Politik

Der Kriegstag im Überblick Russische Truppen ziehen aus Charkiw ab - Putin warnt Finnland vor NATO-Beitritt

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Ukrainische Soldaten in einem Dorf bei Charkiw, das sie von den russischen Truppen zurückeroberten.

(Foto: dpa)

Bei einem Telefonat warnt Russlands Präsident Putin seinen finnischen Amtskollegen Niinströ vor einem NATO-Beitritt. Die Türkei knüpft die Aufnahme des Landes in das Militärbündnis an eine Bedingung. Kiew meldet den Rückzug russischer Truppen aus Charkiw. Der 80. Kriegstag im Überblick.

Russische Truppen in Charkiw zurückgedrängt

Der ukrainischen Armee gelang es nach eigenen Angaben, die russischen Truppen aus der nördlichen Stadt Charkiw zu vertreiben - die für Moskau ein vorrangiges Ziel gewesen war. In der Region Charkiw "konzentrieren sich die Bemühungen des Feindes vor allem darauf, den Rückzug seiner Einheiten aus der Stadt Charkiw sicherzustellen", sagte ein Sprecher des ukrainischen Generalstabs. Der Gouverneur der Region Charkiw, Oleg Synegubow, erklärte unterdessen in einem Video auf Telegram, dass die ukrainischen Streitkräfte einen Gegenangriff in Richtung der nordöstlichen Stadt Isjum unternähmen.

Nach Einschätzung des in den USA ansässigen Institute for the Study of War, ein Thinktank für Verteidigungsfragen, scheinen die Ukrainer "die Schlacht von Charkiw gewonnen zu haben". "Die ukrainischen Streitkräfte haben die russischen Truppen daran gehindert, Charkiw einzukesseln, geschweige denn einzunehmen, und sie dann aus der Umgebung der Stadt vertrieben." So hätten sie das auch schon beim Kampf um die ukrainische Hauptstadt Kiew gemacht.

Mit heftigem Widerstand bremsten die ukrainischen Truppen nach eigenen Angaben auch den russischen Vormarsch im Osten des Landes ab. Die Soldaten hätten die Versuche des Gegners zurückgeschlagen, einen Fluss zu überqueren und die Stadt Sewerodonezk einzukesseln, teilte der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj, mit. "An der Grenze zur Region Donezk, auf der Seite der Stadt Popasna, wird derzeit heftig gekämpft", erklärte Gajdaj. Nach Angaben des Gouverneurs erlitten die russischen Truppen schwere Verluste an Soldaten und Ausrüstung. Aus abgehörten Telefongesprächen habe die ukrainische Seite erfahren, "dass ein ganzes russisches Bataillon sich geweigert hat, anzugreifen, weil sie gesehen haben, was passiert".

Luftaufnahmen zeigten Dutzende von zerstörten Panzerfahrzeugen am Flussufer sowie zerstörte Pontonbrücken. Die russischen Truppen hätten schwere Verluste erlitten, nachdem die ukrainischen Streitkräfte ihren Versuch der Überquerung des Flusses zurückgeschlagen hätten, teilte das britische Verteidigungsministerium mit. Das Manöver spreche "für den Druck, unter dem die russischen Befehlshaber stehen, ihre Operationen in der Ostukraine voranzubringen". Das Ministerium erklärte, dass die russischen Streitkräfte "trotz der Konzentration ihrer Kräfte in diesem Gebiet keine nennenswerten Fortschritte gemacht haben".

Putin spricht von "Fehler"

In einem Telefonat mit Finnlands Präsident Sauli Niinistö hat Kreml-Chef Wladimir Putin den geplanten NATO-Beitritt Helsinkis als Fehler bezeichnet. Von Russland gehe keine Bedrohung für das Nachbarland aus, betonte Putin nach Kreml-Angaben bei dem Gespräch. Finnlands Abkehr von der traditionellen Neutralität werde zu einer Verschlechterung der bislang guten nachbarschaftlichen Beziehungen führen, warnte er. Das Gespräch sei auf Initiative des finnischen Präsidenten zustande gekommen, um die Entscheidung für den NATO-Beitritt angesichts der russischen Invasion in die Ukraine zu erläutern, heißt es aus Helsinki. "Das Gespräch war offen und direkt, wurde aber ohne Verschärfung geführt. Es galt als wichtig, Spannungen zu vermeiden", sagte Niinistö laut der Webseite des finnischen Präsidialamts. Die finnische Staatsführung hatte am Donnerstag erklärt, den Weg für einen NATO-Beitritt freimachen zu wollen.

