Panorama

Seuchenhistoriker im Interview "Das ist ein gigantisches Experiment"

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Ein Ende der Corona-Pandemie ist noch nicht absehbar.

(Foto: picture alliance/dpa)

In der Geschichte gibt es hierfür kein Beispiel. Wegen der Corona-Pandemie sind Millionen Menschen isoliert, das öffentliche Leben steht still. Seuchenhistoriker Karl-Heinz Leven sieht vor allem eine Gefahr: den wirtschaftlichen Totalzusammenbruch, wie er im Interview mit ntv.de sagt.

ntv.de: Sie forschen seit Jahrzehnten zur Seuchengeschichte, nun hat das Coronavirus die Welt im Griff. Haben Sie je in Ihrem Leben eine Pandemie dieses Ausmaßes erwartet?

Karl-Heinz Leven: Ich hatte immer die Warnungen vor Seuchen im Blick. Aber mit dieser Wucht habe ich nicht gerechnet. Und die Aktualität der Seuchengeschichte hätte ich in dieser Form auch nicht gebraucht.

Was ist das Besondere an der Corona-Pandemie?

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Karl-Heinz Leven ist Professor für Medizingeschichte und Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Erlangen.

(Foto: privat)

Weltweit müssen Millionen Menschen in ihren Häusern und Wohnungen bleiben, ganze Volkswirtschaften werden heruntergefahren. Dafür gibt es in der Geschichte kein Beispiel. Wir versuchen gerade in der westlichen Welt, eine Pandemie mit allen medizinischen und materiellen Mitteln im Keim zu ersticken, weil wir eine höhere Todesrate nicht akzeptieren. Das ist ein gigantisches Experiment, das es noch nie gegeben hat.

Aber ist es nicht logisch, dass wir dieses Experiment eingehen?

Anfänglich scheinen manche Politiker, so der britische Premierminister Boris Johnson, geplant zu haben, eine Durchseuchung und schnelle Herdenimmunität anzustreben. Das ist natürlich sehr riskant.

Was hat man früher gemacht?

Auch früher ging man gegen Seuchen vor, zum Teil ähnlich wie jetzt: mit Abschließungsmaßnahmen, Quarantäne, Unterbringung der Kranken in Pesthäusern. Dann gab es auch Maßnahmen, die uns jetzt naiv vorkommen: So glaubte man in der frühen Neuzeit, dass Unreinheiten in der Luft die Seuchen verursachen. Deshalb feuerte man Kanonen ab und hoffte, der Pulverdampf würde diese Stoffe neutralisieren. Auch das berühmte Kölnisch Wasser war ursprünglich ein Mittel gegen die Pest, um mit Wohlgerüchen einen für schädlich erachteten Dampf in der Luft zu neutralisieren - eine Art Vorstellung von Desinfektion. Sie hat nur leider nicht funktioniert.

Wie auch? Man wusste ja auch kaum etwas über die Krankheiten.

Es gab die Vorstellung, dass Seuchen eine Art von himmlischer Strafe wären für sündhaftes Verhalten - weshalb zu den Anordnungen auch gehörte, nicht mehr gotteslästerlich zu fluchen oder sich dem Würfelspiel hinzugeben. Die Moral spielt in der Pest eine große Rolle. Auch heute finden wir gelegentlich einen moralischen Unterton in den Anweisungen der Politiker.

Aber es finden keine Hexenjagden mehr statt.

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Zum Glück gibt es diese Gefahr nicht mehr, so schlau sind die Leute jetzt doch. Sie sind medizinisch fundierter informiert - auch über die Ursache der Seuche, das Virus eben. Deshalb kursieren auch viel weniger Verschwörungstheorien. Bei der Pest im 14. Jahrhundert etwa wurden ganze Gemeinden von Juden ausgerottet, weil man sie beschuldigte, die Brunnen zu vergiften. In der frühen Neuzeit gab es Lynchprozesse gegen vermeintliche "Pestsalber", fürchterliche Folterungen, Hinrichtungen. Die öffentliche Hysterie hat sich in Hexenjagden entladen, die öffentliche Ordnung entgleiste in einen Zustand der "Anomie", wörtlich "Gesetzlosigkeit" - was naheliegend war. Immerhin starben bei manchen Seuchen innerhalb kürzester Zeit 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung. Das sind Zustände, von denen wir in der heutigen Pandemie meilenweit entfernt sind.

Welche Gefahren sehen Sie heute?

