen. "Ich bin mit Ihnen betrübt, dass Ihr Schaden nicht mehr gutgemacht werden kann. Aber wenn so was passiert, müssen wir das verdammt noch mal zum Anlass nehmen, richtig harte gesetzliche Reformen zu machen. Das haben wir getan", sagte Scholz.

"Das Sofortprogramm gilt sofort"

Applaus gab es im Laufe der Sendung auch für eine Kinderärztin, die das Leid der Kinder nach der Corona-Krise schilderte. "Ich habe Angst", sagte sie. Sie habe noch nie so viele Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten gesehen. Viele Kinder seien traurig, depressiv, ängstlich. Jugendliche hätten Selbstmordgedanken. Nun müsse den Kindern, die unter Corona besonders gelitten hätten, geholfen werden. "Jetzt sind kreative Ideen notwendig", sagte sie.

Das sah Scholz auch so. "Wir müssen alles dafür tun, dass es keine Einschränkung des Präsenzunterrichts mehr gibt", sagte er. Kinder müssten sich wieder treffen können. Außerdem sei bereits ein Sofortprogramm verabschiedet worden, das schon jetzt gelte. Der Bund stelle den Ländern Geld für den Bildungsbereich zur Verfügung. Die hätten diese Hilfe jedoch bisher kaum abgerufen.

Applaus für Scholz gab es natürlich auch, zum Beispiel, als ein junger Zuschauer fragte, was Scholz denn speziell für Jugendliche tun wolle. Da kam er dann richtig in Fahrt. Er wolle das Wahlalter auf 16 Jahre senken, den Übergang von der Schule zur Berufsausbildung erleichtern und vor allem die Gehälter für Auszubildende erhöhen. Das Wichtigste sei jedoch, den Klimawandel aufzuhalten.

"Bitte vergessen Sie die Frauen in Afghanistan nicht"

Kurz vor Schluss gab es den emotionalsten Augenblick der Sendung. Da meldete sich eine 17-jährige Afghanin zu Wort. Sie habe zehn Jahre in Afghanistan gelebt, sagte sie. Die Menschen dort würden unterdrückt, besonders die Frauen. "Ihre Stimme wird erstickt. Das sind meine Landsleute. Das ist praktisch meine Familie", erklärte sie. Ihre Stimme brach fast, als sie Scholz direkt ansprach: "Die Menschen in Afghanistan haben Angst, vergessen zu werden. Ich bitte Sie: Vergessen Sie sie nicht!"

Das ließ auch Olaf Scholz nicht kalt. "Wir dürfen jetzt nicht sagen, das Kapitel ist zu Ende." Er versprach Hilfe für die Menschen, "die die Hoffnung hatten auf ein besseres Leben, auf mehr Bildung, auf mehr Rechte für Frauen."

Hat die Sendung Scholz genützt? Nach einer vergleichsweise spannenden Diskussion könnte es ihm gelungen sein, den einen oder anderen unentschlossenen Wähler auf seine Seite zu ziehen. Sein direkter Gegner Armin Laschet wird es schwer haben, am heutigen Mittwoch im Ersten das Ruder noch herumzureißen. Auf der anderen Seite war dieser Wahlkampf schon für sehr viele Überraschungen gut.

Quelle: ntv.de

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