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Kabinett in Corona-Zeiten Lauterbach muss Gesundheitsminister werden

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Wahrscheinlich prüft Karl Lauterbach gerade, ob es neue Studien zu Covid-19 gibt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sein Alarmismus mag nerven, aber sein Fachwissen spricht klar für ihn: Wenn die Ampelkoalition wirklich neue Wege gehen will, muss sie Karl Lauterbach zum Nachfolger von Jens Spahn machen.

Neulich ging das große Zittern unter Pflegekräften um. Da hieß es, die FDP solle den Gesundheitsminister stellen. Was vor allem ängstlich aufgenommen wurde, war der Name des angeblichen Kandidaten für den Posten: Michael Theurer. Auf Jens Spahn würde ein Volkswirt folgen, der auf der Webseite der FDP-Bundestagsfraktion als "zuständig für 'Vorankommen durch eigene Leistung': Arbeit und Soziales, Gesundheit, Tourismus, Wirtschaft und Energie" beschrieben wird. Heißt: Gesundheit ist nur eines seiner vielen Gebiete.

Das Gesundheitsministerium erfordert detailliertes Fachwissen, das man nicht innerhalb weniger Wochen aufbauen kann. Der neue Amtsinhaber muss schnell handeln. Er wird - schon gar nicht jetzt, wo das Gesundheitssystem Fehler offenbart und Hunderte Pflegekräfte aus Frustration kündigen - keine Zeit haben, sich monatelang einzuarbeiten. Denn passiert in dieser Wahlperiode nichts Grundlegendes, wird der Pflegenotstand noch schlimmer, als er es schon ist.

Nachdem nun klar ist, dass das Gesundheitsministerium an die Sozialdemokraten geht, wird ständig ein Name genannt, der auf der Hand liegt: Karl Lauterbach. Kaum jemand polarisiert so stark wie der SPD-Politiker. Für die einen ist er ein Hysteriker, der ständig Panik verbreitet, weil er auf Hiobsbotschaften immer noch eins oben draufsetzt. Für die anderen ist er ein besorgter Mahner, der die Bevölkerung, stets bestens informiert, über das Virus aufklärt.

Er wäre der bestmögliche Kandidat

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Lauterbach ist sehr wohl eine Alarmsirene ohne Abstellknopf, sein ewiges Warnen führt bei einigen zu Verdruss. Es ist nicht das Gesagte, was nervt, sondern die Penetranz, die Lauterbach an den Tag legt - und an den Abend, wenn er bei Anne Will und Co ist. Er selbst sagt darüber: "Für jemanden, der Epidemiologe ist, ist im politischen Geschäft die Warnung eine weitverbreitete Währung." Das ist ehrlich, aber auch traurig und nicht hilfreich, weil es Panik erzeugt oder verstärkt.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Lauterbach lag mit Einschätzungen zur Pandemie meist richtig, seine Ratschläge machten im Kern vielfach Sinn, weite Teile der Bevölkerung vertrauen ihm und hören auf ihn. Er ist garantiert kein Politiker, dem man Faulheit unterstellen kann. Im Gegenteil ist er ein Workaholic, der sich nachts noch die neusten Corona-Studien reinpfeift. Definitiv ist Lauterbach ein Fachmann. Er hat Medizin studiert und ist (beurlaubter) Professor und Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität Köln.

Genau das macht ihn zum bestmöglichen Kandidaten für den Posten des Gesundheitsministers. Er wäre nach dem FDP-Mann Philipp Rösler vor mehr als zehn Jahren der erste Arzt auf dem Chefsessel des Ressorts - allein das spricht für ihn, auch wenn er nicht praktiziert und den Klinikalltag nicht aus eigener Erfahrung kennt. Aber Lauterbach hat ein dickes Fell, was zwingend notwendig ist für den Ministerposten, der es mit einer Heerschar von Lobbyisten zu tun hat. Schon bei der Bildung der Großen Koalition vor vier Jahren wäre er beinahe zum Zuge gekommen. Lauterbach akzeptierte die Entscheidung zugunsten Spahns und half ihm später, viele Punkte des Koalitionsvertrages abzuarbeiten.

Warnendes Beispiel ist Anja Karliczek

Es wäre bitter, ginge der Kelch abermals an dem Sozialdemokraten vorbei, nur weil er aus der falschen Region kommt und das falsche Geschlecht hat. Olaf Scholz möchte sein Kabinett paritätisch bilden. Gut und schön. Aber Fachwissen und jahrelange politische Erfahrung auf Bundesebene wären noch schöner. Ja, Lauterbach ist eine Ich-AG und ein Egoshooter. Doch Selbstüberzeugung braucht man, um ein Ministerium dieser Bedeutung zu führen.

Die Sorge, dass Lauterbach als Minister jeden Tag warnen, orakeln und schwarzmalen würde, ist sicher berechtigt. Der Stimmung täte das nicht gut in einem Land der gereizten Stimmung und blank liegender Nerven. Doch wäre Lauterbach umgeben von Pressesprechern, die ihn zügeln würden. Der Mann ist nicht doof und er ist loyal. Ein Anpfiff von Kanzler Scholz und er dürfte sich an den Riemen reißen. Lauterbach mag eitel sein, aber er ist keine unberechenbare Kanonenkugel, die als Dauergefahr durch das Regierungsviertel flippert.

Wollen die SPD und die Ampelkoalition tatsächlich, wie ihre Vertreter immer wieder beteuern, einen neuen Politikstil des Miteinanders begründen, sollte sie nach Kompetenz entscheiden und Lauterbach nicht verhindern, weil er als Egoshooter verschrien ist. Warnendes Beispiel ist Anja Karliczek. Anfang 2018 holte Kanzlerin Angela Merkel ihre Parteikollegin aus dem politischen Niemandsland und machte sie zur Ministerin für Bildung und Forschung. Sie war eine Fehlbesetzung, was erst richtig deutlich wurde, als ganz Deutschland in der Pandemie über die Bedeutung von Forschung und freier Wissenschaft diskutierte.

Trotzdem wollte Karliczek im Amt bleiben. "Nach vier Jahren kenne ich die Stellschrauben, an denen man drehen muss, auch um Armin Laschets Versprechen eines Modernisierungsjahrzehnts umzusetzen." Vier Jahre Üben kann sich Deutschland nicht mehr leisten - schon gar nicht im Gesundheitswesen.

Quelle: ntv.de

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