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Wahlen am Rande Deutschlands Wie Schleswig-Holstein tickt

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Beschaulich und unaufgeregt geht es zu in Schleswig-Holstein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wasser links, Wasser rechts, oben Dänemark, unten Hamburg – so weit die geografischen Eckdaten Schleswig-Holsteins. Am Sonntag wird hier gewählt. Wie sind sie so drauf in Deutschlands nördlichster Peripherie?

Wenn man so fernab vom Schuss lebt, muss man vermutlich einfach cool werden. Schleswig-Holstein, das nördlichste Bundesland der Republik, hat es sich gemütlich gemacht zwischen Hamburg, wo für viele Deutschland schon endet, und der dänischen Grenze. Im flachen Küstenland entwickelte sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte ein ganz eigener Schlag Mensch. "Bodenständig, ehrlich und zuverlässig" seien sie hier, schreibt das Landesmarketing auf der PR-Seite Schleswig-Holsteins. Die Attribute "zufrieden" und "mitunter skurril" ließen sich hinzufügen. Aber dazu später mehr.

An diesem Sonntag wird hier ein neuer Landtag gewählt. Die Wahl ist, gemeinsam mit der in Nordrhein-Westfalen eine Woche später, einer der letzten Stimmungstests vor der Bundestagswahl am 16. September. Aber von dieser Rolle als Taktgeber für den bevorstehenden Bundestagswahlkampf lassen sie sich hier nicht kirre machen. Wie ticken sie, die Schleswig-Holsteiner?

Der Wahl-Berliner muss zunächst einmal neidvoll anerkennen: Die Menschen im hohen Norden sind offensichtlich die glücklichsten im ganzen Land. Zumindest weist das der jährlich erstellte "Glücksatlas" der Deutschen Post so aus. Das Logistikunternehmen zählt dabei nicht etwa die Fälle, in denen dem Briefträger der Wachhund auf den Hals gehetzt wird, sondern vergleicht die Bundesländer anhand verschiedener Indikatoren wie Arbeitslosigkeit und Eigentumsquote, aber auch subjektiv empfundener Lebenslage.

"Small Five" im Watt

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Rasante Abfahrten sind am Bungsberg eher nicht möglich. Aber zum Üben reicht's.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vielleicht ist es eben diese Randlage zwischen Nord- und Ostsee, fernab von manch übertriebenen Aufgeregtheiten, die oft im Rest des Landes zu spüren sind, die eine gewisse Gelassenheit hervorbringt. Schleswig-Holstein ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen. Hier liegt mit Arnis die kleinste Stadt Deutschlands – ein Nest, das mit 300 Einwohnern andernorts nicht einmal als Dorf durchgehen würde. Schön überschaubar eben, wie das ganze Bundesland. Denn Schleswig-Holstein ist platt. Der höchste "Berg" heißt Bungsberg, er erhebt sich gerade einmal 167,4 Meter über Normalnull. In ihrer Not ist der Hügel von den Schleswig-Holsteinern zum nördlichsten Skigebiet Deutschlands erklärt worden. Sogar einen Schlepplift haben sie hier gebaut.

Ansonsten gibt es von einem besonders viel: Wasser. Inklusive der Inseln und Halligen hat die schleswig-holsteinische Küste eine Länge von 870 Kilometern. Schier endlos lässt es sich an Stränden und im Watt wandern. Hier gibt es die "Small Five" zu sehen: So nennen Marketingexperten in Anlehnung an die Sehenswürdigkeiten afrikanischer Safaris die Watt-Tiere Wattwurm, Wattschnecke, Nordsee-Garnele, Herzmuschel und Strandkrabbe.

Schleswig-Holstein ist Tourismusland. Nach Mecklenburg-Vorpommern beherbergt kein anderes Bundesland mehr Gäste pro Einwohner. Rund 27 Millionen Hotelübernachtungen zählten die Statistiker im Jahr 2015. Vor allem auf den Inseln Amrum, Helgoland, Fehmarn und Sylt, aber auch in den Städten Kiel, Flensburg und Lübeck steigen viele Menschen ab. Die Festlandregion ist grün und ansehnlich, es gibt viel Raum für Erholung.

Dänische Minderheit hat Sonderrechte

Wirtschaftlich geht es den Menschen hier gut. Mittlere Einkommen, Wohneigentümerquote, Spareinlagen – alles ist hier durchschnittlich. Mit 6,4 Prozent liegt auch die Arbeitslosenquote etwa auf mittlerem Niveau. Arbeitgeber ist der Mittelstand, 99 Prozent der Arbeitnehmer sind in kleineren und mittleren Firmen beschäftigt. Das heißt aber auch: In Deutschlands Peripherie gibt es kaum Großunternehmen. Der größte Arbeitgeber des Landes ist nach der Bundeswehr das Universitätsklinikum Kiel-Lübeck.

Von großer Bedeutung sind die traditionellen Wirtschaftszweige. Verhältnismäßig viele Menschen sind noch in der Landwirtschaft beschäftigt. Rund zwei Drittel der bundesdeutschen Fischfangflotte operiert von Schleswig-Holstein aus. Mehrere erfolgreiche Reedereien bauen U-Boote, Frachtschiffe und Jachten. Rund ein Fünftel der deutschen Umsätze im Schiffbau werden hier erwirtschaftet. Weniger wirtschaftlich als nachbarschaftlich ist der Grenzhandel mit Dänemark von Bedeutung. Besonders der günstige Alkohol macht Schleswig-Holstein zum beliebten Ziel für dänische Shoppingtouristen.

