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Rechte auf dem Vormarsch "Populisten halten sich für Demokraten"

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AfD-Anhänger in Bayern demonstrieren gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Kerngedanke des Populismus ist einfach, seine Anhänger sind es nicht. Im Interview mit n-tv.de erklärt Politikpsychologe Thomas Kliche das Phänomen - und warum sich Rechtspopulisten das Wir-Gefühl zunutze machen.

n-tv.de: Geert Wilders hat mit seiner Partei PVV bei den Wahlen in den Niederlanden als zweitstärkste Partei abgeschnitten. Auch in Deutschland und Frankreich sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Gibt es dafür eine Erklärung?

Thomas Kliche: 2015 war ein Jahr tiefer Erschütterung für den Westen. Terror und TTIP, Griechenland-Schulden, Umweltgipfel und die Fluchtbewegungen haben uns klargemacht: Die Zukunft steht auf dem Spiel. Wir müssen uns für Wohlstand und Sicherheit einsetzen, wir müssen uns verantwortlich um Politik und Wirtschaft kümmern. Gerechtigkeit und Zusammenhalt sind lebenswichtig für eine gute Lebensweise - auch global. Wir müssen unsere Lebensweise langfristig umbauen, um mit den weltweiten Krisen, Spekulationsströmen und Umweltgefahren klarzukommen.

Lässt sich der Erfolg mit bloßer Angst in der Bevölkerung erklären?

Nein, die Verunsicherung ist Ausdruck einer grundlegenden Weichenstellung und erfasst alle. Denn als Antworten auf die Krise gibt es drei Wege. Erstens: Ausgrenzung, also Populismus. Zweitens: ohne großen Plan weiterbasteln, also Merkels pragmatischer Konservatismus. Drittens: unsere Gesellschaft nachhaltig und solidarisch umbauen, die weltweite Verflechtung aller Menschen begreifen, Europa international handlungsfähig machen.

Wie kann diese dritte Möglichkeit umgesetzt werden?

Der dritte Weg ist auf mehrere Parteien, die Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Umweltverbände zersplittert, er muss eine gemeinsame Plattform finden. Bis dahin flüchten Menschen, die einfache Antworten suchen, in den Populismus, und der ist seitdem international auf dem Vormarsch.

Stimmt die Regel: Je niedriger das Bildungsniveau der Wähler, desto höher ist die Begeisterung für Rechtspopulisten?

Jein. Die AfD speist sich aus mehreren Motivationsgruppen. Erstens: überzeugte Rechtsextreme und Rassisten. Die haben meist keine glänzenden Bildungserfolge vorzuweisen. Zweitens: enttäuschte CDU-Wähler, die ihre Partei wieder nach rechts drängen wollen, besonders in der Familien-, der Flüchtlings- und der Kulturpolitik. Drittens: Menschen, die großen Änderungsbedarf sehen und dafür auch das Risiko mit seltsamen politischen Bettgefährten eingehen. Viertens: in Ostdeutschland noch eine besondere Gruppe von Menschen, die einen Hebel suchen, damit endlich Schwung in die Plan- und Perspektivlosigkeit ihrer Region kommt.

Was haben rechtspopulistische Anhänger gemein?

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Prof. Dr. Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sie alle finden in der Ausgrenzung einen akzeptablen Weg für ihre Anliegen. Viele Populisten haben tatsächlich oft wenig Kenntnisse und Bildung, gerade in der rechtsextremen Fraktion. Daher besteht im Populismus ein tiefes Misstrauen gegen Presse, Tatsachen, Quellenvergleiche, Wissenschaft. Diesen sogenannten Interdiskurs als Orientierungsrahmen lehnt der Populismus ab.

Wie sehen das Populisten?

Der Populismus igelt sich in seiner eigenen, einfachen Geschichte ein: Die Fremden, das Ausland und verräterische Eliten sind schuld. Dieser Kerngedanke ist einfältig, aber seine Unterstützer müssen es nicht sein. Populismus ist keine Partei, sondern eine rechtsextrem offene soziale Bewegung mit vielen Gesichtern und Strömungen und einer Reihe schlauer Leute, die für das rasche Lernen und Vorankommen dieser Bewegung und für ihre Vernetzung sorgen.

Sind Anhänger von PVV, AfD und Front National also nicht per se rassistisch oder antidemokratisch?

Viele Populisten halten sich ja sogar für die eigentlichen Demokraten. Sie glauben, für das Volk zu sprechen. Aber wer Populismus unterstützt, sucht kollektiven Egoismus und nimmt Ausgrenzung und Menschenverachtung in Kauf. Mitläufer sind dabei nicht besser, nur feige, aufgewühlt, bequem oder kurzsichtig. Die Hitler-Wähler waren kaum alle gläubige Nazis - sie sind trotzdem für Völkermord und Krieg verantwortlich.

Wie passen Populismus und Demokratie zusammen?

Schlecht. Im Populismus steckt ein Verschmelzungs- und Größentraum, eine symbiotische Fantasie: Wir sind das gute Volk, wir spüren die Wahrheit, unser Führer fühlt das Gleiche wie wir und setzt unseren Willen ohne langes Gequatsche und faulen Kuhhandel gleich in die Tat um, das ist gute Politik. Solche Fantasien sind für die frühe Kindheit bezeichnend, sie sind unrealistisch, aber auch antidemokratisch.

Können Wilders, Marine Le Pen und Frauke Petry den Hoffnungen ihrer Anhänger auf eine stabile Wirtschaft und eine bessere Sicherheitslage bei einem Wahlerfolg gerecht werden?

Im Gegenteil: Wirtschaft ist vielschichtig, Ausgrenzung ist simpel. Wer geschickt simples Denken verkauft, steuert komplexe Systeme nur zufällig mit Erfolg, denn er steckt in groben Schablonen und den Erwartungen seiner Anhänger fest. Man kann um manche Länder vielleicht Mauern bauen, aber die sind halt nicht gut für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze, meist nicht mal für die Sicherheit.

Genügt denn zufälliger Erfolg den Wählern?

Populisten brauchen keine soliden Erfolge, sie versorgen ihre Anhänger ja zuerst mal mit Gefühlserlebnissen. Das zeigen uns Trump und Erdogan. Wenn die Dinge schieflaufen, ist die Presse schuld oder Verschwörungen oder das Establishment oder die Gerichte und die Gesetze bremsen einen aus oder die Weichlinge haben nicht mitgezogen - und die Populisten brauchen ja überall Koalitionspartner. Der Kern von Populismus ist die Wir-Die-Unterscheidung, die kann man den Anhängern in Misserfolg und Krisen sogar noch tiefer einprägen.

Mit Thomas Kliche sprach Lisa Schwesig

 

Quelle: n-tv.de, Thomas Kliche

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