Die Mortalität wird nicht das Problem sein. Richtig immens und wirklich bedrohlich ist etwas anderes: der wirtschaftliche Totalzusammenbruch, den wir gerade durch die Abschließungsmaßnahmen hervorrufen. Dieser Schaden wird uns noch lange beschäftigen und Folgen haben, von denen sich niemand heute klare Vorstellungen machen kann. Wirtschaftsexperten und Politiker sehen die möglichen Kosten auf Weltkriegsniveau. Es kann jedoch auch ganz anders, das heißt, besser laufen. Das ist möglich. An einer Impfung gegen Corona wird seit Monaten mit Hochdruck gearbeitet, auch wenn wir sie vielleicht erst Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres haben werden - also wohl zu spät für die gerade bestehende Pandemie. Aber zugleich werden auch vielerorts Wirkstoffe, Medikamente ausprobiert. Ein Stoff, der zumindest schwere und schwerste Verläufe mildern kann, wird über Nacht ein weltweites Aufatmen hervorrufen.

Wenn man diese Folgen mitbedenkt: Sind die jetzigen Maßnahmen, der Shutdown der Wirtschaft, verhältnismäßig?

Man sollte anfangen, über die Verhältnismäßigkeit nachzudenken - allerdings ohne moralisch zu werden. Wenn man pauschal sagt: "Es geht um Leben und Tod", bleibt wenig Platz für differenzierte Diskussionen. Die Frage ist, wie weit wir den Einsatz erhöhen und alles auf eine Karte setzen können. Wir müssen schauen, welche Art von Einsatz wir auch weiterhin für eine längere Zeit erbringen können und womit wir den größten Nutzen für die größere Zahl erzielen. Was können wir mit den begrenzten Mitteln erreichen? Diese Frage stellt sich ja auch sonst immer wieder, in der Medizin und auf anderen Handlungsfeldern.

Ist dieses Gesundheitssystem denn gut genug vorbereitet auf die Pandemie?

Das deutsche Gesundheitswesen ist eines der besten der Welt und vergleichsweise gut ausgestattet - auch wenn Pflegekräfte fehlen und es noch andere Probleme gibt. Allerdings müssen in den Kliniken neben den Corona-Fällen weitere Patienten behandelt werden, das ist eine Selbstverständlichkeit und zugleich ungeheure Anstrengung. Durch die Abflachung der Infektionskurve gewinnen wir zwar Zeit. Aber was passiert, wenn wir die Absperrungsmaßnahmen jetzt aufheben?

Wie lange müsste denn jetzt abgesperrt werden?

Nach der Logik der Virologie müsste abgesperrt werden, bis man entweder einen Impfstoff hat, der dann auch auf breiter Basis zur Verfügung steht, oder bis ein einigermaßen zuverlässiges Therapeutikum vorliegt - zumindest ein Mittel, das schwere Verläufe gut abmindern kann.

China scheint dies nicht zu interessieren, das Land hat die Ausgangssperren weitgehend aufgehoben. Angeblich gibt es keine Infektionsfälle mehr.

Was China angeht, stehe ich vor einem Rätsel. Oder um es ein wenig salopp zu sagen: Es scheint, ein medizinisches Wunder geschehen zu sein. Eine sehr ansteckende Krankheit, die recht gefährlich ist, wird auf einmal für nicht mehr vorhanden erklärt. Der letzte Infizierte wurde vor einer Woche mit Blumen begrüßt, und alle Helfer sind wieder nach Hause gefahren. Was ist da los? Die Infektion wird sich natürlich weiter ausbreiten. Ich kann nur spekulieren: Lassen die Chinesen das Virus durch das Land gehen und nehmen die schnelle Durchseuchung in Kauf, um die Wirtschaft zu retten? Hier erhoffe ich journalistische Recherchen, soweit diese möglich sind, wie überhaupt Transparenz und Aufklärung durch die Medien gerade in Pandemie-Zeiten eine sehr wichtige Rolle spielen.

Nach Ihrer Kenntnis von Tausenden Jahren Seuchengeschichte: Was empfehlen Sie im Umgang mit dem Virus?

Dass man nicht verrückt wird und nicht durchdreht, sondern nüchtern bleibt und kühlen Kopf bewahrt. Mein Motto ist: Ein Gramm Gehirn ersetzt 100 Liter Sterillium.

Was die Nüchternheit angeht, scheinen die Deutschen ja bei Kanzlerin Angela Merkel gut aufgehoben zu sein.

Ich habe den Eindruck, dass die deutsche Politik mit Augenmaß und Rationalität vorgeht. Das Wort aus dem Munde der nüchternen Kanzlerin "Die Lage ist ernst und bitte nehmen Sie sie auch ernst", trifft die Lage sehr genau.

Mit Karl-Heinz Leven sprach Gudula Hörr.

Quelle: ntv.de