Politik

Chaos, Angst und Mangel im NHS So hart trifft Corona die Briten

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Kritiker sehen einen "nationalen Skandal": Der NHS ist schlecht vorbereitet auf die Corona-Pandemie.

(Foto: REUTERS)

Die Lage in Großbritannien ist dramatisch: Pfleger und Ärzte bereiten sich auf Todesfälle vor, in einem Brandbrief an den Premier warnen sie: "Patienten sterben, Mitarbeiter des Gesundheitssystems sterben. Es ist Zeit zu handeln." Und wer zu laut klagt, dem droht die Entlassung.

Manchmal offenbart sich das ganze Ausmaß einer Tragödie an Kleinigkeiten. Etwa, wenn in diesen Tagen ausgerechnet ein Online-Händler für Fetischisten einem britischen Krankenhaus medizinische Schutzkleidung spendet. Auch wenn es nur einige Sets von Wegwerfkitteln waren - im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie zählt jede Gabe. Besonders beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS.

Einher ging die Spende allerdings mit dem Zorn des Händlers: "Wenn jemand aus der Regierung sagt, dass der NHS alles bekommt, was er braucht, ist das eine LÜGE", twitterte MedFetUK. Sie seien von verzweifelten Mitarbeitern des NHS angefragt worden. Wenn eine winzige Firma dem staatlichen Gesundheitsdienst in der Krise helfen müsse, zeige dies, dass etwas ernsthaft nicht stimme. "Tatsächlich ist das skandalös."

Inzwischen dämmert auch vielen Briten, dass etwas nicht stimmt - und dass das Coronavirus den NHS schon jetzt überfordert. Die Zahl der Toten stieg auf fast 1800, mehr als 25.000 Menschen wurden bis Dienstagabend in Großbritannien positiv auf das Virus getestet. Dass diese Zahl noch verhältnismäßig niedrig ausfällt, ist wohl schlicht einer Tatsache zu verdanken: Es gibt kaum Tests. Schon vor drei Wochen versprach die Regierung, rund 10.000 Mal am Tag zu testen - was ihr bis jetzt nicht gelingt. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es täglich rund 70.000 Tests.

Wenn die Pandemie Großbritannien nun mit voller Wucht trifft, stößt sie auf ein nach jahrelangen Einsparungen gebeuteltes Gesundheitssystem. Schon vor dem Brexit fehlten dem NHS rund 100.000 Pfleger und Ärzte, inzwischen dürften noch etliche EU-Ausländer das Land verlassen haben. Die Krise wird auch dadurch verschärft, dass sich ein großer Teil des medizinischen Personals infiziert hat. Wie die Ärzteorganisation Royal College of Physicians mitteilte, ist jeder vierte Mediziner des NHS inzwischen "krank oder in Isolation". Der Krankenstand bei Pflegern und Ärzten liege bei "30 Prozent, 40 Prozent und an manchen Orten sogar 50 Prozent", sagte NHS-Vertreter Chris Hopson in der vergangenen Woche der BBC. Dieses Ausmaß sei "beispiellos".

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Mittlerweile erklärten sich zwar rund 20.000 ehemalige NHS-Angestellte bereit, in der Krise auszuhelfen. Außerdem rekrutiert die Regierung Flugbegleiter, die gerade beschäftigungslos sind. Doch ob Stewardessen die Not auch nur ansatzweise lindern können, ist zweifelhaft.

Brandbrief an den Premier: "Es ist Zeit zu handeln"

Hinzu kommt: Die Ausrüstung in vielen Kliniken, Arztpraxen und Pflegeheimen ist desolat. Inzwischen haben sich Pfleger und Ärzte an Premierminister Boris Johnson gewandt, wie die "Times" berichtet. "Patienten sterben, Mitarbeiter des Gesundheitssystems sterben. Es ist Zeit zu handeln", heißt es in dem Brandbrief, der innerhalb von 36 Stunden mehr als 20.000 mal unterschrieben wurde. Um neue Infektionen zu vermeiden, fordern die Unterzeichner Johnson auf, dafür zu sorgen, dass das medizinische Personal ordentlich geschützt ist. Die Regierung beharrt bislang darauf, dass es genügend Schutzausrüstung gebe.

Zugleich wird medizinisches Personal, das die desolate Lage anprangert, massiv unter Druck gesetzt. Die "Times“ zitiert den Vorsitzenden der britischen Ärztevereinigung, Rinesh Parmar, der derzeit zahlreiche besorgte Emails erhält. In diesen beklagten die Menschen, "ihnen werde gesagt, dass sie ihren Job verlieren, wenn sie etwas in den Sozialen Medien posten". Es fühle sich an, als würden all diese Sorgen "auf taube Ohren stoßen".