Türkei fordert Gespräche über PKK

Die Türkei hat ihre Vorbehalte gegen eine Aufnahme Finnlands und Schwedens in die NATO bekräftigt, gleichzeitig aber Gesprächsbereitschaft signalisiert. Sein Land sei immer für eine "Politik der offenen Tür" gewesen, sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Finnland und Schweden unterstützten jedoch "Terrororganisationen" wie die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die Kurdenmiliz YPG in Syrien. Außerdem habe es wegen des türkischen Kampfes gegen diese Gruppierungen Exportbeschränkungen gegeben für Rüstungsgüter, die von der Türkei aus dem Ausland bezogen würden. Die Mehrheit der türkischen Bevölkerung sei daher gegen eine Aufnahme dieser beiden Staaten in die NATO, "und sie rufen uns dazu auf, diese zu blockieren", sagte Cavusoglu. Über diese Dinge werde man reden müssen - "mit unseren Verbündeten in der NATO ebenso wie mit diesen Staaten".

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte zuvor mit ablehnenden Äußerungen zu einem möglichen NATO-Beitritt von Finnland und Schweden für Unruhe im Bündnis gesorgt. "Derzeit beobachten wir die Entwicklungen bezüglich Schwedens und Finnlands, aber wir haben keine positive Meinung dazu", sagte er. Skandinavische Länder seien geradezu "Gasthäuser für Terrororganisationen" wie die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK.

G7 wollen notfalls jahrelang Waffen liefern

Deutschland und die anderen G7-Staaten wollen den ukrainischen Streitkräften notfalls noch jahrelang Waffen und andere militärische Ausrüstung für den Kampf gegen die Angreifer aus Russland liefern. "Wir werden unsere laufende Militär- und Verteidigungshilfe für die Ukraine so lange wie nötig fortsetzen", heißt es in einer von den Außenministern der Gruppe der führenden demokratischen Industrienationen (G7) verabschiedeten Erklärung. Außenministerin Annalena Baerbock betonte zum Abschluss von Beratungen in Schleswig-Holstein auch die politische Unterstützung durch die G7-Staaten. "Grenzveränderungen, die Russland mit militärischer Gewalt erzwingen will, werden wir niemals anerkennen", sagte sie.

Mit Blick auf die blockierten ukrainischen Häfen sagte Baerbock, man prüfe derzeit Alternativen zum Schiffstransport von Getreide aus der Ukraine, um die russische Blockade in diesem Bereich zu brechen. Nachdem es beim Schienentransport über Rumänien Probleme gebe, prüfe man etwa die Ausfuhr über die baltischen Häfen. Es müssten jedoch zunächst die Voraussetzungen geklärt werden, wie die dortigen Häfen erreicht werden könnten. In den ukrainischen Häfen lagerten 25 Millionen Tonnen Getreide.

Der frühere russische Staatschef Dmitri Medwedew reagierte mit Sarkasmus und Kritik auf die Erklärung der G7-Staaten. "Sanft ausgedrückt: Unser Land pfeift auf die Nichtanerkennung der neuen Grenzen durch die G7", kommentierte er auf Telegram. Die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa attackierte auf Telegram Baerbock mit Blick auf die Gefahr einer weltweiten Hungerkrise. Die Preise stiegen wegen der westlichen Sanktionen, schrieb sie. "Wenn man das nicht versteht, ist das entweder ein Zeichen von Dummheit oder für die bewusste Irreführung der Öffentlichkeit."

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Quelle: ntv.de, chf/dpa/AFP

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