Überhaupt: Dänemark. Bis zum Deutsch-Dänischen Krieg im Jahr 1864 regierte der dänische König die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Nach dem Feldzug fielen die Gebiete an den Deutschen Bund. Nach dem Ersten Weltkrieg ging Nordschleswig nach einer Volksabstimmung wieder an Dänemark. Die Nazis besetzten das neutrale Dänemark 1940. Nach dem Krieg verzichtete der Nachbar darauf, die Grenze neu zu ziehen. Durch das viele Hin und Her gibt es im Norden des Bundeslandes eine dänischsprachige Minderheit von etwa 50.000 Menschen. Im schleswig-holsteinischen Wahlrecht schlägt sich deren Schutz nieder. Der Südschleswigsche Wählerverband, der bei der letzten Wahl 4,6 Prozent erreichte, ist von der Fünfprozenthürde befreit und damit fester Bestandteil des Landtags. Der SSW regiert sogar mit.

Blühstreifen, Wallhecken, Heilfasten

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Heilfasten vor dem Wahlkampfendspurt: Bärbel Boy und Torsten Albig gehen durch dick und dünn.

(Foto: picture alliance / Daniel Reinha)

Der Dänen-Bonus ist nicht die einzige Skurrilität bei den Wahlen im Norden. Sagen wir, interessant sind auch die Themen, um die es geht. Wer den Wahl-o-Mat für den Urnengang durchgeht, muss sich mit der Frage auseinandersetzen, ob Bauern verpflichtend einen sogenannten Blühstreifen zum Schutz von Bienen anlegen sollten. In einem bestimmten Zusammenhang sicher wichtig ist auch, ob Landwirte Wallhecken am Feldrand nach Gutdünken beschneiden dürfen oder nicht. Solche kniffligen Entscheidungen können Wähler, und dazu gehören bei der Landtagswahl auch schon 16-Jährige, schon überfordern.

Gut, dass es da auch weiche Faktoren gibt: Kurz vor dem Wahltermin gab Ministerpräsident Torsten Albig in der "Bunten" bekannt, seine neue Freundin Bärbel Boy heiraten zu wollen. Die Trennung von seiner Frau sei ihm schwer gefallen. "Wir haben uns ja mal sehr geliebt", gibt er preis. Aber man habe sich zuletzt kaum noch auf Augenhöhe ausgetauscht. "Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle der Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen." Dies werfe er sich insbesondere selbst vor. Einer aus dem Volk ist er: Gerade erst habe er mit seiner Verlobten Bärbel zehn Tage lang Heilfasten gemacht – Brühe, verdünnte Säfte, Tee, sonst nichts. "Das war ein guter Einstieg in die heiße Phase des Landtagswahlkampfs."

Piraten schaffen es nicht mehr

Die konnte Albig auch aus anderen Gründen vergleichsweise entspannt angehen. Einen richtigen Schulz-Effekt gab es zwar nicht, aber Umfragen ergaben lange Zeit, dass die Mehrheit steht. Zuletzt sah es aber deutlich knapper aus: SPD und Grüne liegen mit zuletzt 29 und 12 Prozent etwas unter dem Niveau des letzten Wahlergebnisses. Mit dem SSW bilden sie bisher die sogenannte Dänen-Ampel. Auch der SSW rutscht in Umfragen immer wieder auf 3 Prozent. Die Union holt dagegen auf, kommt mit 32 Prozent trotz des vergleichsweise unbekannten Spitzenkandidaten (er heißt Daniel Günther) an Albig vorbei. Stark sind im Norden dank des populären Wolfgang Kubicki die Liberalen, sie kommen auf bis zu 11 Prozent. Die Linken dürften erneut draußen bleiben.

Und auch die AfD muss bangen. Nicht nur wegen eines auch ohnehin recht polarisierten Parteienspektrums, auch wegen akuter regionaler Unmöglichkeit ist der Einzug ins Parlament ungewiss: Parteikader zeigen einander an. Mal zweifelt der eine die Rechtmäßigkeit der Vorstandswahl an. Ein anderer, Kreisvorsitzender Nico Gallandt, will es verständlicherweise nicht hinnehmen, dass ihn Landesvizechef Volker Schnurrbusch mit einem Stuhl verprügelt hat – zumindest behauptet Gallandt, dass es so gewesen sei, was Schnurrbusch wiederum abstreitet.

Der Einzug ins Parlament wird auch den Piraten dieses Mal nicht mehr gelingen. 2012 kamen sie noch auf 8,2 Prozent und haben, wie man so schön sagt, frischen Wind ins Parlament gebracht. Ihre Abgeordneten sind gemessen an eingebrachten Gesetzesinitiativen die fleißigsten. Manche Erfolge hatten sie, etwa das Herabsenken des Wahlalters auf 16 Jahre. Doch ihre Umfragewerte sind trotz tapferen Wahlkampfs kaum mehr messbar, sie liegen bei zuletzt unter 1 Prozent. Fliegen die Piraten in Kiel und eine Woche später in Düsseldorf aus den Landtagen, ist diese Orchidee der deutschen Parteiengeschichte wohl endgültig verblüht.

Quelle: n-tv.de

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