Dabei mangelt es fast an allem. In ganz Großbritannien gibt es gerade mal 8000 Beatmungsgeräte, nun soll der Staubsaugerhersteller Dyson in die Produktion einsteigen. Wie der "Guardian" unter Berufung auf ein durchgestochenes Papier schreibt, sind in Nordirland von 33 Erzeugnissen zum Schutz gegen das Coronavirus zurzeit 32 nicht lieferbar.

Pfleger verfassen Briefe für den Todesfall

In anderen Gegenden Großbritanniens ist die Lage kaum weniger angespannt. Schon vor Wochen gab es Berichte, dass sich Krankenschwestern aus Müllbeuteln Schutzkleidung basteln. Das Wissenschaftsmagazin "The Lancet" bekommt täglich Zuschriften von Ärzten, die Covid-19-Patienten ohne ausreichenden Schutz untersuchen. Andere berichten, dass sie etwa Masken, die sie früher einen Tag trugen, nun fünf Tage benutzen müssen.

Laut einer Krankenschwester aus Wales halten Mitarbeiter im Gesundheitsdienst für den Fall ihres Todes bereits schriftlich fest, dass sie ohne adäquate Schutzausrüstung arbeiten müssten. Diese Briefe seien eine Vorsorgemaßnahme, damit ihre Angehörigen bei späteren Auseinandersetzungen mit Versicherungen oder bei Prozessen genug Entschädigung bekämen, sagte Libby Nolan dem "Guardian". Sie beklagte insbesondere den Mangel an Schutzbrillen und Masken und fügte hinzu: "Man würde ja auch keine Feuerwehrleute ohne Apparate in ein brennendes Feuer schicken."

Dabei muss sich die britische Regierung den Vorwurf gefallen lassen, im Kampf gegen die Pandemie wertvolle Zeit verschwendet zu haben. Lange zögerte Johnson damit, harte Maßnahmen, wie sie bereits in anderen europäischen Ländern griffen, zu beschließen. Der Mangel an Vorbereitung und das verspätete Ergreifen von Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus sei ein "nationaler Skandal", kritisiert nun Richard Horton, Chefredakteur bei "Lancet". Bereits Ende Januar hätten Mediziner aus China in der Zeitschrift vor einer globalen Pandemie gewarnt. Der Februar hätte dazu genutzt werden können, den Gesundheitsdienst vorzubereiten. Doch das sei nicht geschehen.

NHS "vollkommen unvorbereitet"

Die Folgen seien Chaos und Panik, beklagt Horton. Der NHS sei "vollkommen unvorbereitet" auf den sprunghaften Anstieg von schwer und schwerst erkrankten Patienten. "Patienten werden unnötig sterben. NHS-Mitarbeiter werden unnötig sterben", lautet sein düsteres Fazit.

Inzwischen hat die Regierung einen Schwenk vollzogen. Kein Wunder: Sind doch der Premierminister sowie sein Gesundheitsminister Matt Hancock infiziert. Auch der medizinische Chefberater der Regierung, Chris Whitty, und Johnsons umstrittener Berater Dominic Cummings haben sich in Quarantäne begeben. Und der Premier, der noch vor Kurzem demonstrativ Coronavirus-Infizierten die Hände schüttelte, lebt mittlerweile in Selbstisolation in der Downing Street. Sein Essen und seine Akten bekommt er vor die Tür gelegt, von seiner schwangeren Freundin muss er sich fernhalten. In einem Schreiben an 30 Millionen Haushalte in Großbritannien warnt Johnson nun, dass die Situation erst noch schlimmer werde, bevor Besserung in Sicht sei. Dabei droht er mit noch härteren Einschränkungen, falls "wissenschaftlicher und medizinischer Ratschlag uns das vorschreibt".

Ganz so hart sind diese Einschränkungen aber immer noch nicht. So empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO Infizierten, sich auch nach dem Abflauen der Symptome noch zwei Wochen in Quarantäne aufzuhalten, um andere nicht anzustecken. In Großbritannien gelten diese Regeln nicht. Nur eine Woche nach seinem positiven Test auf das Coronavirus will der Premier an diesem Freitag seine Selbstisolation aufheben - auch, wie der "Mirror" schreibt, gegen den ausdrücklichen Rat seines Leibarztes.

Quelle: ntv.de